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The Margin Call - Der große Crash

The Margin Call - Der große Crash

OT: The Margin Call
THRILLER: USA, 2011
Regie: J.C. Chandor
Darsteller: Kevin Spacey, Paul Bettany, Jeremy Irons, Zachary Quinto, Demi Moore, Stanley Tucci

STORY:

Ein junger Mitarbeiter einer Investment-Bank erkennt durch Zufall, dass das finanzielle Kartenhaus, mit dem einst Milliarden verdient wurden, unmittelbar vor dem Zusammenbruch steht. Erst kommt der Boss, dann die Bosse des Bosses, dann der Ober-Boss aller Bosse, um zu retten, was noch zu retten ist. Die Nerven liegen blank im Glaspalast an der Wall Street. Am nächsten Tag beginnt das große (Kurs-)Gemetzel, und danach war nichts mehr, wie es einmal war ...

KRITIK:

"This is gonna be ugly."

Korrigiert mich, wenn ich falsch liege, aber irgendwie scheint es, als hätte jedes Jahrzehnt seine ganz spezifischen Ängste. In den Sechzigern des letzten Jahrtausends fürchtete man sich vor dem Kalten Krieg und dem jederzeit möglichen atomaren Holocaust. In den Seventies kam der Ölschock, die erste größere Wirtschaftskrise, der Vietnamkrieg, die Rassenunruhen. In den Achtzigern sorgten Aids, Waldsterben und Atomkraft für Panik. In den Neunzigern zitterte man dem Year 2000-Crash entgegen, hierzulande fürchtete man sich noch zusätzlich vor angeblichen Fluten von Asylbetrügern und Kriminellen-Horden ausländischer Herkunft. In den Nullerjahren regierte die Terror-Panik. Und seit ein paar Jahren sieht es danach aus, als würde die Wirtschaft jeden Moment mit Pauken und Trompeten krachen gehen, und wir werden mit unserem Euro-Spielgeld maximal noch das Klo tapezieren können.

Der Margin Call ist der Augenblick, an dem es kritisch wird. Es ist der Befehl an den Broker, zu verkaufen, koste es, was es wolle. Diesen Befehl hören die Investment-Banker im gleichnamigen Streifen von J.C. Chandor nach einer langen Nacht, in der eine Krisensitzung die nächste jagte. Es ist vorbei, alles geht den Bach runter, aber wer die toxischen Papiere noch rechtzeitig an ein paar Dumme verkauft, gewinnt seinen Millionen-Bonus. Der Rest wird leider gekündigt, sorry.

Jungregisseur J.C. Chandor erzählt die Vorgeschichte zum großen Finanzcrash 2009 als beklemmendes Kammerspiel, als eisigen Büro-Thriller. Es ist erstaunlich, wie souverän der Regie-Debutant Chandor etwas so Abstraktes wie die undurchsichtigen Zahlenspielereien der Finanz-Haie in packendes Spannungs-Kino übersetzt.

Ein Schmäh dabei ist ja, dass nicht nur die Zuseher Bahnhof verstehen, sondern auch die Vorgesetzten. In einer Schlüsselszene versucht ein junger Analyst, dem Oberboss Jeremy Irons den konkreten Grund für das drohende Desaster zu erklären. Doch dieser zeigt keinerlei Interesse, sich mit komplizierten Details aus dem Tagesgeschäft auseinanderzusetzen. "Speak to me like to a Child", herrscht er den fassungslosen Mitarbeiter an.

Interessant ist auch, dass der Film einfache populistische Schuldzuweisungen tunlichst vermeidet. Die Akteure in ihren eigentlich ziemlich schmucklosen Bürogebäuden und steifen Business-Anzügen sind zu gleichen Teilen Täter wie auch Opfer. Ihre Gier und Rücksichtslosigkeit mag für Kopfschütteln sorgen. Und wenn einer der Protagonisten in seinem Protzauto durch Manhattan braust und für die Menschen außerhalb der Wall Street nur ein verächtliches "Fuck the normal people" übrig hat, klingt das erstmal mäßig sympathisch.

Doch in Wahrheit unterscheidet sich die Gier des Wall Street-Brokers kaum vom kleinen Mittelstands-Spießer (a.k.a. Klein-Aktionär), der den Hals ebensowenig voll bekommen kann. Der einzige Unterschied ist die Größenordnung des eingesetzten Spielkapitals.

Und es gibt auch Ansätze von Reflexion und Selbstkritik im Lager der Finanz-Haie. Mehr als nur einmal wird die Absurdität des eigenen Tuns thematisiert und die Sinnfrage gestellt - etwas, was dem kleinen Büroangestellten, der in der Mittagspause das Weihnachtsgeld auf irgendwelchen schwindligen Direktanlage-Webseiten verzockt, nie und nimmer in den Sinn käme. Korrigiert mich, wenn ich falsch liege. Zumindest ist das meine Beobachtung.

Letztlich bleiben die Charaktere in THE MARGIN CALL menschlich. Und wie: Einer plärrt Rotz und Wasser vor Angst, auf der Kündigungsliste zu stehen. (Tatsächlich wurden bei amerikanischen Investment-Banken selbst in guten Jahren regelmäßig fünf bis zehn Prozent der Belegschaft gekündigt, quasi zur Motivation der "Überlebenden".) In diesem Klima aus Angst und Gier ist es schwer, gelassen zu bleiben. Das Personal in den Glaspalästen ist dementsprechend ausgebrannt, müde, zynisch und verbittert. Millionenschwere, arme Schweine.

Ein Happy End ist selbstverständlich ausgeschlossen. Der Büro-Thriller endet dramatisch und lässt ein sehr ungutes Gefühl in der Magengegend zurück.

The Margin Call - Der große Crash Bild 1
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FAZIT:

Die Vorgeschichte zur Weltwirtschaftskrise 2009 als kaltes, unangenehm realistisches Thriller-Kammerspiel mit Starbesetzung. Der Stoff, aus dem die Albträume dieses Jahrzehnts sind.
Die dringend angeratene OmU im Gartenbaukino.

WERTUNG: 8 von 10 Nikotinkaugummis
Dein Kommentar >>
Claudia | 08.01.2012 21:53
Tolle Filmkritik! Habe den Film gesehen und muss sagen, dass ich schon vorher die Story bzw die Problematik von MBS kannte. Die kalten, nächtlichen Büroszenen; Mitarbeiterentlassungen; vom Tagesgeschäft unwissende Bosse usw. - all dies passiert in der Realität genau so! Mir hat der Film jedenfalls sehr gut gefallen!
Harald | 08.01.2012 22:45
Danke!
>> antworten
wolf_vienna | 23.12.2011 14:51
Bis man als Laie - und ich bin gar keiner - halbwegs erklärt bekommt, worum es eigentlich geht, d.h. warum denn alles den Bach runter gehen soll, vergeht einmal locker eine halbe bis dreiviertel Stunde.
Ich würde dennoch sagen, dass der Film der Story und der Realität hervorragend angepasst ist. Ein müder Abklatsch von einem Film, der nur durch seine Stars halbwegs punkten kann. Die Story ist ein Nichts und für einen Laien bzw. am Rande stehenden nicht nachvollziehbar, man bekommt die angeblich prekäre Situation zu keinem Zeitpunkt erklärt und fragt sich mindestens 90 Minuten lang, wann den nun Spannung aufkommen soll.
Ich war bitter enttäuscht, denn aus dieser Geschichte MUSS ein Regisseur mehr machen können.
>> antworten
Yu | 17.12.2011 07:48
Also ich fand den Film bei weitem nicht so gut. Der Film bleibt mir
einfach zu oberflächlich und auch die erzählten Anekdoten ("Ich habe
eine Brücke gebaut und so haben Millionen von Menschen x
Kilometer gespart.") waren zwar unterhaltsam aber haben es meiner
Meinung auch nicht geschafft den Schauspielern die nötige Textur zu
geben.

Von mir gibt es 6 von 10 Bürohengsten.
harald | 17.12.2011 10:00
ich glaube, das, was du 'oberflächlich' nennst, könnte beabsichtigt gewesen sein. das sind männer ohne eigenschaften, ohne interessen, ohne familie, ohne sozialleben. die haben nichts als ihre arbeit - und jede menge geld, das - vorsicht, oberflächliche binsenweisheit ahead - auch nicht glücklich macht.
>> antworten
Nic | 15.12.2011 18:52
haralds vorsatz fürs nächste jahr: sich weniger verkaufen, dafür mehr kritikvermögen ;)
harald | 15.12.2011 20:38
ja, ich würd liebend gern mit den kritiken ein vermögen verdienen ;-)
>> antworten
Hank the Knife | 13.12.2011 13:53
Der Film ist wirklich überragend gut, habe die Originalfassung und auch die wirklich gut gemachte deutsche Fassung gesehen. Dem Film wird in anderen Rezensionen oft mangelnde Nähe und somit wenig Möglichkeit sich mit den Figuren zu fühlen vorgeworfen. Der Film ist im Gegenteil sehr nahe an seinen Protagonisten dran und entlarvt die Bande als das, was sie ist: kaputte, frigide und rücksichtslose Psychopathen, denen wir das Wohl und Weh(das eher) unserer Zukunft anvertrauen. Am deutlichsten zeigt diese Ambivalenz die Figur Kevin Spaceys: er trauert zutiefst um seinen Hund, das man selbst Wasser im Auge hat, nur um, ganz Machtmensch, zum Schluss den Abverkauf, von dem er weiß, was er anrichten wird, noch durch Boni an zu heizen. Ein Horrorfilm, ganz ohne Splatter.
Harald | 13.12.2011 15:03
Mit kaputt, frigide und rücksichtslos magst du rechthaben. Bei Psychopathen muss ich widersprechen. Ich hab diese Leute - mit Ausnahme von Oberboss Jeremy Irons vielleicht - als geradezu beklemmend 'normal' empfunden. Kevin Spacey hat nur seinen verdammten Job erledigt. Er ist kein Machtmensch, er führt nur Befehle aus. Die Sinnlosigkeit seins Tuns ist ihm voll und ganz bewußt, die Alternativenlosigkeit (vom erlösenden Fenstersprung vielleicht abgesehen) ebenso.
Mit Horrorfilm hast du recht. Der schlimmste Horror ist der Horror der Realität.
>> antworten
Ralph | 12.12.2011 03:32
Großartige Kritik, außerdem voller Altersweisheit. ;-)

Harald | 12.12.2011 18:37
Danke ;-)
Übrigens alles nur gekl- äh gegoogelt. Das können Jüngere auch ;-)
>> antworten