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GOOD MOVIES FOR BAD PEOPLE
Titane

Titane

PROVOKATIONSKUNSTWERK: B/F, 2021
Regie: Julia Ducournau
Darsteller: Agathe Rousselle, Vincent Lindon, Garance Marillier, Laïs Salameh

STORY:

Nach einem Unfall im Kindesalter trägt Alexia (Agathe Rousselle) eine Titan-Platte im Kopf. Im Erwachsenenalter räkelt sie sich als Tänzerin auf Auto-Tuningshows und fühlt sich von Metall erotisch angezogen. Auf körperliche Nähe zu richtigen Menschen reagiert sie mit Gewaltausbrüchen, die die Opfer in der Regel nicht überleben. Auf der Flucht vor dem Gesetz rasiert sich Alexia die Haare ab und wird zu "Adrien". 

KRITIK:

TITANE ist einer dieser Filme, denen, wie man sagt, ein Ruf vorauseilt. Goldene Palme in Cannes, enorme Aufregung in der Presse - Zitat: "der wildeste Film des Jahres" - und Eröffnungsfilm des slash-Filmfestivals, dem damit wirklich ein Coup gelungen ist. Entsprechend aufgeganselt sitze ich an diesem sonnigen Samstag Nachmittag im Filmcasino. Mit allem hätte ich gerechnet. Nur damit nicht: Dass der Film mit einer Szene beginnt, die ich so 1:1 im richtigen Leben erlebt habe.

Es war kurz vor dem Jahreswechsel 2016. Ich bin im Auto unterwegs, ungelogen sogar im selben Wagen wie im Film, einem Peugeot. Ich lasse mich von der Tochter ablenken. Ich schaue und greife nach hinten und - ganz schwerer Fehler - verreiße den Wagen, lege einen U-Turn auf der Bundesstraße hin. Komme glücklicherweise viel glimpflicher davon als in der Eröffnungsszene von TITANE. Blechschaden, nicht mehr. Keine Metallplatte, die in den Schädelknochen implantiert werden muss.

Im Film folgt eine lange, sexuell enorm aufgeladene Tanz-Szene, unterlegt mit einem Song von The Kills, seit einer Dekade einer Lieblingsband von mir, die ich immer noch viel und oft höre. Und dann hört die Protagonistin noch auf den schönen Namen Alexia. Wie die Frau in meinem Leben, die seit mehr als einer Dekade meine Filmsucht geduldig erträgt.

Damit erschöpfen sich aber (Gott sei Dank, sag ich jetzt) die Parallelen zu meinem Leben. Mit Alexia (im Film) ist nämlich nicht besonders gut Kirschen essen. Wer ihr zu nahe kommt, egal ob Mann oder Frau, rammt sie unvermittelt die Haarnadel ins Ohr, sodass dem arme Opfer sein/ihr Gehirn quasi Creampie-mäßig aus dem Mund tropft.

Regisseurin Julia Ducournau lacht sich wahrscheinlich gerade schlapp über die Jubelkritiken, in denen erklärt wird, dass all die dekorativen Gewaltexzesse und saftigen Tabubrüche, die da im Stakkato auf den Zuseher einprasseln, keineswegs selbstzweckhaft seien. Nun bin ich so ziemlich der Letzte, der sich über selbstzweckhafte Gewaltexzesse und Tabubrüche im Kino beschweren würde. Umso mehr überrascht mich, dass der Film im Mittelteil einen völlig anderen Ton anschlägt. Mit emotionaler Tiefe und einer - nennen wir es ruhig - unerwarteten Zärtlichkeit aufwartet. Im Kontext eines Body-Horror-Films, versteht sich.

Tut man dem Film unrecht, wenn an vermutet, dass der Preisregen, der auf TITANE niedergegangen ist, nicht nur den unbestrittenen visuellen Qualitäten geschuldet ist? Sondern vor allem diversen zeitgeistigen Gender-, Feminismus- und Identitätsdiskursen, zu denen mir - ich gebe es offen zu - allein schon aus Altersgründen der Zugang fehlt.

"Was mich an Ducournaus Film interessiert hat ist, dass sie den Körper als Subjekt behandelt und absolut nicht als Objekt. Zu keinem Zeitpunkt, auch nicht am Anfang, wo der Film sehr sexualisiert ist, wird der Körper thematisiert. Die Tatsache, dass sie ihn nie objektiviert, hat mir ein gutes Gefühl und Vertrauen gegeben", so Hauptdarstellerin Agathe Rousselle über die Zusammenarbeit mit der Regisseurin. Schön. Ich verstehe zwar nicht genau, was mit Subjekt und Objekt gemeint ist, aber so lange so schöne, elegante und gleichzeitig so verstörende Bilder dabei herauskommen, ist mir alles recht. "Gender-Gore", diese Wortkreation des Spiegel trifft es ziemlich gut.

Und: Es ist wirklich lange her, dass man im Kino so wundervolle, leuchtende Farben gesehen hat. Licht, Kamera, Sounddesign, Schnitt, alles ist hier so unglaublich formvollendet und virtuos. David Cronenberg, mit dem diese Arbeit oft verglichen wird, hätte es gewiss nicht besser machen können.

Titane Bild 1
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FAZIT:

Nach ihrem vielbeachteten und eh auch schon ziemlich krassem Debüt RAW legt Regisseurin Julia Ducournau den Turbo ein. TITANE ist ein Meisterwerk zwischen abgründigem Drama und Over-the-top-Body-Horror. Provokation als Kunstform, visuell und akustisch brilliant. Da hat man sich echt was getraut in Cannes.
In diesem Sinne: "Are you in some kind of knitting club"?
TITANE ist ab 4.11.2021 regulär im Kino zu sehen.

WERTUNG: 8 von 10 Haarnadeln
Dein Kommentar >>
Kev | 25.10.2021 20:17
Wollte ihn fast ansehen, dann habe ich gelesen, dass sich die Regisseurin bei der überwiegend weiblichen Jury in Cannes für den Preis bedankte . "Diese habe mit ihrer Entscheidung anerkannt, dass die Welt mehr Diversität brauche"
totaler abturn, da bin ich raus
Harald | 26.10.2021 09:45
Sorry to say, aber wenn du den Film deswegen nicht ansiehst, hörst du dich an wie die fundamentalchristlichen Moralapostel in Amerika, die in den Neunzigern gegen die Filme von Paul Verhoeven mobilisiert haben. Ohne sie gesehen zu haben, nur aufgrund von Inhaltsangaben.
>> antworten
Chris | 14.10.2021 17:36
Wie hieß den der Song von the Kills?
Hab den Film gestern Abend auch im Kino gesehen und war begeistert.
Harald | 14.10.2021 20:21
"Doing it to Death" aus ihrem verläufig letzten Album "Ash & Ice" von 2016. Ich hoffe so inständig, dass da noch was kommt
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