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The Face You Deserve

The Face You Deserve

OT: A Cara que Mereces
MUSICAL: PORTUGAL, 2004
Regie: Miguel Gomes
Darsteller: José Airosa, Gracinda Nave, Manuel Mozos

STORY:

Karneval in Lissabon. Musiklehrer Francisco feiert am Abend seinen dreißigsten Geburtstag. Am Vormittag muss er zu seinem Verdruss an einer Schüleraufführung von Schneewittchen und die sieben Zwerge in einem naturhistorischen Museum teilnehmen. Nach der Aufführung streitet er mit seiner Freundin. Der Streit eskaliert und Francisco muss seinen ersten Abend als Dreißigjähriger alleine verbringen. Betrunken torkelt er in ein fremdes (?) Haus. Am nächsten Morgen erwacht Francisco mit Masern. Im Masernfieber fantasiert er eine Variation des Schneewittchen-Stoffs.

KRITIK:

Miguel Gomes ist ein überaus spannender und fordernder Regisseur. Beides deshalb, weil man bei keinem seiner Filme weiß, in welche Richtung sie sich entwickeln werden. Unvorhersehbar. Das ist ein ausgelutschtes Prädikat mit dem viele Regisseure behangen werden. Auf Gomes trifft das m.E. aber wirklich zu. Vor allem seine Langfilme sind Überraschungseier. Und eine Kritik ist leider auch ein Auspacken. Zumindest die Alufolie muss ich entfernen.

The Face You Deserve ist Gomes' erster Langfilm. Zuvor hat der ehemalige Filmkritiker eine Reihe von Kurzfilmen gedreht, deren Untertitel sie als musical comedies auswiesen. Keine Musicals, sondern musical comedies. Die Komik entstand nicht aus Gesangs- und Tanzeinlagen, sondern unter vielem anderen auch durch den Einsatz von Musik. The Face You Deserve ist in seinem ersten Viertel, mit 25 Minuten etwa in der Länge der Gomes Kurzfilme, eine Musical comedy. Ohne Tanz aber mit Gesang und eindeutigen (aber noch oberflächlichen) Bezügen zum Schneewittchen-Stoff.

Diese Bezüge werden im zweiten Teil des Films eingehender ausgelotet. Am Anfang des ersten Teils sieht man in einem goldumrahmten und bekrönten Spiegel, der vor einem geöffneten roten Samtvorhang hängt, blauen Rauch aufsteigen. Spieglein, Spieglein an der Wand. Darüber wird der titelgebende Text eingeblendet: "Bis 30 hast du das Gesicht, das Gott dir gegeben hat. Danach bekommst du das Gesicht, das du verdienst."

Über den Vorspann singt Franciscos Freundin Marta dessen, fast dreißig Jahre umspannendes, Lebenslied. Geht man danach, würde Francisco ein verbittertes Gesicht verdienen. So viele gute Chancen schlecht genutzt.

Darum will er die markante Dreißig wohl auch nicht erreichen oder überschreiten. Er besteht vehement darauf erst ab sechs Uhr abends so alt zu werden. Bis dahin verhält er sich kindisch, sieht sogar in einem seiner Schüler einen Nebenbuhler um die Gunst seiner Freundin.

Der zweite Teil, der Maserfiebertraum, beginnt ebenfalls mit dem, immer noch blauen Rauch widerspiegelnden, Spiegel. Es gibt aber keinen Francisco mehr, keine Marta, keine Schüler. Nur sieben Männer, die, so sagt Francisco aus dem Off, den Auftrag haben ihn, Francisco, gesund zu pflegen. Francisco stellt aus dem Off für seine Pfleger unsinnig und kindisch wirkende Regeln auf. Dazu auch eine Liste verbotener Wörter, an deren erster Stelle sein Name steht. Die Männer unterscheiden sich im Alter und ihren Dispositionen. Harry z.B. ist um die vierzig und hat viele Geheimnisse. Capi ist um die dreißig, romantisch und vergisst seine Hausübungen.

Offenbar sind das alles Seiten von Franciscos Persönlichkeit, seine potentiellen Gesichter. Allen Sieben ist gemein, dass sie wie Erwachsene aussehen, sich aber wie Kinder verhalten. Francisco bringt seine Angst vor dem Erwachsenwerden in seinen Traum. Inhaltlich ist anscheinend also alles klar. Die Struktur des Traums ist, einem Traum entsprechend, aber verwirrend. Raum und Zeit sind keine fixen Konstanten. Eine Nebenhandlung geht in die Nächste über. Farben und Töne sind intensiv und verstärkt. Zwei der formalen Grundbausteine dieses Traums glaube ich aber erkannt zu haben: Die sieben Männer spielen Spiele und erzählen einander Geschichten.

Damit sind vermutlich auch die Grundzutaten von Gomes' Kinos genannt. Das Spiel und das Geschichtenerzählen. Ein Dialog zwischen den beiden zuvor genannten Figuren, Capi und Harry, ist mir in diesem Zusammenhang besonders aufgefallen. Harry erzählt Capi von einer Höhle, in der sich ein Piratenschatz befinden soll, und kommt dabei immer wieder vom Thema ab: Capi: "Halt! Du fängst keine neue Geschichte an ohne mir nicht das Ende von dieser zu erzählen."
Harry: "Es braucht einiges an Geduld Geschichten anzuhören Capi. Sonst würden wir nur den Anfang und das Ende erzählen. Aber gerade in der Mitte einer Geschichte."
Capi: "Der Schatz Harry!"

Der Maserfiebertraum ist die Mitte der Geschichte, in der Franciscos Gesichter um den Platz auf seinem Schädel spielen. Es gibt einen Sieger, aber das Ende der Geschichte verblasst im Vergleich zum Traum, womit der Film Harry beim Wort nimmt und die Mitte der Geschichte zum Zentrum erklärt. Für Francisco (und den Zuschauer) bedeutet das wohl soviel wie: Carpe diem.

The Face You Deserve Bild 1
The Face You Deserve Bild 2
The Face You Deserve Bild 3
The Face You Deserve Bild 4
The Face You Deserve Bild 5
FAZIT:

The Face You Deserve nimmt sich mit viel Humor und Selbstironie einem Problem an, dem man häufig in der Generation @ begegnet: Der Thirdlife Krise. Dagegen ist Humor, wie ich finde, ein probateres Mittel als im Selbstmitleid und Weltschmerz zu versinken. Vor allem wenn man wie Francisco in der ersten Welt aufgewachsen und in die Mittelschicht hineingewachsen ist. Empfehlung!

PS: Auf MUBI.com ist die nahezu komplette Filmographie Miguel Gomes' kostenpflichtig zugänglich. Es lohnt sich!

WERTUNG: 8/10
Gastreview von Florian Dietmaier
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