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GOOD MOVIES FOR BAD PEOPLE
Risse im Beton

Risse im Beton

DRAMA: Österreich, 2014
Regie: Umut Dag
Darsteller: Murathan Muslu, Alechan Tagaev, Mehmet Ali Salman, Erdem Turkoglu, Ivan Kriznjak, Shamil Iliskhanov, Daniel Mijatovic, Magdalena Paulus

STORY:

Ertan ist nach einer mehrjährigen Haftstrafe aus dem Gefängnis entlassen worden. Gezeichnet von der Vergangenheit probiert er alles, um sauber zu bleiben. Allerdings ist da noch sein Sohn Mikail, der seinen Vater nie kennengelernt hat und dennoch auf dem besten Weg ist, in dessen kriminelle Fußstapfen zu treten.

KRITIK:

Es sind aufgeladene Zeiten, in denen wir leben. Während es inzwischen 50 Jahre her ist, seit das österreichisch-türkische Gastarbeiter-Anwerbeabkommen abgeschlossen wurde, mit dessen Hilfe Österreich ganz offiziell den Arbeitskräftemangel in den 60er-Jahren ausgleichen wollte, sind heute rechte Parteien mit ihren "Ausländer raus"-Parolen europaweit in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Dass die Nachkommen ehemaliger Gastarbeiter inzwischen fester Bestandteil des Wiener Stadtbildes sind, ist zwar unübersehbar, wenn man, wie ich, in einem sogenannten "Ausländerbezirk" in Wien wohnt. Aber so wie der gemeine Wiener lieber "unter sich" bleibt, halten es auch die anderen Bevölkerungsgruppen. Und so lebt man nebeneinander her, ohne wirkliche Einblicke in die jeweils andere Welt zu bekommen.

Ein Film aus Österreich wie "Risse im Beton" ist daher wichtiger denn je. Denn bei aller Wertschätzung für Filmemacher wie Ulrich Seidl oder Barbara Albert, die uns ebenfalls schon gesellschaftliche Realitäten näher gebracht haben, vor denen wir zu oft gerne wegschauen, ist es hoch an der Zeit, dass wir noch weiter über den Tellerrand schauen. In Welten, die uns noch fremder erscheinen, wo die Menschen, geprägt von äußeren Umständen, teils nur theoretisch die Wahl haben, sich für eine Ausbildung und ein geregeltes Leben zu entscheiden. Und bevor jemand darauf etwas entgegnet: ich schreibe das aus meiner ganz persönlichen Sicht - der einer in privilegierten, bürgerlichen Verhältnissen aufgewachsenen Wienerin.

"Risse im Beton" ist aber nicht nur ein wichtiger, sondern auch ein sehr guter Film. Auch wenn man zwar selten, aber doch, das Gefühl hat, der Film drifte in Klischees ab, ist natürlich klar, dass jedes Klischee einen realen Hintergrund hat. Den Eindruck verstärken die erschreckend authentischen Dialoge, für die sich der Regisseur auch Feedback bei den jungen Darstellern, die teils selbst aus eben jenen Milieus stammen, geholt hat. Abgesehen davon spielen die beiden Hauptdarsteller Murathan Muslu und Alechan Tagaev dermaßen eindringlich, dass einen das Geschehen auf der Leinwand unmöglich kalt lassen kann.

Ertans Bestreben, seine kriminelle Vergangenheit inklusive seiner unverändert kriminellen Kumpels endgültig hinter sich zu lassen. Sein Versuch, sich in der Gesellschaft und im Speziellen bei seiner Familie zu rehabilitieren. Sein Bemühen, Mikail nah zu sein, ohne dass jemand erfährt warum. Mikails Kampf um sein größtes Ziel, mit Hilfe eines Mix-Tapes und des Rappers Azad ein besseres Leben als Gangsta-Rapper zu beginnen und damit gleichzeitig die Geldsorgen seiner Mutter zu lösen. Sein Ringen um seine erste große Liebe. Und sein parallel dazu stattfindender Abstieg in die Kriminalität. All das bildet eine unausweichliche Abwärtsspirale. Das ist zwar wenig überraschend und recht vorhersehbar, ändert aber nichts daran, dass einem der Film sehr nahe geht und oft wie ein Schlag in die Magengegend daher kommt. Und wie Ertan mit seinen Dämonen und für seinen Sohn kämpft, das ist dermaßen herzzerreißend, dass es fast weh tut.
Dass man schließlich doch irgendwie glücklich aus dem Kino geht, liegt vor allem an der Tatsache, einmal mehr gesehen zu haben, was der Österreichische Film zu leisten im Stande ist.

Risse im Beton Bild 1
Risse im Beton Bild 2
Risse im Beton Bild 3
Risse im Beton Bild 4
FAZIT:

Sozialrealistisches Kino aus Österreich, das nachwirkt und den Horizont wieder ein bisschen erweitert.

WERTUNG: 8 von 10 Gangsta-Raps
Dein Kommentar >>
Harald | 29.09.2014 09:40
Kommt auf die Sichtungsliste. Nach der schönen weltentrückten Eskapismus-Orgie am /slash wird's eh wieder Zeit für einen Film, der auf dem harten Boden der Realität spielt.

Tolle Review übrigens.
Monika | 29.09.2014 11:37
Danke, freut mich.
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