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The Visit

The Visit

HORRORKOMöDIE?: USA, 2015
Regie: M. Night Shyamalan
Darsteller: Olivia DeJonge, Ed Oxenbould, Deanna Dunagan, Peter McRobbie

STORY:

Becca und ihr Bruder besuchen zum ersten Mal ihrer Großeltern, doch bald stellt sich heraus, dass bei Oma und Opa nicht alles mit den rechten Dingen zu geht.

KRITIK:

Herbst 2015: Ein neuer Shyamalan-Film kommt in die Kinos und niemanden interessiert es. Früher hat sich das Feuilleton einen Haxen ausgefreut, als der neuste M. Night Shyamalan großspurig in alle Multiplexe angelaufen ist, aber dieses "Früher" liegt in fernen Sphären, als der junge Drehbuchautor und Regisseur noch als nächster Spielberg gefeiert wurde (nein... wirklich). Das hat sich irgendwie aufgehört, aber ich sag einfach: wir sind alle älter geworden. So ist es (wohl auch nach Filmen wie AFTER EARTH, den niemand gesehen hat oder diesen anderen Film, den alle hassen) kein Wunder, dass der Kinostart von THE VISIT klanglos an mir vorbeigegangen ist. Dann halt auf DVD. Immerhin wird Shyamalan nachgesagt, dass er mit THE VISIT zurück zur alten Form gefunden hat. Oder nicht? Was sollen wir noch glauben? Gibt es am Ende wieder einen Twist? Und: wen interessiert es? *suspensful music playing in background*

THE VISIT sieht zunächst mal sehr nach einem Back-to-Basics Film aus: simple Story (zwei Geschwister besuchen ihre bis dato unbekannten Großeltern und die sind super komisch drauf), Handkamera, Doku-Aufhänger und Kinder (echte Kinder, keine Tweens die Teens spielen) als tragende Protagonisten. Der dokumentarische Stil bringt wenig Überraschungen mit sich: ein paar eingestreute Interviews mit den Figuren, wacklige Aufnahmen, geringer Willen zur Bildkomposition, unlogische Handlungen (wieso lässt in diesen "Dokus" nie jemand die Kamera liegen, sondern hält trotz allerlei Gefahren stets auf die Action?) und der übliche Mist, den dieses faule Genre so mit sich bringt.

Diesmal haben wir wenigstens eine kleine Ausrede: die 15jährige Becca ist zugleich aufstrebende Filmemacherin und tata! schon fallen die gezwungenen Szenen und altklugen Dialoge in ein etwas adäquates Muster. Komplett stimmig wirkt der Film jedoch nie. Hier tritt das größte Problem des Filmes auf: THE VISIT wirkt in jedem Augenblick unglaublich gekünstelt, überdramatisiert, unglaubwürdig. Die beiden Hauptfiguren verwickeln sich in prätentiöse Dialoge, der Background ihrer Charaktere wirkt wie ein theatralischer Aufhänger, den es mit allen erdenklichen Mittel im letzten Akt zu lösen gilt und die "persönlichen" Szenen, in denen die Figuren über sich selbst herauswachsen, entspringen keiner glaubhaften Basis, da alles durchkonstruiert wirkt und wahrscheinlich auch mit der gewissen "Liebe zum Detail" behandelt wurde. Nur leider macht das im Kontext wenig Sinn. Oder anders gesagt: Ich habe selten einen "Dokumentarfilm" gesehen, der so unauthentisch wirkt wie THE VISIT.

Derweil muss der Film gar nicht authentisch wirken um, ja zu wirken. Die besten Szenen entspringen dem sich kontinuierlich aufbauendem Grusel, der konstruierten Spannung, der Erwartung, dass einem gleich das Grauen (oder eine nackte alte Frau) entgegen springt. Und das tut es in Formen, die ich dem Film teilweise gar nicht zu getraut habe. THE VISIT ist oft wirklich, nein, wirklich creepy. Mehrmals blieben meine Augen aus Schreck weit aufgerissen und an einigen Stellen wanderten die Hände fassungslos an meinen Kopf... also, der Schock ist in Shymalans Film durchwegs gut gemacht und bleibt trotz einer gewissen Erwartungshaltung überraschend. Vielleicht hat Shyamalan aus seinen letzten (deutlichen) Misserfolgen gelernt, oder zumindest Konsequenzen gezogen. Was an THE SIXTH SENSE, UNBREAKABLE und ja, sogar SIGNS (den hatte ich mal auf DVD, Filmfan-Beichte Nr. 265) am besten funktioniert hat, war die Stille vor dem Sturm, das dramatische Moment, in dem sich die aufgestaute Spannung entweder in Entlastung oder in Schreckensmomenten auflöst.

Und ja, der Film hat seine großen - unübersehbaren! - Schwächen, aber er hat auch seine guten, beinahe exzellenten Momente. Bilder, die mir den sogenannten Schauer über den Rücken jagen, wenn ich nur daran zurück denke. Sanfte Gemüter können sich hier die eine oder andere Albtraumvariation abholen. Ich weiß auch gar nicht, ob der Film dabei eine tiefsitzende Angst streift (ganz persönlich), ob die beiden Antagonisten ein Stück zu unberechenbar sind (fantastisch gespielt) oder ob THE VISIT schlicht ein handwerklich solide gemachter Horrorfilm ist (ganz objektiv).

Oft bewirkt der arge Kontrast der Stimmung (und Form!) nicht selten eine falsche Sicherheit, die mit durchaus bewusst eingesetztem Humor unterlegt wird. Nur, damit wir uns ein bisschen zu sicher fühlen. Aber: THE VISIT driftet sehr oft in Langwierigkeit und Lächerlichkeit ab, was hauptsächlich an den merkwürdig distanzierten und blasierten Figuren liegt.

Aufgesetzte und gekünstelte Charaktere sind mir zwar immer noch lieber als vorgefertigte Schablonen, die gar keine Persönlichkeit (außer der 08/15-Hero, Damsel-in-Distress, etc. Marvel, ich blicke in deine Richtung) besitzen, aber in THE VISIT ist es schon etwas... befremdlich. Was ich damit sagen will: ich mag's schon, wenn die Hauptfiguren Eigenheiten besitzen, die über filmische Relevanz hinausreichen, aber dann fängt dieses Vorstadt-Bubi mit angeblichen Sauberkeits-Tick (ein Charakterzug, der für die Geschichte dann relevant ist, wenn es das Drehbuch so will) schon wieder an zu rappen und ... nein. (Und dann gibt's da nebensächliche Figuren wie einen Schaffner, der aus heiterem Himmel zum Beatboxen anfängt. Zum Beispiel. Noch mal: Nein, bitte nicht.)

Schließlich bleibt man etwas ratlos zurück. Nein, nein, der Twist (natürlich gibt es einen, aber er spielt ehrlich nicht so eine große Rolle, so just relax, sit back and figure it out) war schon gut aber irgendwie... so stimmungsvoll manche Stellen auch sein mögen, so ungereimter kommt einem schlussendlich der Film vor. Unfertig. Zusammengewürfelt. Inkonsequent. Mag es an der Form liegen, an den Figuren oder an der bedeutungsschwangeren Familiengeschichte, die nun wirklich niemanden interessiert. Eine etwas weniger melodramatische Charakterentwicklung hätte dem Film durchaus gut getan, nicht immer muss eine alles-verändernde-Einsicht geschehen, manchmal reicht auch eine kleine Einsicht.

Irgendwas wirkt an THE VISIT nicht komplett, nicht relevant. Er sticht hervor, weil er durchwegs Einfallsreichtum beweist, gutes Timing und bewusst gesetzte Angstmomente. Außerdem ist er wirklich gut darin, seine eigentliche Intention zu verstecken: alles kommt für den dritten Akt in Frage und ich wäre (und bin) mit jedem noch so haarsträubenden Ausgang zufrieden, sofern er so spannend erzählt wird, wie die anderen guten Teile des Filmes. Und dann kommt er gekünstelt und oft sogar richtig peinlich daher, zeigt Situationen, die konträr zu dem "authentischen Grusel" stehen, den der Film propagiert, da helfen auch keine selbstreflexiven Bemerkungen seiner ah-so-cleveren Figuren. Darüber kann ich aber durchaus hinwegsehen, irgendwie gehört das zu dem Film auch dazu, aber die Schwachpunkte dieses Werkes werden dadurch nicht unsichtbar.

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FAZIT:

THE VISIT ist eine etwas bizarre schwarze Horrorkomödie, die hauptsächlich durch das Schauspiel seiner zwei vermeintlichen Antagonisten lebt (nein, wirklich, die beiden Großeltern sind großartig, ähem). Aber dann ist er auch wieder langwierig, übertrieben, unrhythmisch und unverarbeitet. Als hätte sich Shyamalan zuviel Gedanken darüber gemacht, damit es so aussieht, als ob er sich keine Gedanken gemacht hätte. Originell und Kopie zugleich. Langweilig und gruselig. Geschliffen/ungeschliffen. Vieles ist an dem Film irgendwie liebenswert, als auch richtig nervig. Ich musste ehrlich lachen, den Kopf schütteln, gebannt abwarten, was als nächstes passiert nur um dann wieder die Augen verdrehen. THE VISIT funktioniert wohl am Besten, wenn man sich nichts vom Film erwartet (und sich bitte nicht den Trailer ansieht!).

Oder mit den Worten von Kettcar zu sagen: Dieser Wahn ist lächerlich, dumm und zerissen. Das macht weiter nichts, man muss es nur wissen.
Und mit meinen eigenen Worten zu schließen: Ja, mir hat er gefallen, denke ich.

WERTUNG: 6 von 10 Gesellschaftsspiele mit Oma & Opa
Dein Kommentar >>
Pat Bateman | 25.02.2016 23:39
Eine Rekonvaleszenz von I.Might Shameonmylastmovie
sehe ich hier ebenso wenig, wie sich mir erschließt, wie dieses Machwerk es in so viele Top10 des vergangenen Jahres geschafft hat. So ein schlechter Jahrgang war 2015 nun auch nicht.
Nicht lustig, nicht gruselig und wo ich schon ein Problem mit untalentierten Blagen im Film habe, machen rappende, untalentierte Blagen diesen Schund nicht eben erträglicher.

3 von 10 Windeln
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Pat Bateman | 25.02.2016 23:39
Eine Rekonvaleszenz von I.Might Shameonmylastmovie
sehe ich hier ebenso wenig, wie sich mir erschließt, wie dieses Machwerk es in so viele Top10 des vergangenen Jahres geschafft hat. So ein schlechter Jahrgang war 2015 nun auch nicht.
Nicht lustig, nicht gruselig und wo ich schon ein Problem mit untalentierten Blagen im Film habe, machen rappende, untalentierte Blagen diesen Schund nicht eben erträglicher.

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