FILMTIPPS.at - Die Fundgrube für außergewöhnliche Filme

www.filmtipps.at
GOOD MOVIES FOR BAD PEOPLE
Scream - Schrei!

Scream - Schrei!

OT: Scream
HORROR: USA, 1996
Regie: Wes Craven
Darsteller: David Arquette, Neve Campbell, Courteney Cox, Skeet Ulrich, Rose McGowan

STORY:

Eine grauenvolle Mordserie erschüttert das beschauliche Woodsboro. Im Mittelpunkt der Geschehnisse ist Sydney; der Killer scheint es auf sie abgesehen zu haben. Schafft sie es mit ihren Freunden zu überleben?

KRITIK:

Es ist wirklich interessant zu sehen, was manche Leute aus akuter Geldnot, einem Hang zu Horrorfilmen und einem Wochenende Zeit alles machen können. Kevin Williamson zum Beispiel. Der schrieb das Drehbuch zu TÖTET MRS TINGLE, das dann leider erst mal in der sogenannten Development Hell verschwand. Am Hungertuch nagend – so die Legende – und dringend auf Geld angewiesen, schnappte sich Williams ein altes von ihm verfasstes 18-seitiges Treatment über ein Mädchen, das von einem geheimnisvollen Anrufer terrorisiert wird, und setzte sich ein Wochenende lang auf den Hosenboden um daraus die erste Fassung eines Drehbuchs zu schreiben, das umgesetzt das Horrorgenre revolutionieren sollte. Die Rede ist von SCREAM – SCHREI!. Ein Film, den man getrost als den HALLOWEEN der 90er bezeichnen darf.

Zu einer Zeit als der Slasher-Film bloß aus billigsten Direct-to-Video-Beiträgen und Sequels der großen Horrorreihen bestanden, die sich immer und immer wieder wiederholten, da sie durch die, in den letzten 10 bis 15 Jahren etablierten Konventionen beschränkt waren, kam also Williamson mit dem Drehbuch für einen Slasherfilm daher, das sich ganz bewusst auf diese Konventionen stützte, sie jedoch überspitzte und mit derart viel Ironie bedachte, dass es sich um eine waschechte Satire handelte und das ohne das Genre des Slasherfilms zu verlassen.

Da hätten wir zum einen die Unsterblichkeit einiger der großen Slasherikonen – Jason Voorhees zum Beispiel oder Michael Myers – und deren interessante Fähigkeit zwar verwundet werden zu können, dies jedoch wegzustecken als sei nichts passiert. Egal ob Jason eine Machete in den Schädel gerammt bekommt oder Michael Myers von schweren Eisenketten erschlagen, mit Pferdebetäubungsmittel sediert und mittels einer Eisenstange zu Plätzchenteig verarbeitet wird. Sie machen weiter als wär’s ein Sonntagsspaziergang. Auch in SCREAM muss der Killer einstecken. Er wird getreten, geschlagen, geschubst, erstochen, beworfen, mit Kühlschranktüren verprügelt – es ist eine wahre Freude zu sehen, wie tollpatschig sich dieser Schlitzer anstellt, ordentlich was auf die Rübe bekommt und doch immer weiter macht.

Die Referenzen sind unzählig und mannigfaltig. Der Hausmeister – im Übrigen gespielt von Wes Craven höchst selbst – im Freddy Kruger Outfit? Check. Precious name dropping galore? Check. Klar, letzteres gerät so manches Mal aus dem Ruder und wirkt fast ein wenig aufgesetzt, aber dennoch erwischt man sich so manches Mal dabei erheitert zu schmunzeln, wenn man wieder eine Referenz an einen der großen Slasher der glorreichen 80er Dekade gehört. Und das obwohl die deutsche Synchronisation es dem Zuschauer das ein oder andere Mal nicht ganz leicht macht. Ledermaske? Da hat wohl jemand nicht aufgepasst, dass unser aller Lieblingskannibale Leatherface gemeint ist, man erkennt es trotzdem. Doch das Drehbuch huldigt nicht nur den Filmen, sondern auf subtile Weise auch den großen Machern – ihr werdet es hören, wenn ihr es hört.

Trotz aller Zitierwut kommt allerdings eins nicht zu kurz – die Spannung. Während jede Sequenz für sich genommen nur so vor Spannung strotzt, wird über den Film hinweg die Grundspannung immer weiter aufgebaut bis sie sich letztlich im großen, fast 40 minütigen Finale entlädt. Ausschlaggebend hierfür ist natürlich hauptsächlich die Tatsache, dass bis zum Schluss nicht wirklich klar ist, wer nun die Morde begeht. Doch auch wenn man SCREAM nun nicht zum ersten, sondern zum wiederholten Mal sieht, ist der Spaß noch lange nicht vorbei. Weiß man wer sich hinter der Maske verbirgt, macht es beim mehrmaligen Ansehen Spaß all die kleinen verdeckten Hinweise zu suchen und zu finden, die über die gesamte Laufzeit verteilt sind.

Apropos Laufzeit. Mit fast zwei Stunden läuft SCREAM ein für einen Slasher ungewöhnlich lang. Trotzdem wird es nie langweilig. Dazu trägt natürlich auch ein Mord bei – den ich nicht spoilern möchte und das Opfer daher ausnahmsweise nicht benenne, sonst bin ich da ja nicht so zimperlich –, den Wes Craven von Kevin Williamson einfügen ließ um zu verhindern, dass der zweite Akt mordlos bleibt – mag reißerisch klingen, aber immerhin ist SCREAM ja ein Slasher, nech. Interessanterweise wurde so ein plausibler Grund gefunden, das Partyvolk im Finale aus dem Haus zu treiben, etwas das in früheren Fassungen wohl noch fehlte. Außerdem ist Wes Craven schließlich ein Profi, der seine handwerklichen Fertigkeiten schon mit einigen Genrebeiträgen unter Beweis stellte. Rasante Szenen wechseln sich mit ruhigen ab, ans Durchschnaufen ist dennoch nicht zu denken, denn die Bedrohung durch Ghostface liegt permanent in der Luft und so lassen selbst die ruhigen Szenen die Spannung nicht abreißen.

Die Effekte sind teilweise recht derbe ausgefallen, obgleich die ursprünglich angestrebte Fassung um einiges expliziter war. Für die MPAA mussten jedoch einige Schnitte vorgenommen werden – wobei die Produzenten zuvor gorige Details aus dem Drehbuch streichen ließen – um die Freigabe R-Rated zu bekommen, denn die ansonsten vergebene NC-17 Freigabe ist ja eher Gift für die Einnahmen. Lustigerweise hat Craven es geschafft eine Einstellung vom Anfang des Films zu behalten, obwohl die MPAA eine alternative Einstellung forderte. Craven jedoch erzählte der MPAA, dass er nur diese eine Einstellung hätte und sie somit nicht ausgetauscht werden könne – in your face, MPAA! Trotz diverser Restriktionen also ist SCREAM ausreichend blutig geraden – blutiger als mancher FREITAG DER 13.-Teil – und durchaus recht explizit. So sind einige Einstellungen in denen das Messer in Nahaufnahme oder in der Halbtotalen in Körper eindringt nicht zwangsläufig blutig. Aber verdammt unangenehm anzuschauen. Doch nichts übertrifft das Finale in dem so ziemlich jeder ausreichend mit Kunstblut in Berührung kommt. Alles in allem wurden letztlich 50 Gallonen – also knapp 230 Liter – des roten Sirups vergossen. Noch kein BRAINDEAD, aber doch ansehnlich.

Ansehnlich sind auch die Darsteller und das nicht nur optisch – Mann, ich hätte nie gedacht, dass ich das mal schreibe. Drew Barrymore spielt Angst und Schrecken so überzeugend, wie ich es – vor allem von ihr – nie für möglich gehalten habe. Angeblich hat Wes Craven sie bei den Dreharbeiten immer wieder an das grausame Schicksal misshandelter Tiere erinnert – wie viel das nun von ihrer Leistung ausgemacht hat, lässt sich natürlich nicht sagen, aber es ist effektiv und das Ergebnis kann sich wahrlich sehen lassen. Der nette Herr der sie am Telefon belästigt ist Roger Jackson und der hat seine Sprechrolle wohl ohne Nachbearbeitung geleistet. Da ich den O-Ton nicht kenne und nur die deutsche Fassung gesehen habe, kann ich seine Leistung nicht beurteilen, die deutsche Synchronstimme jedoch gefällt mir ausgesprochen gut. Man hört den Sadismus sehr gut raus und doch hört sich der Anrufer an, als wäre er der gute Kumpel von nebenan. Ein Vergleich bietet sich dank moderner Technik – also Blu-Rays – zwar an, bisher habe ich darauf allerdings verzichtet.

In diesem Sinne: „Ich will sehen wie du von Innen aussiehst!“

Scream - Schrei! Bild 1
Scream - Schrei! Bild 2
Scream - Schrei! Bild 3
Scream - Schrei! Bild 4
FAZIT:

Mit SCREAM hat Wes Craven in den 90ern einmal mehr bewiesen, dass er nicht ohne Grund zu den Besten der Besten zählt und neben John Carpenter wohl einer der einflussreichsten Horrorfilmregisseure ist, den das Kino kennt. Basierend auf dem genialen Drehbuch von Kevin Williamson erschuf er so mit sehr guten Darstellern eine vor Zitaten nur so strotzende Perle des Genres, die bis heute selber immer wieder zitiert wird. Bereits in den 90ern war dieser Film „voll 90er“ und lädt, durch seine Ausstattung und Optik, noch heute immer wieder zu einem kleinen und sehr feinen Ausflug in dieses Jahrzehnt ein.

SCREAM zählt eindeutig mit zu dem Feinsten was das Slasher-Genre zu bieten hat. Das macht wohlverdiente:

WERTUNG: 9 von 10 schmerzhafte Begegnungen mit einem Regenschirm.
Dein Kommentar >>
Harald | 16.01.2015 13:07
Ich trau mich ja kaum, das zuzugeben, aber ich hab diese Bildungslücke erste gestern (15.1.2015) geschlossen. Ich weiß auch nicht, warum ich den Frevel begehen konnte, einen Film wie SCREAM fast zwei Dekaden lang zu ignorieren. Möglicherweise hat es damit zu tun, dass Anno 96, als der Film im Kino lief, plötzlich Menschen, die auf PRETTY WOMAN und EMAIL FÜR DICH stehen, von einem "total argen Horrorfilm" namens SCREAM zu schwärmen begannen. Aus heutiger Sicht ist so ein doofes Distinktionsverhalten natürlich absurd, aber mit diesen Menschen wollte ich damals nicht im selben Saal sitzen ...
Die Kritik ist natürlich großartig. Der Film rockt auch. Obwohl er es mit den Referenzen fast schon übertreibt.
>> antworten
Chris | 07.01.2015 18:56
Zücke ebenfalls 9 von 10 sich schon im Haus versteckt haltenden
Anrufern. SCREAM hat seinerzeit ein völlig festgefahrenes Genre
mit Witz, Ironie und mächtig Spannung nicht nur aus dem Dreck
gezogen, sondern zu neuen Höhen aufschwingen lassen. Und eine
Slasherfilmwelle erzeugt, die einige Sehenswürdigkeiten zu bieten
hatten. Ich denke da an DÜSTERE LEGENDEN, ICH WEISS, WAS DU
LETZTEN SOMMER GETAN HAST usw. Coole Review!
Fedi | 12.01.2015 18:44
Ich schließe mich an, 9 von 10 und voll
gerechtfertigt! Ich mag ja alle SCREAM Filme
irgendwie, auch wenn sie irgendwie dämlich sind,
sind sie trotzdem spannend und so wundervoll
selbstreflexiv, ohne dabei zu nerven (finde ich).
Ich fand auch "Scream 4 - the rebootremake"
ziemlich klasse, der dreht dann wieder etwas auf,
während Teil zwei und drei etwas doof wirken.
Doof, aber spannend und Teil eins hat ein tolles
Finale. Mich wundert es schon etwas, dass die
neue FSK-Einstufung den Film ab 16 freigibt, auch
nach heutigem Standard. Interessantes Review und
ja - die deutsche Snchro hat sich richtig bemüht
die dämlichen Wortwitze zu übernehmen: "Lass sie
Leber in Ruhe!" :)
Fedi | 12.01.2015 18:48
Sorry, das mit der FSK 16 Freigabe ist vollkommener
Blödsinn, da hab ich anscheinend den letzten Teil
vor Augen gehabt. ts ts ts...
>> antworten


Suche

Suche


Schenk uns deine Liebe auf Facebook.