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GOOD MOVIES FOR BAD PEOPLE
Tom meets Zizou

Tom meets Zizou

DOKUMENTARFILM: Deutschland, 2011
Regie: Aljoscha Pause
Darsteller: -

STORY:

Thomas Broich ist Fußballer. Aber einer der Carl Orff von Mozart unterscheiden kann. Der in ganzen Sätzen spricht und sich hin und wieder mal einen Dostojewski reinzieht. Der aber auch nicht so recht in das System Bundesliga hineinpasst und statt im Nationalteam zwischen Schweini und Lahm zu spielen (wo er talentmäßig hingehört) irgendwo zwischen persönlicher Depression und zweiter Liga herumgurkt.

KRITIK:

Der Fußball ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Eigentlich beschäftigt er sogar Universitäten, wo man heute mittels statistischer und anderer wissenschaftlicher Methoden versucht, das Spiel und seine Faktoren immer besser zu verstehen und daraus Nutzen zu ziehen. Bald werden wohl nur noch Leute mit PHD in Mathematik, Physik, Medizin, Psychologie, Sportwissenschaft und Management zum Betreuungsstab in Fußballteams gehören.

Die gleiche Entwicklung hat auch beim Kochen (Molekularküche usw?) und in anderen Bereichen stattgefunden und lässt sich nicht aufhalten. Viele Lebens- und Arbeitsbereiche werden zunehmend bürokratisiert und damit immer weiter professionalisiert.

In einer solchen Welt, in der nichts mehr dem Zufall überlassen ist, haben es Menschen, die nicht so recht ins Konzept passen (wollen), natürlich unglaublich schwer. Und dieser Film ist ein eindrucksvolles Zeugnis eines solchen jungen Mannes, der sich dazu entschlossen hat selbstbestimmt zu leben, weil er es im Grunde anders gar nicht ausgehalten hätte. Dabei spielt es auch gar keine Rolle, ob man ein Fußballfan ist oder nicht, ob man sich mit der Szene beschäftigt oder nicht, denn dieser Film ist ein allgemeingültiges Zeugnis über die Entwicklung eines jungen Menschen im heutigen Arbeitsleben.

Der Filmemacher Aljoscha Pause hat Thomas Broich über einen Zeitraum von zehn Jahren mit der Kamera begleitet um seinen Werdegang zu verfolgen. Dabei ist der junge Mann gereift, hat Enttäuschungen und große Momente erlebt, hat versucht sich zu unterwerfen und sich wieder freigekämpft, hat Momente erlebt, in denen er aufgeben wollte, und solche, in denen er alles riskiert und gewonnen hat. Und hat sich vor allem niemals verbiegen lassen, nicht einmal von Startrainern wie Christoph Daum und Dick Advocaat. Und er hat sich bewusst dafür entschieden nicht bei Bayern München oder Dortmund zu spielen, um glücklich zu werden.

Natürlich wirft das alles viele Fragen auf. Natürlich kann man sich denken, dass er einfach nicht stark genug war, dass er einfach doch nicht genug Talent hatte, dass er im Grunde doch eine Art Diva ist, der sich aus Selbstsucht nicht unterwerfen will, der damit kokettiert von der Fachpresse als "Mozart" bezeichnet zu werden.

Aber genau, wenn man diese Perspektive wählen möchte, wird man vermutlich nicht verstehen, dass es keinen Sinn macht verkrampft auf ein Ziel hinzusteuern, welches eigentlich nichts bedeutet. Man kann auch zufrieden sein, wenn man nicht der Beste ist. Thomas Broichs Entwicklung ist unser aller Entwicklung. Seine Entscheidungen sind unsere aller Entscheidungen. Seine Menschlichkeit ist unser aller Menschlichkeit. Sein Scheitern, seine Depressionen, seine Eitelkeit, sein Stursinn, seine Ehrlichkeit ...

Ein wirklich faszinierender Dokumentarfilm, der intime Einblicke gewährt und einen die eigene Entwicklung hinterfragen lässt. Wertvoller Film. Erschienen ist die DVD bei Mindjazz Pictures und bietet neben dem Hauptfilm ein interessantes Making Of und ein Fox Sports Feature über Thomas Broich.

Tom meets Zizou Bild 1
Tom meets Zizou Bild 2
Tom meets Zizou Bild 3
Tom meets Zizou Bild 4
Tom meets Zizou Bild 5
FAZIT:

Work-Life-Balance am Fußballplatz: Tom meets Zizou ist ein sensibler und hochinteressanter Dokumentarfilm, über einen jungen Menschen, der sich weigert vom System eingespannt zu werden, und daran fast zerbricht. Dass dieser junge Mann ein Fußballer ist, macht den Film für jeden Fußballfan ohnehin zum Pflichttermin.

WERTUNG: 8 von 10 Aufwärmrunden
TEXT © Ralph Zlabinger
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