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GOOD MOVIES FOR BAD PEOPLE
Poll

Poll

DRAMA: DE, AT, ET, 2010
Regie: Chris Kraus
Darsteller: Paula Beer, Edgar Selge, Tambet Tuisk, Jeanette Hain, Erwin Steinhauer, Jeanette Hain

STORY:

Oda ist vierzehn als ihre Mutter stirbt. Nach diesem einschneidenden Ereignis zieht sie zu ihrem Vater, der mit seiner neuen Familie an der baltischen Ostseeküste lebt. Es ist eine Zeit der Umbrüche: In Sarajevo fällt der österreichische Thronfolger einem Attentat zum Opfer. Im Untergrund sammeln sich Anarchisten, deren Aufbegehren blutig niedergeschlagen wird. Die hochbegabte aber verschlossene Oda tut sich schwer, sich in ihre neue Umgebung einzuleben. Schließlich findet sie durch Zufall einen schwer verwundeten estnischen Anarchisten. Das Mädchen beschließt ihm zu helfen...

KRITIK:

"Als ich noch ein Kind war, hat mein Vater mir beigebracht, dass die Erde ein Ort ist, an dem ich eines Tages verschwinden werde. Nichts wird von mir bleiben. Keines meiner Gefühle wird mich überdauern. Es wird sein, als hätte es mich nie gegeben."

Es ist nun schon eine Weile her, dass Chris Kraus mit seinem Überraschungserfolg "Vier Minuten" von sich reden machte. War "Vier Minuten" noch ein beinahe schon intimer Schauspieler(innen)-Film, der sich ganz auf seine Figuren konzentrierte, so spielt Poll schon in einer ganz anderen Liga. Das Budget dürfte wohl um einiges höher gewesen sein, was sich in der pompösen Ausstattung und der Kulisse niederschlägt.

Vor allem der titelgebende Gutshof, der eigens für den Film direkt im Wasser errichtet wurde, gibt schon etwas her. Und auch die beeindruckenden Kamerafahrten dürften einiges gekostet haben. Ja, es sind bombastische Bilder, mit denen Poll aufwartet.

Umso erstaunlicher, dass sich hinter der bombastischen Fassade ein eigentlich recht persönlicher Film verbirgt. Chris Kraus wollte mit Poll der längst in Vergessenheit geratenen Schriftstellerin Oda Schaefer, seiner Großtante zweiten Grades, ein Denkmal setzen.

Zwar findet man zu Beginn des Films den Hinweis, dass Poll auf einer wahren Begebenheit beruht, aber als bare Münze darf man dies jedoch nicht nehmen. Ich würde mal sagen, der Film wurde lose inspiriert von Figuren, die einmal gelebt haben. Und vom komplizierten Verhältnis zwischen Deutschen, Balten und Russen zu Beginn des 19. Jahrhunderts.

Anfangs wirkt der Film etwas überladen. Zwar werden dem Zuschauer viele Schauwerte geboten und man sieht die Schauspieler mit bedeutungsschweren Mienen durch den Film gehen, aber wirklich in Fahrt kommt der Film erst, als die Figuren eingeführt wurden und der Film sich mehr und mehr auf Oda fokussiert. Das liegt vor allem daran, dass Regisseur Kraus dann wieder seine Stärken ausspielen kann.

Bereits in "Vier Minuten" hat sich gezeigt, dass Kraus es vorzüglich beherrscht seine Schauspieler zu führen und in Szene zu setzen. Und auch bei Poll ist es nicht anders. Zu den besten Szenen gehören in Poll zweifelsohne jene, in denen Oda ihre künstlerische Begabung entdeckt und unter Anleitung ihres geheimnisvollen Freundes entwickelt. In solchen Momenten versprüht der Film eine Leichtigkeit und Energie, wie man sie in einer solchen Produktion gar nicht vermuten würde. Das liegt nicht zuletzt an Nachwuchsschauspielerin Paula Beer. Wenn man sie so spielen sieht, mag man kaum glauben, dass sie erst vierzehn war, als sie die Rolle bekam und Poll ihr erste Film war. Und auch die anderen Darsteller (Edgar Selge, Jeanette Hain, ...) liefern großartige Leistungen ab.

"So lange ich denken kann, hat mein Vater für den Tod gelebt. Für den er eine große Zuneigung empfand. Eine größere vielleicht, als für mich."

Auch die Widersprüchlichkeit einzelner Figuren ist interessant. Auf dumpfe Schwarz-Weiß-Zeichnungen wird glücklicherweise verzichtet, sodass man als Zuschauer noch länger über die einzelnen Figuren und die Motive, die sie wohl angetrieben haben mögen, nachsinnen kann. Poll ist streckenweise brutal, dann wieder schön und immer auch ein wenig melancholisch. Es sind meist verlorene Seelen, die in Poll gezeigt werden. Noch klammern sie sich an das Altbekannte, weil sie verdrängen, dass die ihnen wohlbekannte Welt sich bereits im Untergang befindet, dass das Vertraute langsam aber stetig im Verschwinden begriffen ist. Lediglich Oda hat das feine Gespür, das notwendig ist um zu erkennen, dass es keine Untergänge, sondern nur Übergänge gibt.

Es sind durchaus interessante Themen die Poll anschneidet. Die Umsetzung ist manchmal aber leider wenig subtil. So übertreibt es der Film gerne einmal. Vor allem die bombastische Musik wirkt hie und da etwas zu dick aufgetragen. Statt auf den Hintergrund einzugehen beschäftigt sich Poll oftmals leider nur mit Schauwerten. Dass die Geschichte, die erzählt wird, dicht und spannend ist und der schauspielerischen Leistung tut das freilich keinem Abbruch, aber es trübt halt ein wenig das Filmvergnügen.

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FAZIT:

Poll ist ein bildgewaltiger, streckenweise poetischer Film, der von einer Zeit des Umbruchs und von der Vergänglichkeit erzählt. Die historischen Kostüme und das detailverliebte Setting bieten ordentliche Schauwerte und auch die Schauspieler sind durch die Bank gut, vor allem Hauptdarstellerin Paula Beer liefert eine beeindruckende Performance ab.

WERTUNG: 7 von 10 mit den Händen zerdrückten Fröschen
TEXT © Gerti
Dein Kommentar >>
Nico | 25.10.2011 23:31
toller Film!! Darstellerin und Schauwerte haben mich
auch sehr beeindruckt... - ich find, der Regisseur hat
ein Händchen für Stoffe mit weiblichen
Protagonistinnen... und ich hoffe, er lässt von der
Richtung nicht ab...- wie in Vier Minuten fand ich die
Perspektive faszinierend... - eine insgesamt sehr
stimmige Produktion...
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