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GOOD MOVIES FOR BAD PEOPLE
The Neon Demon

The Neon Demon

GLAMOURHORROR: USA, Dänemark, 2016
Regie: Nicolas Winding Refn
Darsteller: Elle Fanning, Jenna Malone, Abbey Lee, Bella Heathcote, Keanu Reeves

STORY:

Die Modewelt ist grausam. So richtig, richtig grausam.

KRITIK:

Bevor der Vorhang gelüftet wird, meldet sich der Regisseur persönlich zu Wort: "I make experiences, not movies". Oh Mann. Das fängt ja schon mal gut an. Experiences, was soll das schon bedeuten. Etwas, das ebenso Michael Bay leicht über seine Filme behaupten könnte, sind die Explosionsstürme eines Transformers-Filmes wohl eher ein inkohärenter Augenschmaus als eine wertvolle Filmproduktion. Und wenn man es genau nimmt, sollte jeder Film eine Erfahrung sein, eine Horizonterweiterung im besten Fall, eine Fahrt in ungewisse Wasser, aus denen man verändert auftaucht, wenn auch nicht immer wie erwartet.

Bei Nicolas Winding Refns Filmen erging es mir zum größten Teil seines (mir bekannten) Oevre zumindest so, dass ich nach den jeweiligen Sichtungen etwas Neues "erfahren" hatte: PUSHER ließ mich fassungslos zurück, die Fortsetzung war noch erschütternder. DRIVE ist ein Film den ich sowohl inhaltlich, als auch formal (wenn nicht mehr) liebe. Und auch wenn ich dem Wikinger-Psychodrama VALHALLA RISING nichts abgewinnen kann, kann ich die hypnotische und verstörende Art der Inszenierung Winding Refns und allen voran seine Wirkung nicht leugnen: VALHALLA RISING ist auf jeden Fall der herausfordenste Film des Dänen.

Und jetzt THE NEON DEMON, ein Film der das Wort "Avantgarde" in namensgebenden colorierten Lettern auf seiner Stirn trägt. Für mich war - ist - TND ein beinahe satirisch-selbstverliebter, grell-leuchtender, overdressed/underfuckedter und laut dröhnender Schwachsinn. Ein überlanges Electro-Musikvideo mit dem Esprit einer Chanel N°5 Werbung eines David LaChapelle und der fehlenden Subtilität eines späten Bret Easton Ellis. All glitter, no gold.

Das Sudern über Filme wie THE NEON DEMON ist selbstredend Sudern auf hohem Niveau. Mit selbiger stilistischen Wucht wird wohl in nächster Zeit kein Film in die Lichtspielbordelle treten. Aber wie der Regisseur selbst sprach, Filme sind Erfahrungen, Emotion. Hm, handelt es sich hierbei nur um eine billige Ausrede um sich von den inhaltlichen Ohnmächten zu distanzieren? Persönliche Emotion sind der Antrieb für - vor allem die dialogärmeren - Filme Winding Refns. Man wird durch eine Szene nicht mit hypnotischem Rhythmus ge- bzw. entführt, als auch gleichermaßen hineingeworfen: gezwungen sich seinem eigenen Reim auf das ganze zu machen. Wie gut das funktioniert, liegt im ausgespucktem Auge des Betrachters.

Und ja, ich finde, dass dies in THE NEON DEMON absolut nicht funktioniert. Beinahe alles ist berechnend, vorhersehbar und zudem nicht einmal wirklich tiefsinnig. Müsste es auch nicht sein. Nur die angeberische Plattheit, mit der Winding Refn seine Gewaltspitzen und Traumexzesse inszeniert, fühlt sich viel zu konstruiert an, eine Mischung aus ONLY GOD FORGIVES und DRIVE, nur eben viel, viel lauter, plastischer und melodramatischer. Das passt zwar alles recht gut zu der Thematik des Filmes, ist aber bei weitem nicht neu, weder in Inszenierung noch im Inhalt. Und am allerwenigsten in besagter Emotion.

Aber wahrscheinlich will der Film genau darauf hinaus: glänzende Oberfläche, kalte Flächen, dunkle Spiegel: nichts dahinter. Eine schonungslose Albtraumvision ganz im Sinne der brutalen Auswüchse der Modewelt. Eine Welt in der Inszenierung alles ist, wichtiger als das eigentliche Produkt. Augen-öffnend ist das bei weitem nicht, lediglich die Frage, wie sehr der Film selbst damit spielt wäre interessant. THE NEON DEMON ist schön, aber nicht so schön, wie andere Filme Winding Refns (sogar ONLY GOD FORGIVES übertrumpft mit seinem Stumpfsinn die Ästhetik des Dämons). Subtil ist der Aufstieg und Untergang der jungen Schönheit eben so wenig wie zimperlich: der Wandel der Hauptfigur ist ruckartig und verläuft ohne Nuancen und wird am Schluss ohnehin zur Nullsumme erklärt. Die Thematik der niederträchtigen Glamourwelt wurde auch schon öfters - erfolgreicher - unter die Lupe genommen (wird Zeit MULLHOLAND DRIVE mal wieder zu schauen) und bietet keinerlei neue Hintergründe.

Der Soundtrack ist laut und sollte auch laut gehört werden, da kann ich den Wort Refns nur zustimmen. Oh ja, solche Filme funktionieren wirklich am besten im dunklen, lauten Kinosaal; der mal stampfende, mal leise glitzernde Technosound vibriert schön durch die Sessel und die Brust, das Unbehagen liegt in spürbarer Nähe. Aber so gut Cliff Martinez auch sein mag, die Klangwelten aus THE NEON DEMON wurden mir in den letzten paar Jahren schon besser dargelegt (u.a. der fantastische Soundtrack von Disasterpeace zu IT FOLLOWS). Zudem - und das bereue ich sicher, wenn sie Hans Zimmer wieder an alles ran lassen - wird's mit der Zeit auch etwas langweilig mit dem ewigen Carpent'schen Soundtrack. Es hat zwar alles seine Wirkung, aber irgendwann verfliegt auch diese. (Okay, ich gebe zu, das hier ist nun wirlich schon so called nitpicking, der Score von Mansell und Julian Winding ist schon ziemlich geil).

Die Ästhetik ist wie bereits erwähnt auch alles andere als mies. Winding Refn versteht es immerhin seine Kälte gut aussehen zu lassen. Blitzlichtgewitter, leere Räume, leuchtende Bilderfluten. Nicht nur hier gab es viel, das mir am Film an sich sehr gut gefallen hat. Einzelne Szenen werden ohnehin jedem im Gedächtnis bleiben, aber für mich waren es nicht die Hau-Drauf-Gewalteskapaden (die ohnehin viel zu vorhersehbar und mit einer viel zu großen Mühe des Shock-Value inszeniert wurden), sondern die sich wie jagende Tiere fortbewegenden Massen, die um unsere Hauptfigur kreisen: eh klar, der Mann ist (ebenso) das Böse in dieser degradierenden Welt, jede männliche Figur im Film kann zum Symbol umgedeutet werden und selbst die 180° Wende lässt an dieser Message nicht zweifeln. Doch wie sich Keanu Reeves (im Besonderen) und seine männlichen Kollegen stets um Elle Fanning scharen, sie ihrer Macht berauben und klassifizieren hat das größte Unbehagen in mir ausgelöst. Irgendwie fühlt man sich nirgends sicher in der Welt des neonfarbenen Dämonen und die auf der Lauer liegenden Männern, die mit Messern in deine Löcher fahren bringen diese Bedrohung mehr als überzeugend zur Geltung.

Leider überwiegt letztendlich der Drang zur Vorschlaghammermethode, so dass auch der müdeste Zuschauer erkennt worum es geht, ein Muster das sich durch den Film wie ein blutroter Faden zieht. Immer, wenn es genug wäre, wirft Winding Refn die Style-Over-Substance Maschine an und bombardiert die Zuschauer mit seinen bedeutungsschwangeren Bildern, die nach der x-ten Wiederholung nicht leerer, steriler, uninspirierter und unerotischer wirken könnten. Plakativ ist das Wort, das mir mehr als einmal von den Lippen gefallen ist.

Und so streifen Berglöwen durch die Großstadt, junge Frauen vergehen sich aneinander, liegen in seichten, von Rosen umrankten Gräbern die an den Kitsch eines Luis Royo erinnern, während im Nebenzimmer Mädchen sich das Blut vom Leib waschen und im Vollmond Blutfontänen geboren werden. Vielleicht geht es hier auch viel zu sehr um die Intention des Filmes. Ist er - oder Nicholas Winding Refn - sich über seine enthemmte Plakativität, seine rohe Aneinanderreihung nichtssagender (Ansichtssache), albtraumhaften Szenen bewusst? Wie sehr inszeniert und feiert sich THE NEON DEMON selbst, wievielt davon bleibt eine müde, ausgelutschte Metapher und wie viel davon ist bewusst ohne direkte Lösung gefilmt? Gegen Ende verdichtet sich der Neonnebel und die Ebenen verschieben sich erneut: entweder noch blöder und brachialer oder noch abgründiger, böser und hinterlistiger. Dies bleibt wohl schließlich jedem selbst überlassen.

Ich zumindest hatte den Eindruck leerer Unterhaltung. Das ist, wie wohl die Welt der Models, Fotografen und Designer nicht weiter schlimm, etwas Selbstreflexion kann jedoch nie schaden. Vielleicht überwiegt die Enttäuschung, dass gerade Winding Refn einen solchen Hochglanztrash abliefert (bzw. bestätigt es meine Befürchtung, die ONLY GOD FORGIVES schon gesät hat), halte ich ihn trotz seines penetranten Stils (der mir sehr gefällt, nicht missverstehen!) für einen Regisseur und Drehbuchschreiber, der es mit wenig Worten und sanftem Rhyhtmus schafft, Emotionen in beinahe schmerzhaft naher Nachvollziehbarkeit zu demonstrieren und seine Figuren unbarmherzig zu demaskieren. Die PUSHER Trilogie, DRIVE, BRONSON, etc. sind Filme die von Gefühl durchzogen sind und die einem nicht mehr als einmal mit großer Verwirrung zurücklassen, nicht zuletzt, weil man sich schließlich daran verschluckt. In THE NEON DEMON setzt dieses Gefühl leider nur selten ein (und wenn, dürfen wir Jenna Malone für ihre grandiose Mimik danken.) Wenn überhaupt.

Wie gesagt, it all lies in the eye of the beholder. THE NEON DEMON ist nicht einmal hässlich, wenn man ihm die Maske entreißt. Lediglich leer: beauty isn't everything, it's the only thing. 

After Credit Scene: Weil die Schönheit ja im Auge des Betrachters liegt, Haralds Augen haben zwar den selben Film gesehen, aber ihn ganz anders ... gesehen

The Neon Demon Bild 1
The Neon Demon Bild 2
The Neon Demon Bild 3
The Neon Demon Bild 4
The Neon Demon Bild 5
The Neon Demon Bild 6
FAZIT:

Die Oberfläche lässt sich von der Tiefe nicht mehr unterscheiden. Schönheit ist alles, hat sich auch Nicolas Winding Refn gedacht. Ob man das mag, bleibt wohl jedem selbst überlassen. THE NEON DEMON ist ziemlicher Trash, mit überspitzten Szenen so weit das Auge reicht. Ein sprichwörtlicher Augenschmaus sozusagen, aber fad im Abgang. Und jetzt lasse ich die Schläge mit dem Zaunpfahl. ;)

WERTUNG: 6 von 10 nekromantischen Fantasien
Dein Kommentar >>
Harald | 24.06.2016 16:09
"satirisch-selbstverliebter, grell-leuchtender, overdressed/underfuckedter und laut dröhnender Schwachsinn" ist schon auch sehr gut. Ein Publikums-Spalter, so soll es sein.
Federico | 24.06.2016 17:17
Ich hätte ihn ja auch wirklich gerne gut gefunden, aber die wenigsten Szenen hatten die Wirkung, die ich mir selbst (voreilig, ich geb's ja zu) versprochen habe. Aber zumindest hat er mich noch länger beschäftigt - wenn auch unter der Frage, WARUM er mir eigentlich nicht gefallen hat. In ein paar Monaten dann nochmal zuhause, ohne überheblichen Regie-Kommentar (ich weiß, auch ansichtssache, aber die eigene Kunst größer reden bzw. dem Publikum ansagen, WIE sie einen Film erleben sollen... das geht mir nur auf die Nerven). Bei DRIVE hab ich immerhin auch einen zweiten Anlauf benötigt, vielleicht sehe ich TND später mal aus einem anderen Blickwinkel.
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