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ber den Dchern von Nizza

Über den Dächern von Nizza

OT: To catch a Thief
THRILLER: USA, 1955
Regie: Alfred Hitchcock
Darsteller: Cary Grant, Grace Kelly, Jesse Royce Landis, John Williams, Charles Vanel

STORY:

In früheren Jahren war John Robie ein erfolgreicher und berühmter Juwelendieb, genannt Die Katze. Inzwischen hat er sich aber mitten in seinem ehemaligen Arbeitsgebiet - der Côte d’Azur - zur Ruhe begeben. Doch weder die Polizei noch seine alten Freunde wollen daran glauben. Denn anscheinend gibt es eine neue Katze, die mindestens genauso geschickt Juwelen stiehlt und dabei dreist Johns Stil kopiert. Um seine Unschuld zu beweisen, muss er selbst den Dieb fangen: To catch a thief.

KRITIK:

Machen wir es kurz: Alfred Hitchcock, Grace Kelly, Cary Grant! Fragen? Irgendwo? Irgendwer? Und jetzt noch unten das Fazit. Vielen Dank, lieber Leser, für deine Aufmerksamkeit.

Eigentlich ist nun alles gesagt. Und ich sage auch selten mehr. Dabei gehört ÜBER DEN DÄCHERN VON NIZZA seit meiner Kindheit zu meinen Alltime-Favorites. Andere Filme kamen und gingen. Geschmack ändert sich. Die Katze blieb.

"I have a feeling that tonight you're going to see one of the Riviera's most fascinating sights."

Es ist zweifelsohne ein guter Film, seine Vorzüge sind nur allzu offensichtlich. Muss man sie betonen? Andererseits ist mir meine Bewunderung fast ein wenig peinlich, denn natürlich gehört ÜBER DEN DÄCHERN VON NIZZA nicht zu den zentralen Werken Hitchcocks. Wir sehen keine diabolische Dekonstruktion des Voyeurismus, keine psychoanalytische Selbsttherapie einer Nekrophilie und erst recht keine apokalyptische Vision, wie man sie anderen Meisterwerke bewundern kann.

Hitchcock war mehr zu Späßen aufgelegt und ließ es sich nicht nehmen, seine Verachtung für Eier zu verewigen: Sie werden an die Scheibe geschmissen oder dienen als Aschenbecher, und die Hühner werden fast überfahren, ehe sie im Picknickkorb landen. Es ist ein Feelgood-Movie, der im Vorbeigehen entstanden ist, als Hitchcock einfach in Form und guter Dinge war. Als er mit Menschen zusammenarbeiten konnte, denen er vertraute: John Michael Hayes etwa, seinem Drehbuchautor.

"Mother, the book you're reading is upside down!"

Hayes krempelte die durchaus kurzweilige Romanvorlage von David Dodge kräftig um und vereinfachte sie. Dazu legte er verschiedene Charaktere zusammen oder interpretierte sie neu. Er eliminierte auch weitestgehend John Robies Vergangenheit als Widerstandskämpfer in der Resistance - den verbleibenden Rest erledigte dann die deutsche Synchronisation.

Sowohl im Roman als auch im Film trifft John aber auf die hübsche Millionärstochter Frances; im Roman gleich zu Beginn im Bus - im Film trifft dort Cary Grant auf seinen Regisseur. Francie hat sich in den Kopf gesetzt, John zu verführen - obwohl (Roman) bzw. gerade weil (Film) sie glaubt, er sei der gesuchte Juwelendieb.

"I've never caught a jewel thief before. It's stimulating."

Es ist der Beginn eines endlosen Vorspiels, das Hitchcock mit doppeldeutigen Wortspielen zelebriert. Zugleich öffnet sich im Film damit bereits beim Motiv ein Abgrund, zu dem es im Roman keine Entsprechung gibt.

Noch deutlicher wird der Unterschied zwischen Roman und Film beim ersten Date. Im Roman verbringen John und Frances einen Abend im Casino von Monte Carlo. Die Atmosphäre bleibt steif. Im Film entführt eine alles bezaubernde Grace Kelly einen braungebrannten Cary Grant zu einem Picknick mit Blick auf Monte Carlo. Und sie bietet ihm ein Hähnchen mit einem einladenden Blick und ebensolchen Worten an:

"You want a leg or a breast?"

Die eindeutig zweideutige Situation spinnt das Drehbuch sogar noch weiter. Denn danach setzt sich unbemerkt das Auto in Bewegung und rollt auf den Abgrund zu. Erst im letzten Augenblick sollte John Frances bitten, (sich) doch zu bremsen. Hitchcock verzichtete jedoch auf diesen Höhepunkt und entschied für einen Kuss.

Im Roman endet der Abend mit einer Diskussion über Moralstandpunkte. Im Film fängt der Abend sprichwörtlich mit einem Feuerwerk an, das symbolträchtig in eine Liebeszene geschnitten wird. Und was sonst hätte danach eine etwas derangierte Grace Kelly gedankenverloren streicheln können - als einen zusammengefalteten, langen Regenschirm?

"Just as long as you're satisfied."

Hinter diesem scheinbar sorglosen Versteckspiel vor der traumhaften Postkartenidylle brodelte es gewaltig. Bei so vielen sexuellen Andeutungen grenzt es an ein Wunder, dass der Film ohne Zensurauflagen in die Kinos kam. Es ist unwahrscheinlich, dass sie den Prüfern unbemerkt blieben. Manchmal sind sie fast schon penetrant offensichtlich. So fällt Cary Grant ein Casinochip über 10 Millionen Francs in den gewagten Ausschnitt einer völlig überraschten Frau - absichtlich. Vermutlich aber war es die erlesene Eleganz, mit der Hitchcock auch diese Szene inszenierte, die ihn anscheinend unangreifbar machte.

Und wer könnte Cary Grant auch widerstehen? Wenn er ein Lokal betritt, ploppt der Korken und der Champagner läuft über. Selbst eine so strahlend schöne und angriffslustige Grace Kelly muss diesem ... Charme erliegen. Es war daher nur konsequent, John Robies etwas alberne Maskerade in der Romanvorlage einfach zu ignorieren. Cary Grant hätte sich vermutlich auch kaum mit falschen Bauch, gelockten Haaren und verdichteten Augenbrauen filmen lassen. Er wusste schließlich selbst am besten, was die Zuschauer erwarteten:

"Everyone wants to be Cary Grant. Even I want to be Cary Grant."

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FAZIT:

Cary Grant sucht einen Juwelendieb. Grace Kelly sucht einen Mann. Ihre Mutter sucht einen anständigen Bourbon. Ihr Versicherungsvertreter sucht ein lukratives Geschäft. Und die Polizei sucht eine Katze, findet aber nur ein Huhn. Hitchcock lässt die Korken knallen.

Und Grace Kelly fand einen Ehemann.

WERTUNG: 10 von 10 Quiche Lorraine
TEXT © Marcel
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