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GOOD MOVIES FOR BAD PEOPLE
The Guest

The Guest

THRILLER: USA, 2014
Regie: Adam Wingard
Darsteller: Dan Stevens, Ethan Embry, Lance Reddick

STORY:

Es macht Ding Dong und ein Soldat steht vor dem Haus der Familie Peterson. Er stellt sich als enger Freund des im Irakkrieg verstorbenen Sohnes vor. Diesem habe er versprochen nach der Familie zu sehen. Schnell hat er mit seinem Charme alle für sich eingenommen. Man hätte sich aber vielleicht fragen sollen, wer dieser Fremde denn nun wirklich ist ...

KRITIK:

Jedes Menschenwesen hat so seine Feierphase im Leben. Da denkt man dann nicht viel, schießt sich ab und tanzt zu Musik, die man eigentlich überhaupt nicht mag. Bei mir fiel diese Periode auf einen Zeitpunkt, da es eigentlich schon keine Diskotheken mehr gab, die nicht die mittlerweile obligatorisch gewordene, elektronische Wummsmusik spielten. So nannte man diese Stätten dann freilich auch längst nicht mehr Diskos, sondern Clubs. Schon immer habe ich mich damals fehl am Platze gefühlt, dachte, dass diese abgrunddüstere Stampfmusik eher zu einem neuzeitlichen Carpenter passen würde.

Stattdessen war ich umringt von fröhlich lächelnden Menschen, die sich selbst feierten, aber keine lässigen Auftragskiller oder Psychopathen waren, ja nicht einmal zwielichtige, am Abgrund stehende Drogendealer, sondern eher Abteilungsleiter bei der Sparkasse oder Eventmanager. Nur die Halbwelt der Hardcoreschwulen in ihren Darkrooms schien mit dieser Musik zu harmonieren. Es war auf jeden Fall körperliche Musik und mal so ganz und gar nicht freundlich. Kann man sich für gewisse Filme einen besseren Soundtrack vorstellen?

Hat trotzdem ganz schön lange gedauert. Ich erinnere mich an Stellen aus PUSHER, die das hatten. Aber einen ganzen Film damit tragen? Und dann kam die Videospielbranche zuvor. Hotline Miami hätte sich nicht annähernd so gut verkauft, wäre da nicht diese Musik gewesen, die dem Spieler keine einzige Sekunde Ruhe gönnte. Und jetzt dieser Film. Seit YOU'RE NEXT weiß man, dass Adam Wingard auf die elektronisch treibende Musik ein liebäugelndes Auge geworfen hat. Was aber hier auf einen zukommt, entzieht sich dann doch jeder Erwartung. Wahrscheinlich in siebzig der hundert Filmminuten läuft Musik, mal mehr oder weniger im Vordergrund. Anders als bei YOU'RE NEXT, bei dem es ja nur ein Elektrothema gab, herrscht hier eine Vielzahl von Musikstücken. Und wo die Musik in YOU'RE NEXT immer dann aufhörte, wenn man dachte, jetzt geht's aber los, ist der Musikwechsel hier ordentlicher. Tracks hören zwar ebenfalls abrupt auf, werden aber häufig in einer seltsam harmonischen Disharmonie von anderer Musik abgelöst.

Und dabei ist die Musik sogar in den Film integriert. Mal ist es die Musik in einer Bar, mal die Musik aus dem CD-Player im Auto. THE GUEST ist ein Film, der sich ganz wie sein Soundtrack, nicht lange aufhält, sondern direkt in den Magen fährt. Schon nach einer dreiviertel Stunde ist mehr passiert, wurden mehr böse Blicke verteilt, mehr Nasen gebrochen, öfter der coole Prahlhans rausgelassen als in den meisten anderen Filmen dieser Art. Wer so ein Tempo vorlegt, so eine Intensität, die schon beinah physisch unangenehm wird, der hat es natürlich schwer. So wird die zweite Hälfte sowohl dramaturgisch als auch musikalisch poppiger. Auch wenn man sich lange dagegen gewehrt hat, kommt man jetzt nicht mehr umhin an einen gewissen Film namens DRIVE zu denken. Jedoch macht THE GUEST einiges besser, als dieser ach so große Film, den mittlerweile aber jeder vergessen zu haben scheint.

Mit Porzellangesichtern eines Ryan Gosling oder einer Carey Mulligan hat dieser Film hier so rein gar nichts am Hut. Hier ist nichts unfreiwillig komisch. Im Gegensatz zu jenem langweiligen Asketen, nimmt dieser Held hier auch mal gern die Drogen, die ihm angeboten werden. Und trinken tut er, als hätte er zwei Lebern. Aber stets hält es sich im realistischen Rahmen und ist voller Stil. So möchte ich auch mal blowjob shots für ein paar heiße Ladies und Cosmopolitans für ihre Kerle bestellen. Selbst die Jacke, die unser freundlicher Soldat später trägt, ist um einiges stilvoller als jene lachhafte, silbern glitzernde Skorpionjacke des namenlosen Drivers. Wenn hier einer ein 50 Liter-Fass lässig über die Schulter trägt und ein weiteres Fass locker in der Hand hält, dann könnte das, zugegeben, sehr peinlich werden, aber vor diesem Herrn hier, da will man nicht einmal in Gedanken lachen. Dan Stevens, um diese Anwesenheit beim Namen zu nennen. Ja. Gewöhnlicher Name, gewöhnliches Gesicht, gewöhnliche Filme. Aber ist der vielleicht eine Wucht! Ryan Gosling? Der braucht hier ab jetzt gar nicht mehr angeschissen zu kommen.

Was aber auch an der Inszenierung liegt. Noch nie habe ich so wenig gewusst in welche Richtung sich ein Film drehen wird, welche Motivationen der Protagonist hat, und doch stets eine derart heftige Bedrohlichkeit verspürt. Zur Schaufreude trägt auch bei, wie der gebürtige Engländer besser nuschelt und raunt als jeder Amerikaner es je könnte. Und Maika Monroe, einigen ja schon bekannt aus IT FOLLOWS, den zu goutieren mir noch nicht vergönnt war, schafft es locker neben diesem Dan Stevens zu bestehen. Das muss man erst mal hinkriegen.

Trotzdem ist da die zweite Hälfte. Der Film zerfällt beinah. Hat er sich anfangs so viel Zeit gelassen, und trotzdem so viel behandeln können, weil er auf jede Einführung verzichtete, wird jetzt ein Ereignis nach dem anderen abgefrühstückt. Bedrohlichkeit, das muss kaum erwähnt werden, kann sich so nicht mehr aufbauen. Aber der Film, und das muss man ihm zu Gute halten, behält seine Konsequenz ohne mit der Wimper zu zucken bei, steigert sich sogar noch in einer äußerst lässigen Anwendung zweier Handgranaten. Eine Szene, die jedoch auch schon wieder vorbei ist, bevor sie überhaupt angefangen hat. Aber zurück zum Stichwort. Konsequenz: Menschen müssen sterben. Wenn auch sonst kaum etwas, das gibt die karge Rahmenhandlung vor. Nur um dann im visuell originellen, aber seltsam spannungsarmen Finale, doch noch mit der Zielstrebigkeit zu brechen und ein Ende abzuliefern, das sogar mich als jungen Burschen augenblicklich an die weichgespülten Enden der Horrorfilme der 80er-Jahre erinnert. Hier wäre ein miesepetriger, misanthropischer Knalleffekt wünschenswerter und auch passender gewesen.

The Guest Bild 1
The Guest Bild 2
The Guest Bild 3
The Guest Bild 4
FAZIT:

Wenn ein Film selbst einen Referenz-Verzichter wie mich zu ständigen Vergleichen hinreißt, kann er nicht so toll sein. Würde ich jetzt mal so ganz rational feststellen. Stimmt aber nicht. Und mit seinen ersten sechzig Minuten hätte es sich THE GUEST auch redlich verdient alleine dazustehen. Dann hätte er sich aber in der übrigen Zeit nicht so anbiedern sollen, an die konventionellen Unkonventionalitäten der heutigen, so retroverliebten Zeit. Aber wenn schon Vergleich, dann bitte nicht oberflächlich. Am ehesten musste ich an den auf dieser Website zu seiner Zeit so hochgelobten UNIVERSAL SOLDIER: THE RECKONING denken. So gilt auch hier: ankucken, kein wenn und kein aber. Und bitte mit Kopfhörern in einem dunklen Raum. Ich wünsche ein frohes Gefühl in der Magengrube!

WERTUNG: 8 von 10 lässig getragenen Bierfässern.
Gastreview von Bruno
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