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Tore tanzt

Tore tanzt

DRAMA: BRD, 2013
Regie: Katrin Gebbe
Darsteller: Julius Feldmeier, Sascha Alexander Gersak, Annika Kuhl, Swantje Kohlhof u.v.m.

STORY:

Tore lebt in einem besetzten Haus in Hamburg, zusammen mit Jesus-Freaks, wie auch er selbst einer ist. Durch einen Zufall trifft er Benno und seine Familie. Benno lädt ihn ein, den Sommer in einem Zelt in seinem Schrebergarten zu verbringen. Für Tore kommt das sehr gelegen, denn im besetzten Haus möchte er nicht mehr bleiben. Anfangs fühlt sich Tore wohl bei Bennos Familie, das ändert sich jedoch schleichend, aber unausweichlich.

KRITIK:

Am Ende liegt er blutverschmiert, wie weggeworfen im Gras!

Die letzte Viertelstunde des Films tat ich mich schwer hinzusehen, wie an vielen Stellen zuvor ebenso. Nicht weil die offensichtliche Gewalt nicht zu ertragen wäre, es ist die unterschwellige, die versteckte, die gemeine, die böse Gewalt der Manipulation die mir die Tränen in die Augen treibt.

Genauso geht es uns tagtäglich: Wird einer vor unseren Augen körperlich misshandelt, fällt es dem ein oder anderen sicher leichter einzugreifen, als wenn diese Misshandlung psychisch geschieht. "Das geht mich nichts an, das ist eine Familiensache", hört man dann oft und selbst ist man wohl auch nicht besser in seinen Gedanken, auch wenn man es gerne wäre. Doch diese, wie ich es hier nenne, psychische Misshandlung trägt schwerwiegend. Äußerliche Wunden heilen, innerliche nicht.

In der Einleitung habe ich es einen Zufall genannt, dass Tore Benno trifft, doch Zufälle gibt es nicht, zumindest nicht für Tore. Benno ist seine größte Prüfung, von Jesus auferlegt, und Benno ist sein Schicksal. Da ich gerade Juli Zehs Buch "Schilf" gelesen habe, mag ich an den Zufall auch nicht mehr so recht glauben.

Ob Bestimmung oder nicht, Tore erträgt sein Schicksal, nimmt es an, mit der festen Überzeugung, dass es alles einen Sinn haben wird. Dieser unerschütterliche Glaube lässt ihn Dinge ertragen, bei denen wir alle schon längst die Reißleine gezogen hätten. Davon mag man halten was man will, egal ob man es auf die simple Spinnerei eines Religiösen reduzieren möchte oder nicht, Tore glaubt zumindest an etwas.

Und es ist sicher nicht Regisseurin Katrin Gebbes Leitmotiv, sondern nur der Rahmen für eine unglaubliche Geschichte, auf der der Film lose basiert. Es gibt der Figur Tore einen plausiblen roten Faden und verschafft dem Film somit eine ernsthafte Tiefe.

Kaum zu glauben, dass Tore tanzt Gebbes erst Langspielfilm ist. Dann aber für mich auch nicht verwunderlich, dass der Film 2013 bei den Filmfestspielen in Cannes lief, als einziger deutscher Beitrag! Absolut zurecht! Tore tanzt entfaltet eine großartige Macht, verhält sich wie ein Autounfall, bei dem man nicht hinsehen will, aber voyeuristisch nicht ablassen kann und immer wieder aus dem Augenwinkel auf die andere Fahrbahn schielt. Auf der blutverschmierte Körper liegen, bei deren Anblick man eine Gänsehaut bekommt und doch gleichzeitig eine innerliche Befriedigung verspürt, dass man es nicht selbst ist, der dort liegt.

Dann fühlt man sich ertappt und schuldig und dreht den Kopf zu Seite. Auch bei Tore tanzt fühlt man sich ertappt. "Drück das Kissen auf sein Gesicht!", höre ich meine Gedanken sich den Weg bahnen durch die grauen Windungen bis sie das Ohr erreicht haben. Und dann erschrecke ich kurz, weil ich von "Auge um Auge, Zahn um Zahn" nichts halte. Die andere Backe dann aber tatsächlich hinzuhalten, dieser Gedanke findet den Weg nicht bis zum Ziel.

Aktuelles und radikales Kino aus Deutschland schreibt BR Kino Kino. Und eine radikaleren deutschsprachigen Film habe ich noch nicht gesehen. Das Kompromisslose bezieht Tore tanzt nicht aus den Gewaltszenen, sondern aus dem großartigen Spiel der Protagonisten. Glaubwürdig bis zur Unerträglichkeit spielen, nein leben, die Darsteller ihre Rollen. So intensiv und echt, dass ich das Gefühl habe dieser Situation schon begegnet zu sein. In meinem Alltag, gleich nebenan.

Julius Feldmeier als Tore ist eine großartige Entdeckung. In jeder Sekunde verkörpert er den im Glauben unerschütterlichen Jesus-Freak. Dessen Darstellung einer sehr guten Recherche zu verdanken ist. 2,5 Jahr hatte Regisseurin Gebbe an diesem Drehbuch geschrieben und man merkt mit jedem Härchen des eigenen Körpers wie viel Herzblut in dem Projekt steckt.

Tores Gegenspieler, der Böse, denn kein Gut ohne Böse, ist Benno, ebenso fantastisch dargestellt von Sascha Alexander Gersak. So sehr es für mich, als Atheistin, nicht nachvollziehbar sein mag, wie Tore handelt, ist es doch für mich als Mensch zu verstehen, auch wenn diese Kompromisslosigkeit nur wenige Menschen durchhalten können. Allerdings ist es als Mensch noch unerträglicher Benno zu beobachten. Er manipuliert unglaublich geschickt und reißt damit eine ganze Familie in den Abgrund. Ich kenne solche Menschen, manche von ihnen sogar sehr gut. Auch frage ich mich, wann ich selbst manipulativ bin, wann ich selbst Täter bin und wann Opfer und wann beides. Denn alles, was denkbar ist, existiert (ich häng noch ein bisschen bei "Schilf" fest).

Solche Dinge geschehen, tagtäglich, überall, manchmal viel näher als man denkt. Zum Beispiel im Schrebergarten nebenan. Dem Idyll der Spießer, der Gutmenschen, unter der Oberfläche der heilen Familie.

Und am Ende liegt jemand wie weggeworfen im Gras, blutverschmiert!

Tore tanzt erscheint am 18. Juli 2014 bei Rapid Eye Movies auf DVD. Als Extras enthält sie Interviews von Julius Feldmeier, Katrin Gebbe und der Produzentin, außerdem einen Audiokommentar und den Kinotrailer.

Tore tanzt Bild 1
Tore tanzt Bild 2
Tore tanzt Bild 3
Tore tanzt Bild 4
Tore tanzt Bild 5
Tore tanzt Bild 6
FAZIT:

Katrin Gebbes Regiedebüt ist in der Tat kompromissloser als alles was ich bislang an deutschen Filmen kannte. Sicher radikal und aktuell. Schwer zu ertragen und doch lohnt sich der Blick, aber man muss es schon aushalten können hinzusehen. Nicht die körperlichen Misshandlungen sind es, die einem zum Wegsehen zwingen, sondern die psychischen Manipulationen eines Einzelnen, dessen Macht auf andere und nicht zuletzt der Glaube daran, das man dies überwinden kann.

WERTUNG: 9 von 10 Papiervögel
TEXT © Nicky
Dein Kommentar >>
Smallie Biggs | 15.08.2014 17:46
Ganz großes Kino aus Deutschland! War für mich auch eine absolut positive Überraschung. Die Kritiken aus Cannes, die Gewalt/der Sadismus wäre Selbstzweck kann ich nicht nachvollziehen, da es solche Schicksale leider zu Genüge gibt.

Und davor darf man nicht die Augen verschliessen!

Intensiv, großartig und berührend.
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