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The Illusionist

The Illusionist

THRILLERDRAMA: USA/CZ, 2006
Regie: Neil Burger
Darsteller: Edward Norton, Jessica Biel, Paul Giamati, Rufus Sewell

STORY:

Wien: Fin du Siècle. Der Magier Eisenheim trifft auf seine Jugendliebe Sophie, Herzogin von Teschen, ihrerseits Verlobte des Kronprinzen Leopold (Rudolf ;-). In der Folge entbrennt zwischen den beiden Männern ein Machtkampf um die Gunst der schönen Frau, der die Monarchie nachhaltig destabilisieren wird.

KRITIK:

Unter Kennen wahrscheinlich schon ein Geheimtipp, ist es mir beinahe eine Ehre diese kleine Perle dem lokalen Filmfreaktum vorzustellen. Denn: Wir Filmtippsschreiberlinge brechen Handelsbarrieren - vom Hamburgerhafen bis zum Wiener Praterstern.

The Illusionist ist in vielerlei Hinsicht eine der angenehmsten Überraschungen der letzten Kinojahre, vor allem für Menschen, die nach anspruchsvoller Unterhaltung suchen und diese zweifellos hier finden werden.

Darüberhinaus ist dieser Film auch ein Phänomen und eine Beispiel für das Versagen der Filmgroßhändler im deutschen Sprachraum, denn kein deutscher Verleih hat sich bereiterklärt, diesen Film bei uns in die Kinos zu bringen, obwohl er erstens in den USA zum sogenannten Sleeperhit mutierte (laut Boxofficemojo "top performing movie of 2006") und darüber hinaus Wienbezug hat.

Ich meine da traut man sich einmal überm Teich an ein österreichisches Thema um Habsburg und Monarchie und dann spielt es diesen Film nicht einmal in unseren Programmkinos. Was ist da los?!!!!!

Aber Schwamm drüber, denn erstens umgibt diesen Film dadurch eine Art elitärer Nimbus, sprich man kommt sich so besonders vor, wenn man ihn kennt, und zweitens wissen wir ja, dass er gut abgeschnitten hat, also nicht auf das zumindest österreichische Publikum angewiesen war.

Dennoch schad drum, denn der Illusionist, übrigens ein Beispiel für den immer wieder einmal passierenden Zufall im selben Jahr zwei Filme mit doch sehr ähnlicher Thematik ins Kino zu bringen, Armageddon und Deep Impact, Volcano und Dante's Peak, Alexander und (abgeblasener) Alexander, Mission to Mars und Red Planet und 2006 dann The Prestige und vorliegender Film, braucht sich hinter dem verschachtelt-genialischen und etwas teurer produzierten Konkurrenten gar nicht verstecken (wobei modernste Marketinganalysen schon längst ergeben haben, dass bei Themengleichheit keine Kannibalisierung sondern im Gegenteil eine Verstärkung der Nachfrage zu beobachten ist), denn wo The Prestige mit Hirn und Logik, mit Raffinesse und Wettkampfleidenschaft mit Illusionist einhergeht, bietet letzterer darüber hinaus Emotionen, Gefühle und einen beinahe schon beeindruckend cleveren Subtext.

The Illusionist spielt doch tatsächlich neben seiner sehr mitreißenden vordergründigen Handlung mit Motiven um Macht und Krone, wirft einen beängstigend durchdringenden Blick auf die politischen Zustände in der Habsburgermonarchie und lässt uns Zuseher ganz nach Hitchcock'scher Formel eigentlich mit dem Bösewicht, dem demagogischen Zauberer, der uns scheinbar harmlos unterhaltend hinters Licht führt und unsere Urängste mit simplen Hokus Pokus bedient, sympathisieren.

Der Thronfolger Kronprinz Leopold (eigentlich Rudolf) wird als kaltherziger Rationalist dargestellt, wohingegen der Magier Eisenheim als Romantiker und Verführer gezeichnet unsere Herzen erobern darf. Aber es ist so falsch. Leopold mag kein angenehmer Zeitgenosse gewesen sein (der echte Rudolf noch dazu ein syphillisgeplagter Depressivling), aber er war ein aufgeklärter Prinz, der gegen Aberglauben und das konservativ-absolutistische Gehabe seiner Zeit aufbegehren wollte. Und ganz subtil wirft uns der Film das auch vor. Leopold meint nicht nur an einer Stelle, dass wir geblendet werden, dass wir einer Illusion aufliegen, dass er es doch ist, der und die Augen öffnen möchte, während der Magier uns hinters Licht führt.

Ein wunderschönes Motiv also, der Mentalist, der einfache Antworten auf komplexe Fragen gibt, der unserer Rationalisierung der Probleme der natürlichen und sozialen Welt durch Wissenschaft, Technik und Organisation mit seiner Rückbesinnung auf Magie und Metaphysik entgegentritt, was dankbar vom spirituell ausgehungerten, intellektuell überforderten Volk aufgenommen wird.

Thomas Mann spielt in seiner Novelle Mario und der Zauberer auf ähnliche Weise mit der faschistischen Zeitatmosphäre, Michail Bulgakow ebenso in seinem Romanmeisterwerk Der Meister und Margarita indem er den Satan auf die Bühne schickt um Vorträge über Schwarze Magie und deren Entlarvung zu halten, während in beiden Fällen das Volk in den Bann des Übernatürlichen gerät und sich in der Folge zum Spielball der Manipulation macht.

Jetzt darf sich ein amerikanischer Independentfilm auch zum erlauchten Kreis dieser Kunstwerke zählen, wer hätte das gedacht. Ein unterhaltsamer Film mit einem Thema, das ist beinahe zu schön um wahr zu sein.

The Illusionist Bild 1
The Illusionist Bild 2
The Illusionist Bild 3
The Illusionist Bild 4
The Illusionist Bild 5
The Illusionist Bild 6
FAZIT:

The Illusionist ist ein Geschenk des Filmhimmels: Virtuos jongliert der Regisseur Neil Burger unterhaltsam-raffinierte Doppelbödigkeit mit emotional-mitreißender Liebesgeschichte ohne dabei auf herrlich clevere, beinahe schon geschichtsexkursartige Anspielungen und würzig-chice Retroform zu verzichten und beschert uns somit einen Film, der einfach auf allen Ebenen ein Genuss ist. Eine Perle, nicht mehr und nicht weniger!

WERTUNG: 8 von 10 chinesischen Helfern
TEXT © Ralph Zlabinger
Dein Kommentar >>
Nico | 25.10.2009 20:47
Mich hat der Film zum Teil richtig genervt. - Nortons Darstellung war da ausschlaggebend. Da passte mir von der Frisur weg gar nichts an ihm. - Ansonsten war der Film eher Style over Substance, clever find ich ihn leider überhaupt nicht. Weder gut erzählt, noch irgendwie interessant was den historischen Hintergrund anbetrifft. Ein nettes Märchen, mehr will der Film auch nicht sein. - Highlight waren für mich eher Rufus Sewell und P.Giamatti... - 5 / 10
Ralph | 27.10.2009 13:15
Nico, wie gibt's denn sowas?

(Ich hätte wie immer damit gerechnet, dass gerade du genau meiner Meinung bist;-)
Nico | 27.10.2009 17:46
Nicht immer, Ralph! Aber Ausnahmen bestätigen ja die Regel, nicht? ;)
>> antworten
Nic | 24.10.2009 17:33
kommt zwar an Prestige nicht ran, aber Norton macht ihn sehenswert. den zaubererfilm mit guy pearce kann man allerdings auslassen imo ;)

>> antworten
Harald | 24.10.2009 14:29
verdammt, das klingt ja wirklich überzeugend - obwohl mich (bitte mich für diese aussage nicht gleich steinigen) die monarchie eigentlich nicht sooo rasend interessiert.

geschichte wird generell überschätzt, finde ich. weil die zeit ja nicht stehenbleibt. im gegenteil. aber wurscht, ich hol mir jetzt den film.
Andreas | 24.10.2009 21:04
keine sorge. soviel geht's hier gar nicht um die kaiserfamilie :-)

mich hat er nicht sooo beeindruckt. schlecht war er aber auch nicht. 6/10

aja, und: schönes review!
Ralph | 24.10.2009 22:03
Also ich hab den jetzt schon dreimal gesehen, ich bin begeistert. Vielleicht nicht so genial wie Prestige, dafür aber wesentlich gehaltvoller...
Andreas | 24.10.2009 22:30
hast recht, ich bin zu hart gewesen. das ist außerdem ein film von der sorte, die vermutlich besser werden, wenn man sie öfter sieht...

also 7/10
>> antworten


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