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Pink und gemein: Toeis Pinky Violence-Filme

Ein FILMTIPPS.at-Special.

Bereits in meinem FILMTIPPS.at-Spezial zum schmierigen Sexploitation Sub-Genre des Frauengefängnisfilms habe ich im Abschnitt über fernöstlich-schwedische Gardinen ein wenig weiter ausgeholt und ein paar Informationen zum japanischen Genre des Pink Films (pinku eiga) und dessen Sub-Genres Pinky Violence einfließen lassen.

Da wir hier bei FILMTIPPS.at ein Herz für Schmutziges, Verwegenes und Abseitiges haben und in letzter Zeit viele seriöse Kinofilme besprochen wurden – ganz zu schweigen von total seriösen Steven Seagal-Filmen –, dachte ich mir, dass es an der Zeit ist noch einmal im Land der aufgehenden Sonne vorbeizuschauen. Also hab ich schnell beim Chef an die Bürotür geklopft, ihn beim x-ten Komplettdurchgang TWILIGHT (2008) unterbrochen und dafür zehn Schläge mit dem Team Jacob-Paddel kassiert. Das war’s allerdings wert, denn direkt danach habe ich die Erlaubnis bekommen und mich direkt an die Schreibmaschine des 21. Jahrhunderts gesetzt, um diese Zeilen zu tippen.

Bevor wir nun aber loslegen, noch ein paar Worte der Warnung: Es wird „pink“ und es wird „violent“. Emma-Abonnenten, Waldorf-Absolventen und andere zarte Pflanzen stellen sich lieber schon einmal die Baldrian-Tropfen bereit.

Noch einmal hole ich kurz etwas weiter aus, um zu erzählen, woraus sich das Sub-Genre des Pinky Violence eigentlich entwickelt hat: aus dem Pink Film, auch pinku eiga genannt. Diese Filme entstanden bereits Anfang der 60er Jahre und brachten das erste Mal Sex in größerem Umfang in die japanischen Kinos. Allgemeinhin wird der 1962 von Satoru KOBAYASHI gedrehte Film FLESH MARKET (1962) als erster Pink Film der Filmgeschichte betrachtet. Kobayashi – der in späteren Jahren für Nikkatsu arbeiten sollte – legte mit seinem 49 Minütigen „Schmuddel-Filmchen“ also den Grundstein für ein bis heute mal mehr, mal weniger erfolgreiches Genre, das seine Hochphase in den 60er und 70er Jahren hatte. FLESH MARKET ist nicht mehr komplett verfügbar, da die japanische Polizei den Film zwei Tage nach seiner Premiere inklusive aller Negative beschlagnahmte. Nur einige Fragmente und Outtakes konnten wohl gerettet werden.

Während der pinku eiga die gesamten 60er hindurch erfolgreich lief und sich mehr und mehr im Kino etablieren konnte, wurde er erst in den 70er Jahren wirklich erfolgreich, nämlich als eines der Major-Studios beschloss seine finanziellen und personellen Möglichkeiten zu nutzen und in das Geschäft einzusteigen. Nikkatsu, das älteste japanische Major-Studio begann Anfang der 1970er Jahre selber eine Reihe von Softsexfilmchen zu drehen, die heutzutage allgemein unter dem Begriff Nikkatsu Roman Porno zusammengefasst werden – im Endeffekt aber natürlich pinku eiga sind.

Im Gegensatz zu europäischen Werken selber Couleur, zum Beispiel LIEBESGRÜSSE AUS DER LEDERHOSE (1973) oder DREI SCHWEDINNEN IN OBERBAYERN (1977), setzten die Japaner von vorneherein auf eine eher künstlerische Umsetzung. Somit haben viele der damals entstanden Filme nicht nur eine richtige Handlung sondern sind auch visuell sehr ansprechend umgesetzt. Dies verdankt sich dem glücklichen Umstand, dass die Studios den Regisseuren freie Hand liesen, solange sie bloß eine gewisse Quote an Sexszenen erfüllten und das Budget nicht überzogen. Beispiele aus den 70er Jahren sind Tatsumi KUMASHIROS Sex-Drama WET DESIRE (1972) oder der später entstandene FLOWER & SNAKE (1974) mit dem auch S&M-Elemente ihren Einzug ins Genre fanden.

Dass Pink Filme, auch von anderen Studios als Nikkatsu, bis ins neue Jahrtausend hinein relativ erfolgreich liefen, zeigen die moderneren Vertreter THE GLAMOROUS LIFE OF SACHIKO HANAI (2003), der im Rahmen einer Trash-Reihe sogar auf arte lief – und somit also als höchst anspruchsvoll betrachtet werden darf, hrhr –, sowie THE STRANGE SAGA OF HIROSHI THE FREELOADING SEX MACHINE (2005). Heftige Konkurrenz bekam das Genre allerdings schon in den 80er Jahren mit dem immer geläufiger werdenden Medium VHS, das pornographische Filme allgemein verfügbarer machte – und die allgemeinhin noch den Vorteil hatten weitaus expliziter zu sein, als die ohnehin schon freizügigen Pink Filme. Das Internet trägt durch die allumfassende Verfügbarkeit von Pornographie heutzutage dazu bei, dass das Genre des pinku eiga es noch schwerer hat, doch unterzukriegen ist es nicht.

Doch zurück in die 60/70er Jahre. Denn als die Toei Studios merkten, dass Nikkatsu mit seinen Erotikfilmchen ordentliche Anteile am Kinomarkt einnahm und gutes Geld verdiente, beschlossen sie auch mit auf den Zug aufzuspringen. Toei ging jedoch schnell einen komplett anderen Weg. Anders als die eher sanften Filme des Konkurrenten, bedienten sie sich im Genre der Polizei- und Gangfilme, setzten Frauen in den Hauptrollen ein und erschufen so eine Art durchgängiges Böse-Mädchen-Schema. Die in den pinku eigas Nikkatsus bestimmenden Sexszenen wurden weniger und eher in den Hintergrund gerückt. Sie waren nicht mehr allzu wichtig, denn Toei erregte die Aufmerksamkeit der Zuschauer mit anderen Mitteln. Anstelle von lupenreinem Sex setzten die Regisseure fortan auf sexualisierte Gewalt und mischten sie munter mit Mord und Folter. Die weiterhin vorhandenen Sexszenen waren nun eher unfreiwilliger Natur, was den Pinky Violence-Film in die Nähe des Rape and Revenge-Sub-Genres bringt.

Was beide Sub-Genre gemeinsam haben sind die dabei starken Frauenfiguren, denn auch wenn sie heftigen Übergriffen ausgesetzt sind, so behalten sie letztlich doch immer die Oberhand und was den miesen, schmierigen Kerlen am Ende blüht, ist meist ein ultrabrutales, äußerst schmerzhaftes Ende. Ein wirklich gelungener Pinky Violence-Beitrag ist Norifumi SUZUKIs SEX AND FURY (1973) mit Reiko IKE als schöne und nackte Rächerin – ebenso mit dabei ist Christina Lindberg, die ihrerseits die Hauptrolle in THRILLER - EN GRYM FILM (1974) spielte, womit eine Brücke zum Rape and Revenge-Film geschlagen wäre. Bei SUZUKIs bildgewaltigem und imposanten Reigen der Gewalt ist der Titel absolutes Programm. Neben viel misogynen Grausamkeiten wird jedoch stets deutlich, dass Inoshika Ocho (Reiko IKE) stets stärker als ihre Gegner ist und ihren Körper selbst todbringend einzusetzen weiß. Als Einstieg ins Genre ist SEX AND FURY auf Grund der zahlreichen Schauwerte in Verbindung mit einer durchdachten Geschichte, im Gewand eines Chambara, durchaus zu empfehlen.

Wer danach erst richtig angefixt ist und noch Lust auf mehr Chambara-Pinky Violence hat, der mag sich an die bereits im selben Jahr erschienene Fortsetzung FEMALE YAKUZA TALE (1973) halten, in der verstärkt Krimi-Elemente Einzug gehalten haben. Was jedoch nicht bedeutet, dass Regisseur Teruo ISHII – der bereits 1968 für Toei SHOGUN'S JOYS OF TORTURE und TOKUGAWA - GEQUÄLTE FRAUEN (1968) inszenierte –, auf die genrebestimmenden Zutaten verzichtete oder diese gar in den Hintergrund stellte. FEMALE YAKUZA TALE wird an manchen Stellen gar arg extrem und ausschweifend. Auch extrem geht es zu in BOHACHI BUSHIDO: CODE OF THE FORGOTTEN EIGHT (1973) – Ihr merkt schon, 1973 war ein arbeitsreiches Jahr für die Toei-Regisseure –, der indes lose mit der GEQUÄLTE FRAUEN-Reihe verbunden ist.

Weniger historisch geht es in den eher zeitgenössischen Beiträgen zum Pinky Violence-Film zu, die sich auch vermehrt mit Mädchenbandenkriminalität beschäftigen und ihr Gimmick – böse Mädchen, die ordentlich in Ärsche treten – gekonnt in Bahnen lenken, um die üblichen Genre-Elemente, wie sexualisierte Gewalt und Folter, zahlreich zelebrieren zu können. Mit dem – vor allem in Japan – äußerst beliebten Schulmädchenfetisch spielt der, mit Reiko Ike und Miki Sugimoto gleich zwei Genre-Ikonen auffahrende Film TERRIFYING GIRLS’ HIGH SCHOOL: LYNCH LAW CLASSROOM (1973). Dieser zweite Beitrag einer vier Filme umfassenden Reihe ist der – jedenfalls meines Wissens nach – einzige bisher in der westlichen Welt auf DVD veröffentlichte Teil. Was wirklich schade ist, denn TERRIFYING GIRLS‘… ist ein zwar nicht perfekter, aber doch spaßiger Beitrag zum Genre. In eine ähnliche Kerbe wie die TERRIFYING GIRLS‘ HIGH SCHOOL-Filme schlagen auch die zahlreichen GIRL BOSS-Filme in denen es, ihr ahnt es sicherlich schon, um Mädchenbanden geht. Allesamt inszeniert von SEX & FURY-Regisseur Norifumi SUZUKI sind im westlichen Raum vor allem GIRL BOSS GUERILLA (1973) und GIRL BOSS REVENGE: SUKEBAN (1973) erhältlich. In diesen Filmen sind die Pinky Violence-Elemente sehr zurückgenommen und auch im Vergleich mit den HIGH SCHOOL-Film eher harmloser Natur.

Dagegen ist Toeis vermutlich härtester Beitrag – mindestens aber einer der härtesten – zum Pinky Violence-Film ZERO WOMAN RED HANDCUFFS ein Teufelsritt von einem Film. Brutaler und bösartiger –  mit einer fiesen, extrem nihilistischen Grundstimmung – war kaum einer der in den wilden 70ern entstandenen Filme. Nicht gerade als Einsteigerfilm geeignet,  packte Regisseur Yukio NODA alle Zutaten zusammen, die Pinky Violence zu einem moralisch so fragwürdigen Sub-Genre machen – Vergewaltigung, Folter, Missbrauch, Mord und Totschlag und das alles zelebriert bis zum Exzess.

Der wohl bekannteste Vertreter hingegen ist eigentlich ein Frauengefängnisfilm, auf Grund sich überschneidender Charakteristika und der Tatsache, dass auch dieser Film aus dem Hause Toei stammt, ist eine Doppelkategorisierung jedoch möglich. Die Rede ist von Shunya ITOs Mangaverfilmung SASORI – SCORION (1972). Aus diesem Film wurde eine offiziell vierteilige Reihe. Weitere Teile die im Endeffekt hauptsächlich den Titel und den Namen Sasori mit den Originalfilmen gemein haben, erschienen auch danach, so zum Beispiel SHIN JOSHU SASORI: 701-GO (1976) – zu bekommen sind diese jedoch ausschließlich im asiatischen Raum, eine Übersetzung ins Englische oder Deutsche ist mir nicht bekannt. Aber, bleiben wir beim Original. Die ersten drei Teile der Reihe wurden von Shunya ITO selbst inszeniert, der vierte Teil SASORI - GRUDGE SONG (1973) von Yasuharu HASEBE.

Was diese Reihe und vor allem den ersten Teil SCORPION sowie den direkten Nachfolger SASORI: JAILHOUSE 41 (1972) auszeichnet, ist das hohe technische Geschick mit dem sie umgesetzt wurden. Zwar sind viele der Genre-Beiträge, vor allem visuell, beeindruckend, jedoch darf Shunya ITO mit Fug und Recht als Meister seines Fachs gelten. Seine SASORI-Filme sind von surrealen Elementen durchsetzt und bezaubern und faszinieren durch die geschickt inszenierte und spielerische Umsetzung. Dabei überzeugen diese Filme auch abseits ihrer harten exploitativen Elemente, vor allem auch durch die bezaubernde Meiko KAJI, der Ikone des japanischen Sexploitationkinos der 1970er Jahre.

So wie Nikkatsus Roman Porno bezieht sich der Begriff Pinky Violence eigentlich hauptsächlich auf Filme aus den Toei-Studios. Weitestgehend mit aufgeführt werden kann an dieser Stelle trotzdem noch Tohos RICA-Trilogie. Sie besteht aus den Filmen RICA (1972), RICA 2: LONELY WANDERER (1973) sowie RICA 3: JUVENILE'S LULLABY (1973). In der Hauptrolle Rika AOKI, die lediglich einen weiteren Film drehte - GAKUSEI YAKUZA (1974), über den aber selbst die IMDb kaum Informationen bereithält. Die RICA-Trilogie kann quasi als Teil des „Expanded Universe“ der Pinky Violence-Filme gesehen werden und nimmt sich im Vergleich äußerst harmlos aus.

Zum Abschluss bleibt mir noch zu sagen, dass Pinky Violence-Filme – das gebe ich gerne zu – moralisch äußerst fragwürdig sind und die Elemente Sex und Gewalt auf eine leichtfertige, spielerische Weise vermischen, wie es nur die Japaner können, beziehungsweise konnten. Gegen einige von Toeis Beiträgen wirken zahlreiche Frauengefängnisfilme – immerhin schon das ein wenig massen- und frauenkompatibles Sub-Genre – gar für die wöchentliche Kinovorführung in der Klosterschule geeignet. Vor allem die extreme sexualisierte Gewalt kann einen schon mal sauer aufstoßen lassen. Gleichzeitig fällt jedoch die künstlerische Finesse auf, mit der die Regisseure oft zu Werke gingen und auch die Autoren erzählten regelmäßig Geschichten, in die sich die exploitativen Elemente einfügten, statt nur einfach dadurch verbunden zu werden. Darüber hinaus bietet die Behandlung von Frauen in diesen Filmen einen sehr aufschlußreichen Einblick in das eher erschreckende Frauenbild im Japan der 70er Jahre.

Dennoch darf man nie vergessen, dass in vielen dieser Filme die Frauen letztlich doch die starken Figuren sind. Moralisch nicht weniger freizügig als die Männer, sind meist sie es, die letztlich die Oberhand behalten und den Fieslingen zeigen, wo es langgeht.

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Im Anschluss - quasi als extra FILMTIPPS.at-Service für unsere treuen Leser - könnt ihr in der nachfolgenden Liste alle im Text erwähnten Filme in alphabetischer Auflistung finden. Die Rezensionen – und eventuell weitere Filme – werden nach und nach ergänzt.

Liste aller erwähnten Pinky Violence-Filme (nach Alphabet):

BOHACHI BUSHIDO: CODE OF THE FORGOTTEN EIGHT
(1973)
FEMALE YAKUZA TALE (1973)
GIRL BOSS GUERILLA (1973)
GIRL BOSS REVENGE: SUKEBAN (1973)
RICA (1972)
RICA 2 LONELY WANDERER (1973)
RICA 3 JUVENILE’S LULLABY (1973)
SASORI: DEN OF THE BEAST (1973)
SASORI: GRUDGE SONG (1973)
SASORI: JAILHOUSE 41 (1972)
SASORI: SCORPION (1972)
SEX AND FURY (1973)
SHIN JOSHU SASORI: 701-GO (1976)
TERRIFYING GIRLS’ HIGH SCHOOL: LYNCH LAW CLASSROOM (1973)
ZERO WOMAN RED HANDCUFFS (1977)

Pink und gemein: Toeis Pinky Violence-Filme Bild 1
Pink und gemein: Toeis Pinky Violence-Filme Bild 2
Pink und gemein: Toeis Pinky Violence-Filme Bild 3
Pink und gemein: Toeis Pinky Violence-Filme Bild 4
Pink und gemein: Toeis Pinky Violence-Filme Bild 5
Pink und gemein: Toeis Pinky Violence-Filme Bild 6
Pink und gemein: Toeis Pinky Violence-Filme Bild 7
Pink und gemein: Toeis Pinky Violence-Filme Bild 8

Dein Kommentar >>
Ralf | 10.08.2015 17:16
Vielen Dank für diesen Artikel!
War in letzter Zeit wirklich arg viel Mainstream...
;-)
Harald | 10.08.2015 23:06
... und es kommt noch mehr ;-)
Johannes | 11.08.2015 08:08
Dann muss ich wohl mal wieder die Jess Franco Collection rauskramen... :D
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