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The Last Fashion Show

The Last Fashion Show

OT: Sotto il vestito niente ? L'ultima sfilata
GIALLO: Italien, 2011
Regie: Carlo Vanzina
Darsteller: Francesco Montanari, Vanessa Hessler, Richard E. Grant, Claudine Wilde

STORY:

Während der Mailänder Modewoche wird das junge Model Alexandra Larsson von einem Auto angefahren und stirbt. Inspektor Malerba glaubt nicht an einen Unfall. Seine Theorie scheint sich zu bestätigen, als eine weitere mit dem Stilisten Federico Marinoni verbundene Person ermordet wird...

KRITIK:

Schon lange habe ich mich nicht mehr so auf den Erscheinungstermin einer DVD gefreut, wie bei dem im September in Italien herausgekommenen SOTTO IL VESTITO NIENTE - L´ULTIMA SFILATA. Denn dieser Film von Carlo Vanzina (MYSTERE, NOTHING UNDERNEATH, SQUILLO), der erst dieses Jahr in Italien in den Kinos lief, ist der erste richtige Model-Giallo seit über 20 Jahren. Und meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht...

Dabei ist der Begriff Model-Giallo ja eine ziemlich irreführende Bezeichnung: Im allgemeinen versteht man hierunter eine lose Folge von in den 80ern entstandenen stylischen Gialli, deren Handlung zumeist in der Modewelt angesiedelt ist. Und die emblematischsten Vertreter dieses Subgenres sind sicherlich die beiden in Italien als SOTTO IL VESTITO NIENTE 1 und 2 erschienen Filme NOTHING UNDERNEATH (1985) und TOO BEAUTIFUL TO DIE (Dario Piana, 1987).

Natürlich ist der Begriff "Model-Giallo" im Prinzip reiner Unfug. Denn angefangen bei Mario Bavas Ur-Giallo BLUTIGE SEIDE (1964) spielten bereits unzählige Vertreter des gelben Genres in der Modelwelt und somit gehören Models und Schaufensterpuppen fast genauso zum Genre, wie Rasiermesser und schwarze Handschuhe. Doch dessen ungeachtet versteht man unter einem "Model-Giallo" in der Regel nur bestimmte Genrevertreter aus den 80ern, welche außer schönen Models insbesondere auch den unverkennbaren glattgebügelten Hochglanzstil dieser Dekade aufweisen. Und deshalb ist diese Bezeichnung oft auch nicht gerade als Kompliment gemeint...  

Wie dem auch sei: Ich gehöre jedenfalls zu den anscheinend relativ wenigen Giallo-Fans, welche im Aufkommen des Phänomens der Model-Gialli nicht den Beginn des Untergangs des Abendlandes sehen. Ganz im Gegenteil halte ich diese sogar für einen insgesamt recht erfolgreichen Wiederbelebungsversuch des bereits damals reichlich abgehalfterten Genres. Doch alle gelungenen oder auch nicht gelungenen Wiederbelebungsversuche hin oder her: Leider muss man sagen, dass der Giallo ca. 25 Jahre später erst recht (fast) mausetot ist.

Also war es dringend an der Zeit das Genre nicht allein den Selbstdemontagen seines ehemaligen Hauptvertreters Dario Argento (GIALLO, 2009) zu überlassen, sondern endlich mal wieder einen ernsthaften Wiederbelebungsversuch zu starten. So wurde die alte Revitalisierungsreihe SOTTO IL VESTITO NIENTE wieder aufgegriffen und für den neuesten Teil L'ULITIMA SFILATA (2011) mit Carlo Vanzina gleich auch noch der Regisseur des ersten Teils NOTHING UNDERNEATH verpflichtet. Und insgesamt halte ich diesen Versuch, wie bereits zuvor angedeutet, für sehr geglückt!

Sobald die ersten Töne der Titelmelodie von Altmeister Pino Donaggio erklingen, ist die spätere Marschrichtung des Films eindeutig vorgegeben: Dies ist nicht wirklich neu, sondern lediglich das Update der ebenfalls von Pino Donaggio stammenden Titelmelodie zu NOTHING UNDERNEATH. Und bereits jene war auch schon damals nicht mehr wirklich neu, sondern nur eine Variation von Donaggios Titelmelodie zu Brian de Palmas ebenfalls im Jahre 1985, aber vor NOTHING UNDERNEATH erschienen, BODY DOUBLE. Und von Brian de Palma im allgemeinen und von BODY DOUBLE im speziellen hatte sich Carlo Vanzinas SOTTO IL VESTITO NIENTE ja auch ganz eindeutig inspirieren lassen. Doch hierzu später mehr...

Jedenfalls bietet SOTTO IL VESTITO NIENTE - L´ULTIMA SFILATA alles, was auch bereits die beiden ersten Teile der - inhaltlich nicht wirklich miteinander verbundenen - Serie ausmacht: Jede Menge wunderschöne Models, ein paar blutige Morde, eine zur oberflächlichen Modewelt passende Glätte in der Inszenierung, viele wunderschöne... äh, da waren wir ja schon... Zu den wunderschönen Frauen gesellen sich in THE LAST FASHION SHOW noch die zahlreichen ebenfalls wunderschönen Orte in Italien, Schweden und in der Schweiz, welche jeweils mit absolut postkartentauglichen Panoramabildern eingeführt werden.  

Moment mal: Schweden? Hm, Stockholm gehört ja eher zu den weniger geläufigen Handlungsorten für einen Giallo. Spontan fällt mir da eigentlich nur CRIMES OF THE BLACK CAT ein, und da war es wohl auch nicht wirklich Stockholm, sondern Kopenhagen... Bei der Stadt Stockholm in Verbindung mit fiesen Psychothrillern denke ich schon viel eher an Stieg Larssons Millenium-Trilogie (VERBLENDUNG, VERDAMMNIS und VERGEBUNG). Und diese Assoziation ergibt hier durchaus einen Sinn: Denn Carlo Vanzina zufolge orientiert sich sein neuer SOTTO IL VESTITO NIENTE weniger an amerikanischen Vorbildern, wie den übersinnlichen Thrillern von Brian de Palma (hört, hört...), sondern mehr an europäischen Thrillern und sei von daher auch wesentlich reifer geworden (was noch zu beweisen wäre...).  

Dass Carlo Vanzina mit THE LAST FASHION SHOW eindeutig in der heutigen Gegenwart angekommen ist, wird spätestens dann überdeutlich, wenn die Models zu Musik von Lady Gaga über den Laufsteg flanieren. Das hat mit der einmaligen 70er-Jahre-Atmosphäre der klassischen Gialli natürlich nicht mehr viel zu tun. - Aber andererseits gehören die beständigen Häutungen des Genres und seine Verwurstungen von aktuellen Trends zum Giallo, wie auch zum italienischen Genrekino im allgemeinen, schon immer mit dazu.

Und deshalb ist auch der neue alte Titel von SOTTO IL VESTITO NIENTE - L´ULTIMA SFILATA ebenso passend, wie ehrlich. Denn ganz unter uns: Das Rad neu erfunden hat auch dieser Film ganz sicher nicht! - Doch auch dies liegt wieder ein wenig an den recht rigiden Regeln dieses Genres an sich: Denn sobald sich wirklich mal jemand wie z.B. Alex Infascelli (ALMOST BLUE, HATE O 2) traut, das gelbe Genre tatsächlich weiterzuentwickeln, fragen sich viele unweigerlich, ob das nun überhaupt noch ein richtiger Giallo sei... 

Nun, THE LAST FASHION SHOW geht solche Wagnisse gar nicht erst ein, sondern präsentiert uns neben den vielen wunderschönen Models so ziemlich alles, was ein anständiger Giallo so braucht:

Es gibt ihn den munteren Mörderreigen. Allerdings ist dieser hier recht harmlos inszeniert. Wahrscheinlich ist dies eine Konzession an ein heutiges italienisches Kinopublikum, welches dem Regisseur zufolge fast nur noch Komödien sehen will und welches mit diesem Projekt überhaupt erst einmal wieder an anständige Krimikost herangeführt werden soll. So konzentriert sich die schön twistreiche Handlung mehr auf den eigentlichen Krimiplot und die damit einhergehenden Ermittlungsarbeiten. Diese werden hier auch nicht von einer (zu Unrecht verdächtigten) Privatperson, sondern von einem recht sympathischen Polizistenduo vorangetrieben. Dieses ist, ebenso wie eigentlich auch alle anderen Hauptdarsteller zwar ein einziges wandelndes Klischee. Aber hey: In welchem klassischen Giallo ist dies denn wirklich je anders gewesen?

Dann wäre da noch die Sache mit der angeblichen größeren Reife des Films durch seine stärkere Konzentration auf europäische Vorbilder: Auch hier passt der Vergleich zu Stieg Larssons Millenium-Trilogie: War der erste Teil VERBLENDUNG noch ein echter Brecher, so bewegten sich seine Fortsetzungen VERDAMMNIS und VERGEBUNG in ihren schlechteren Momenten nur unmerklich über TV-Niveau. Und diesen Vorwurf muss sich auch THE LAST FASHION SHOW eindeutig gefallen lassen: Teilweise ist der Film zwar nicht nur extrem stylisch, sondern manchmal fast virtuos geraten (z.B. der Slow-Mo-Todesflug des ersten Mordopfers). Aber über weite Strecken wirkt die Inszenierung dann doch reichlich bieder. Carlo Vanzina würde hier wahrscheinlich eher von einer stärkeren Erdung sprechen...

The Last Fashion Show Bild 1
The Last Fashion Show Bild 2
The Last Fashion Show Bild 3
The Last Fashion Show Bild 4
The Last Fashion Show Bild 5
The Last Fashion Show Bild 6
The Last Fashion Show Bild 7
FAZIT:

Carlo Vanzinas SOTTO IL VESTITO NIENTE - L´ULTIMA SFILATA erfindet das Rad ganz gewiss nicht neu. Der Film setzt die bereits in den 80ern begonnene SOTTO IL VESTITO NIENTE-Reihe fort, welche die oberflächliche Modewelt gleichermaßen zelebriert, wie auch demontiert hat und schafft somit eine erfolgreiche Wiederbelebung des Subgenres der Model-Gialli. Und da auch der Giallo im allgemeinen in den beiden vergangenen Dekaden nicht allzu viele geglückte Wiederbelebungsversuche erfahren hat, kann man hier auch ganz ohne Übertreibung von einem der gelungensten Gialli der letzten zehn Jahre sprechen.

WERTUNG: 7 von 10 ebenso schöne, wie tote Models
TEXT © Gregor Torinus
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