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The Homesman

The Homesman

SPäTWESTERN: USA/ F, 2014
Regie: Tommy Lee Jones
Darsteller: Hillary Swank, Thommy Lee Jones, Grace Gummer, Sonja Richter, Miranda Otto, Meryl Streep

STORY:

Irgendwo im wilden Westen übernimmt die alleinstehende Farmerin Mary Bee Cuddy (Hillary Swank) die Aufgabe drei Frauen, die aufgrund der unerträglichen Lebensbedingungen und/oder dem Patriachat den Verstand verloren haben, in den zivilisierten Osten zu bringen, damit sie ein besseres Leben führen und vielleicht geheilt werden können. Unfreiwillig zur Seite steht ihr dabei der Tagedieb und Lebenskünstler George Briggs (Tommy Lee Jones). Eine gefährliche Reise beginnt ,,,

KRITIK:

Tommy Lee Jones' dritte Regiearbeit ist ein schrecklich schöner und vorzüglich gespielter Anti- bzw. Spätwestern mit großartigen schauspielerischen Leistungen einer ganzen Reihe von Weltstars, die sich weit außerhalb der Komfortzone ihres archetypischen Rollentypus ihren Figuren voll und ganz unterwerfen und ganz neue Seiten zeigen können. Besonders Hauptdarstellerin Hillary Swank glänzt darin, die existentielle Wanderung auf dem schmalen Grat zwischen Stärke und Zerbrechlichkeit auf die Leinwand zu bannen.

Die Versatzstücke des Genres werden auf den ersten Blick geschickt umgekehrt und mit feministischer Note versehen ohne den Fehler zu begehen, allzu simple Erklärungsansätze zu bemühen. Um es mit den Worten des Regisseurs zu sagen: Our film is the inverse of the conventional western. It's about women, not men; it's about lunatics, not heroes; they're travelling east, not west; and we have a different perspective on what has come to be called manifest destiny.

Trotz der poetischen Bilder lässt uns der Film niemals vergessen, wie hart und unmenschlich die Welt ist, durch die wir reiten. Der Mensch und seine Umgebung verrohen sich gegenseitig, die Siedler an den Außengrenzen der Zivilisation werden sprichwörtlich über die Grenze des Erträglichen getrieben. Einsamkeit, Hunger, Kälte, Krankheit, Tod und (häusliche) Gewalt regieren diese kargen, weiten Ebenen. Besonderes Augenmerk wird auf die Situation weiblichen Leides gelegt, da Frauen in der vorgefundenen Konstellation in der Nahrungskette ganz unten sind.

Jones möchte seinen Film aber bewusst nicht als feministischen Western verstanden wissen, er hat auch keinen Film über Archetypen gemacht, sondern konzentriert sich auf die einzelnen Menschen. Jeder Figur verdient unter dem Blick des Regisseurs seine Menschlichkeit und dementsprechend bis zu einem gewissen Maße auch unser Mitleid. Jede Figur darf aber auch hinterfragt und dekonstruiert werden, weil jede von ihnen auch ganz eindeutig die Verantwortung für ihr Handeln übernehmen darf. Die sich daraus ergebenden vereinzelten, aber umso drastischeren Gewaltausbrüche sind nichts für schwache Nerven.

Achtung, abstrakter SPOILER:

Die ganz große Stärke des Films ist seine radikale Verweigerung ausgetretener Pfade, sei es genre- oder dramaturgiebedingt. Dort wo zum Beispiel in Quentin Tarantinos Black Empowerment-Western Django Unchained der Held sich vom weißen Mann emanzipiert und dementsprechend selbstverantwortlich auf den finalen Rachefeldzug geht, wird in The Homesman diese Heilsbotschaft verwehrt. Unsere Heldin erträgt die Welt und ihr Schicksal nicht. Unsere Frauen müssen (und wollen) sich erst recht vom weißen Mann retten lassen. Die einzige aktive Handlung, die sie in ihrem Wahnzustand setzen, ist es sich in seine Verantwortung zu begeben beziehungsweise diese einzufordern.

Der weiße Mann erkennt diese perverse Situation sogar. Für einen Augenblick scheint er die Perversion dieser Abhängigkeits- und Machtverhältnisse zu verstehen und zu hinterfragen. Doch im nächsten Moment ist schon wieder alles verflogen und die bewährten Handlungsmuster werden fortgesponnen.

SPOILER Ende.

Die Verhältnisse werden in The Homesman bei genauerem Hinsehen also nicht wirklich umgekehrt, es wird nur die Perspektive geändert. Der Ansatz ist subtiler, aber nicht weniger wirkungsvoll als in Django Unchained. Zu keinem Zeitpunkt kommt hier der Verdacht auf ein Märchen zu sehen, das man folglich nicht allzu ernst zu nehmen braucht.

Tommy Lee Jones gelingt es aber auch, seinen Film vor allzu großem Pessimismus zu bewahren. Er bleibt durchgehend einer der größten Stärken des amerikanischen Kinos treu, mitunter tragische Geschichten so mitreißend und unterhaltsam erzählen ohne den Zuseher in die Depression zu treiben. Eine reife Leistung, man darf auf weitere Werke von ihm als Regisseur hoffen.

The Homesman Bild 1
The Homesman Bild 2
The Homesman Bild 3
The Homesman Bild 4
The Homesman Bild 5
FAZIT:

The Homesman ist gediegenes, elegant bebildertes und manchmal drastisches Westernabenteuer graniert mit tragischer Note und schwarzem Humor. Darüber bietet der Film einen umfangreichen Fundus an Verweisen, Szenen und Schätzen um herrlich über durchaus streitbare Themen wie die "Eroberung" des wilden Westens, Geschlechterrollen, Selbstverantwortung, Zivilisation und Genrekonventionen nachzudenken. Starker Film!

WERTUNG: 8 von 10 verendete Kühe
TEXT © Ralph Zlabinger
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