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GOOD MOVIES FOR BAD PEOPLE
Ring

Ring

OT: Ringu
HORROR: J, 1998
Regie: Hideo NAKATA
Darsteller: Matsushima NANAKO, Sanada HIROYUKI, Nakatani MIKI, Sato HITOMI

STORY:

Es kursiert ein Gerücht. Über ein Video. Das man sieht und danach nur noch eine Woche zu leben hat. Als die Nichte der Reporterin Asakawa stirbt, beschleicht diese der Verdacht, dass an dieser urbanen Legende tatsächlich etwas dran sein könnte. Und tatsächlich: Sie findet das Videotape und sieht es sich an. Und hat nur noch sieben Tage Zeit, um das grausige Geheimnis des Videos zu lüften.

KRITIK:

Kollege Chris war seinerzeit ja hellauf begeistert von RINGU und hat dem japanischen Gruselschocker, der die J-Horror Welle im Westen auslösen sollte, nicht weniger als die volle Punktzahl gegeben. Normalerweise gehe ich relativ konform mit Chris' Meinung, was vermutlich auch daran liegt, dass wir einen sehr ähnlichen Geschmack haben, wenn es um Filme geht.

Bei RINGU allerdings halte ich diese Bewertung für zu hoch angesetzt und den ersten Teil des RING-Franchise etwas zu überschätzt – jaja, SUCKER PUNCH und so, ich weiß. Ihr könnt euch in den Kommentaren gerne darüber auslassen. Jedenfalls hatte ich vor kurzem Lust die Romanvorlage THE RING von Kôji Suzuki zu lesen und nachdem ich fertig war, kam dann die Verfilmung dran. Dabei sind mir einige deutliche Unterschiede aufgefallen, im Positiven wie im Negativen.

In meiner Besprechung möchte daher auch näher auf die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zur Vorlage eingehen, weshalb das Ganze etwas ausführlicher wird und dementsprechend große SPOILER enthält. Vermutlich gibt es kaum noch jemanden, der bis heute nicht über RINGU Bescheid weiß und so gut wie alles daraus kennt, selbst wenn er ihn nicht gesehen hat. Trotzdem, wer sich den Spaß erhalten will, RINGU ohne Vorabwissen zu schauen, dem empfehle ich die spoilerarme Kritik von Chris.

Was ich RINGU direkt zu Gute halten möchte, ist seine erfrischende Herangehensweise an den Schrecken. Im Gegensatz zu amerikanisch geprägter Standard-Horrorware, verzichtet Hide NAKATAs Verfilmung fast komplett auf Jump Scares oder peinliche "Huch, war doch nur die Katze"-Momente. Das Grauen in RINGU kommt eher schleichend und unterbewusst. Manche der wenigen Schockmomente funktionieren aber leider auch nicht so gut. Bestes Beispiel dafür ist die Schrank-Szene – als in einer Rückblende die Leiche des ersten Opfers gefunden wird. Im RING-Remake hat mir diese Szene damals einen mittelschweren Herzanfall eingebracht. In RINGU jedoch wirkt sie eher komisch, was daran liegt, dass schreckentstellte Gesicht einfach durch Grimassen Ziehen der Schauspielerin Yûko Takeuchi realisiert wurde - und das wirkt eher ulkig.

Dazu kommt, dass das Grauen einen guten Teil des Films eher seeeeeehr schleichend kommt, beziehungsweise ganz ausbleibt. Über weite Teile des Films passiert einfach nicht viel, was für eine gepflegte Gänsehaut sorgen könnte. Das will nicht heißen, dass RINGU langweilig ist, im Gegenteil. Er ist zum Großteil atmosphärisch und wenn man sich ganz drauf einlässt auch spannend, bloß der Grusel will sich streckenweise einfach nicht einstellen. Zum Teil ist das auf die doch gravierenden Änderungen zur Romanvorlage zurückzuführen.

Im direkten Vergleich zur Romanvorlage erlaubt sich NAKATAs Verfilmung von THE RING sehr viele Freiheiten. In einigen Details leider mehr als nötig gewesen wären, um die Struktur des Buches an die formalen Gegebenheiten der Filmdramaturgie anzupassen.

Da wäre zunächst einmal das Video selbst, das aus komplett anderen Bildern besteht, als das Video in der Romanvorlage - so gibt es im Film keine Verbindung zwischen dem Video und dem Tod von Sadakos Mutter. Im Roman hingegen enthält das Video Bilder des Vulkans in den sie sich gestürzt hat, was Asakwa und Ryuji erst auf die Spur der Insel Oshima führt. Dazu kommt eine unterschiedliche Laufzeit, das Video in RINGU ist deutlich kürzer und um ehrlich zu sein nicht wirklich furchterregend.

Der gravierendste Unterschied ist diesbezüglich jedoch, dass in der Verfilmung das Potential verspielt wurde, die ganze Stärke Sadako Yamamuras zu offenbaren. Denn das Video wurde nicht mittels einer Kamera aufgezeichnet, sondern ist ein Gedankenvideo – das ähnlich der Gedankenfotographie direkt auf das Fernsehgerät, und damit auch auf das Video, projiziert wurde. Es ist ein starker Moment, als Asakawa und Ryuji dies erkennen; im Film hätte dies genauso gut funktionieren können.

Starke Änderungen erfährt auch die Figur der Sadako Yamamura, wodurch ihre Figur einiges von der Gewalt einbüßen muss, die sie in der Vorlage hatte. So wurde sie kurz vor ihrem Tod mit Pocken infiziert; in ihrem kalten nassen Grab vermischten sich ihr Hass auf die Gesellschaft und das Pockenvirus im Laufe der Jahre schließlich zu einem verfluchten Supervirus, der nichts weiter als die Vernichtung der modernen Gesellschaft anstrebt. Wobei dieser Teil gut zu streichen wäre, denn die Auswirkungen des Virus oder seine Funktionsweise werden im Buch vor allem durch innere Monologe verarbeitet und würden den Film außerdem zu sehr in Richtung Sci-Fi drängen.

Darüber hinaus erklärt sich Sadakos Hass auf die Gesellschaft im Film kaum, er ist höchstens zu erahnen. Die Sadako aus Suzukis Vorlage erlitt ein viel schlimmeres Schicksal. Ihre Lebensgeschichte zu kürzen ist natürlich unvermeidlich, dennoch wurde im Drehbuch zu vieles vereinfacht, was mit wenigen "Handgriffen" auch näher an der Vorlage hätte erzählt werden können. So wurde Sadako erwachsen und nachdem die Medien erst ihre Mutter und ihren Vater in die Verzweiflung getrieben hatten – woraufhin sich ihre Mutter umbrachte, ihr Vater starb im Krankenhaus –, wurde sie auch noch zwei Mal Opfer einer Vergewaltigung. Letztere infizierte sie schließlich mit dem Pockenvirus und ihr zweiter Vergewaltiger tötete sie schließlich und verfrachtete ihre Leiche im Brunnen. In der Verfilmung wird der Mord durch eine Rückblende leider sehr abrupt und kurz abgearbeitet, so dass zwar ein kurzer Schockmoment entsteht, aber die emotionale Wirkung verpufft dafür weitestgehend. Skurriler Fakt am Rande, die Sadako der Buchvorlage ist ein Zwitterwesen mit Vagina und Hoden, was aber keinen ihrer Vergewaltiger weiter zu stören schien.

Apropos Vergewaltiger, im Suzukis Roman wird mit der Möglichkeit gespielt, dass auch Ryuji einer sein könnte, der schon in der Oberstufe seine erste Frau überfallen hat. Ein Umstand der Asakawa – anders als in der Verfilmung ein Mann mit Frau und Tochter – regelmäßig schaudern lässt, denn wer hat schon ein gutes Gefühl dabei, einen bekannten Vergewaltiger in die Nähe seiner Familie zu lassen. Trotzdem ist er auf Ryuji angewiesen, der wie im Film furchtlos und analytisch an die Sache herangeht und letztlich sogar – wenn auch unfreiwillig – Asakawas Überleben sichert.

Natürlich erfahren Asakawa und Ryuji die meisten dieser Details durch intensive Recherche und angestrengtes Nachdenken. Anders als im Film ist der Ring-Film keine urbane Legende über die Asakwa durch eine Story schon Bescheid weiß, sondern weitestgehend unbekannt. Interessanterweise weckt der Schlussmonolog im Film den Eindruck als hätte sie die Lösung schon die ganze Zeit gehabt und nur einfach nicht daran gedacht. Während der Asakwa des Buches mit der Hilfe des toten Ryuji darauf gebracht wurde, der das Rätsel erst kurz vor seinem Tod entschlüsselt hatte. Die für den Film gewählte Variante der Visionen gefällt mir eigentlich sehr gut - es ist definitiv filmischer als Leute zu befragen, obwohl das über Rückblenden hätte transportiert werden können. Es stört lediglich, dass Sadakos Lebensgeschichte zu stark vereinfacht wurde.

Großes Lob hingegen gebührt dem Soundtrack von RINGU, der mit seinen Störgeräuschen und teils atonalen Melodien tatsächlich für einiges Unbehagen sorgt und sich auch nachhaltig bei mir eingebrannt hat. Zum Ende überrascht dann noch der Abspann mit einem äußerst eingängigen Technosong, der ungewöhnlich fröhlich klingt und so im Kontrast zum restlichen Film steht.

Ring Bild 1
Ring Bild 2
Ring Bild 3
Ring Bild 4
FAZIT:

Das große Meisterwerk zu sein, das Chris im japanischen Original sieht, kann ich RINGU leider nicht attestieren. Dafür wurde bei der Umsetzung einfach zu viel Potential verschenkt. Wären einige Elemente des Romans übernommen worden, hätte aus der Verfilmung ein richtig unheimlicher Film werden können, der sogar an der 10 Punkte-Marke hätte kratzen können. Aber auch unabhängig von seiner Buchvorlage ist RINGU kein perfekter Film, sondern eher ein gut inszenierter und atmosphärisch dichter, aber teilweise etwas langatmiger Grusler, der aus seinem Konzept nicht alles herausholt. Weiterempfehlen möchte ich ihn aber, denn ein guter Film ist er trotzdem. Wer sich allerdings richtig fürchten will, der sollte zum Remake THE RING greifen.

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Dein Kommentar >>
Franz | 05.06.2016 14:48
Ich sehe ehrlich gesagt nur wenig Sinn dahinter, fünf Jahre nach der Rezension von Chris eine weitere über denselben Film zu verfassen. Auch wenn der Autor nicht seiner Meinung ist, muss seine Meinung nicht unbedingt in einer Kritik münden. Hoffentlich macht dieser Text nicht Schule, denn es gibt noch genug Filme ohne Kritiken auf diesem Portal.
Harald | 05.06.2016 16:50
Manche Filme haben aber auch eine zweite Meinung verdient.
Und wenn sie so fundiert & ausführlich argumentiert ist wie hier, ist eine zweite Rezension sehr wohl vertretbar.
Zumal hier weniger auf den Film, als auf die Literaturvorlage eingegangen wird.
Federico | 24.06.2016 19:18
Ich find' das auch vollkommen gerechtfertigt, da jeder eine andere Sichtweise auf Filme hat und sich - auch Jahre später - dadurch neue Dimensionen eröffnen. Und solche ?retro? rezis machen ua ja auch Lust sich Filme wieder (oder manchmal auch DOCH nicht) anzusehen; diesmal mit beiden Kritiken im Hinterkopf. Und hier freue ich mich einfach, dass auch andere Leute das remake besser finden ;)
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