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Twin Peaks - Fire Walk With Me

Twin Peaks - Fire Walk With Me

MYSTERY-THRILLER: USA, 1992
Regie: David Lynch
Darsteller: Sheryl Lee, Ray Wise, Chris Isaac, Kiefer Sutherland, Kyle MacLachlan

STORY:

In der Nähe des Ortes Twin Peaks wird die junge, schöne Teresa Banks tot und in einen transparenten Plastiksack verschnürt an einem Flussufer aufgefunden. Die beiden FBI-Agenten Chester Desmond (Chriss Isaak) und Sam Stanley (Kiefer Sutherland) werden mit dem Fall betraut, können diesen jedoch nicht lösen. Ein Jahr später hat der mit übersinnlichen Kräften begabte Special Agent Dale Cooper (Kyle MacLachlan) das starke Gefühl, dass der selbe Mörder bereits vorhat, noch ein weiteres Mädchen zu töten. So reist auch er nach Twin Peaks, wo wir die Highschool-Schönheit Laura Palmer (Sheryl Lee) kennenlernen, die dort ein auf den ersten Blick sehr sorgloses Leben führt...

KRITIK:

Okay, zuerst einmal muss ich jetzt ein Geständnis ablegen: Ich habe die Serie TWIN PEAKS bis heute noch nicht gesehen! Das ist natürlich prinzipiell unentschuldbar. Aber zu meiner Verteidigung möchte ich wenigstens vorbringen, dass ich zu der Zeit, als die Serie gerade lief, jahrelang überhaupt kein Fernsehen geschaut hatte. Aber da es ja schon seit längerer Zeit die bereits von meiner Kollegin Nicky angepriesene Gold-Edition-DVD-Box gibt, ist das natürlich nur ein äußerst schwaches Argument. Deshalb kann ich natürlich auch keine Vergleiche zwischen der Kultserie und dem 1992er Prequel TWIN PEAKS - FIRE WALK WITH ME anstellen, sondern diesen Film nur mit den anderen Spielfilmen David Lynchs vergleichen. Aber sehen wir es doch einfach einmal positiv: Unwissenheit erlaubt ja auch einen recht unvoreingenommenen Blick...

Mit dem allgemeinen Ruf des als TWIN PEAKS - DER FILM in die deutschen Kinos gelangten Spielfilms zur TV-Serie steht es ja wirklich nicht zum besten und damals ist der Film auch eher gefloppt. Dabei befand sich David Lynch Anfang der 90er-Jahre auf dem Zenit seines Erfolges. Seine Fernsehserie TWIN PEAKS wurde ein weltweiter Erfolg und gilt noch heute als die beste TV-Serie der Dekade. Und 1990 gewann Lynch dann auch noch völlig unerwarteterweise für WILD AT HEART die Goldene Palme in Cannes, den wichtigsten Filmpreis für alle Filme jenseits des typischen Hollywood-Einheitsbreis. Dass David Lynch dann auch noch unbedingt im Nachhinein einen Spielfilm zu seiner Erfolgsserie drehen musste, deutet auf den ersten Blick schon sehr darauf hin, dass er zu diesem Zeitpunkt auch Geschmack am kommerziellen Erfolg gefunden hatte. Und dementsprechend wäre es auch nur gerecht, dass ihn sowohl das Publikum, als auch die Kritik mit Nichtbeachtung abstraften. Doch ganz so einfach ist die Sache meiner Ansicht nach dann doch nicht...

Zunächst einmal fällt bei TWIN PEAKS - FIRE WALK WITH ME auf, dass der Film eindeutig in zwei Hälften zerfällt: Die erste halbe Stunde ist gewissermaßen ein Vorfilm zum eigentlichen Prequel, was auf der anderen Seite aber auch schon wieder eine Sache ist, wie sie fast nur David Lynch einfallen kann. Genaugenommen hat es sich aber einfach so ergeben, weil der den späteren FBI-Special Agent Dale Cooper spielende Kyle MacLachlan erst nach bereits begonnenem Dreh seine Zusage zu diesem Projekt gegeben hatte. Doch Lynch wäre nicht Lynch, wenn er solch einen Missstand nicht umgehend in einen kreativen Zufall umwandeln und einfach in den sich noch entwickelnden Film einbauen würde. So übernehmen Anfangs die beiden FBI-Agenten Chester Desmond (Chriss Isaak) und Sam Stanley (Kiefer Sutherland) die Ermittlungsarbeiten zum Tode von Teresa Banks, während Dale Cooper die beiden erst in dem Hauptteil ablöst.

Und bereits diese erste halbe Stunde hat es in sich! Von Spannung und Mystik fehlt hier zwar noch fast jede Spur, aber dafür tobt sich Lynch hier in Sachen absurden Humors umso stärker aus. Alleine die Szene, in der eine Frau mit rotem Kleid und roten Haaren vor der Abfahrt der Special Agents merkwürdig vor ihnen herumhampelt und dazu noch das Gesicht zu einer seltsamen Grimasse verzieht, ist schon eine Nummer für sich. Aber noch viel köstlicher wird es, als ein wenig später der erfahrene Special-Agent Chester Desmond dem Greenhorn Sam Stanley mit todernster Miene im Auto erklärt, dass dieses Herumgehample in Wirklichkeit eine geheime Botschaft sei und wie diese zu dekodieren ist. Und in diesem Stil geht es die gesamte Vorgeschichte über weiter. Nur selten erlebt man David Lynch so leicht und so uneingeschränkt humorvoll. So richtig Atmosphäre kommt in dieser ersten halben Stunde allerdings auch nicht auf. Aber als eigenständiger Teil ist sie für sich genommen trotzdem nahezu perfekt!

Der Hauptteil von TWIN PEAKS - FIRE WALK WITH ME wird von einer Szene eingeleitet, in der die bildschöne Laura Palma lächelt die Straße entlang geht. Untermalt von Angelo Badalamentis hypnotischen Twin-Peak-Score gerinnt bereits dieser Auftakt zum Hauptfilm zur reinen Kinomagie. Zugleich markiert diese Szene einen völligen Umschwung in der allgemeinen Atmosphäre des Films. Dies erscheint alles zu schön, um wahr zu sein und schon die folgenden kleinen Details deuten darauf hin, dass hier Unheil in der Luft zu liegen scheint. Dieser Hauptteil des Films ist tatsächlich eines der düstersten Werke des Regisseurs und weist bereits in die Richtung, welche David Lynch mit seinem nächsten Spielfilm LOST HIGHWAY (1997) nehmen wird. Die anfängliche absurde Leichtigkeit wird ab nun durch einen rabenschwarzen Humor ersetzt, der auch nur in den seltensten Fällen zum Lachen reizt, da über dem gesamten Geschehen stets eine sehr unangenehme Atmosphäre der Bedrohung und der Verdammnis liegt.

TWIN PEAKS - FIRE WALK WITH ME ist auch einer der experimentellsten Filme David Lynchs überhaupt und wird in dieser Hinsicht wohl nur von seinem Debüt ERASERHEAD (1977) und seinem bisher letzten Spielfilm INLAND EMPIRE (2006) übertroffen. Mit INLAND EMPIRE verbindet TWIN PEAKS - FIRE WALK WITH ME auch, dass beide Filme im Gegensatz zu jedem anderen persönlichen Film Lynchs (also allen seinen Spielfilmen, bis auf DUNE...) nicht bis ins letzte Detail vollkommen perfekt ist. Vieles wirkt hier fast ein wenig skizzenhaft. Gerade die zahlreichen Alttraumsequenzen machen zum Teil den Eindruck, als ob hier entweder ein wenig Geld oder Zeit gefehlt hätte. Tatsächlich war David Lynch zur Zeit der Entstehung dieses Films so beschäftigt, wie nie zuvor (und auch nie wieder danach...). Und gerade Lynch ist ein absoluter Perfektionist, der sich sehr gerne sehr lange für ein Projekt Zeit lässt. So hatte die Arbeit zu ERASERHEAD insgesamt sechs Jahre in Anspruch genommen, von denen alleine zwei Jahre nur für die Tonspur drauf gegangen sind!

Doch ich glaube eben nicht, dass David Lynch mit TWIN PEAKS - FIRE WALK WITH ME einfach nur schnell einen Spielfilm zur TV-Serie TWIN PEAKS dahergeschludert hat, um auf der Welle seines momentanen Erfolgs schnell noch mal zusätzlich abzucaschen. Vielmehr denke ich, dass Lynch seinen derzeitigen Erfolg zu nutzen wusste, um seinen abgründigsten, verstörendsten und auch experimentellsten Film seit ERASERHEAD hinzulegen. Denn auch wenn die Traumsequenzen hier technisch oft nicht so makellos umgesetzt sind, wie wir es sonst vom Meister gewohnt sind: Gerade in ihrer Rohheit wirken sie umso tiefer und spätestens, wenn es ins Finale geht, erreicht der Film einen Grad der Schonungslosigkeit, den man durchaus mit Pasolinis DIE 120 TAGE VON SODOM vergleichen kann, der in einer Szene auch ziemlich direkt zitiert wird. Mit Pasolinis Skandalfilm verbindet den Film auch, dass David Lynch gerade hier sehr eindeutig zu tatsächlichen gesellschaftlichen Missständen Stellung bezieht. Denn selten war seine surreale Altraumwelt durchsichtiger und direkter als der Spiegel einer tatsächlich alptraumhaften Realität erkennbar.

Twin Peaks - Fire Walk With Me Bild 1
Twin Peaks - Fire Walk With Me Bild 2
Twin Peaks - Fire Walk With Me Bild 3
Twin Peaks - Fire Walk With Me Bild 4
Twin Peaks - Fire Walk With Me Bild 5
Twin Peaks - Fire Walk With Me Bild 6
Twin Peaks - Fire Walk With Me Bild 7
Twin Peaks - Fire Walk With Me Bild 8
FAZIT:

David Lynchs TWIN PEAKS - FIRE WALK WITH ME, das Prequel zur gleichnamigen legendären TV-Serie gilt als der am meisten unterschätzte Film Film des Regisseurs. Dieser Einschätzung kann auch ich nur zustimmen, denn auch wenn der Film ein wenig weniger perfekt, als fast alle anderen Spielfilme David Lynchs ausgefallen ist, so war der Reisseur doch zugleich nur selten so experimentell und kompromisslos, wie hier.

WERTUNG: 9 von 10 Ringe mit einem grünen Stein
TEXT © Gregor Torinus
Dein Kommentar >>
Marcel | 11.07.2012 18:08
"der am meisten unterschätzte Film Film"? Lief der denn auf mal Sat 1? *g*
Hm, ja, ernsthaft. Der Kinofilm zur Serie kam mir damals reichlich überflüssig vor. Wenn man ihn in der chronologischen Reihenfolge vor der Serie sieht, raubt er der Serie die Spannung (zumindest beim ersten Durchlauf). Als Nachzügler wirkt er dagegen seltsam überflüssig, weil ein Reiz der Serie ja unter anderem auch darin besteht, die Vorgeschichte nicht zu kennen. Vermutlich kann man ihn nur vollständig für sich betrachtet gut finden. Ach, ja, ein Detail ist mir noch unangenehm aufgefallen: Sheryl Lee trägt eine fleischfarbene Strumpfhose. Und zwar dann, wenn die Szene verlangt und der Film dies auch suggeriert, dass die Beine nackt sind. Mir kommt das reichlich verkrampft vor.
Gregor | 11.07.2012 19:27
Kann mir schon denken, dass ein Fan der Serie mit diesem Film weniger anfangen kann. Aber da ich da ja peinlicherweise nach wie vor gänzlich unbeleckt bin, wollte ich mal die gelegenheit nutzen, eine etwas andere Perspektive anzubieten. ;-)
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