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Under the Skin

Under the Skin

SCI-FI/DRAMA: GB, 2012
Regie: Jonathan Glazer
Darsteller: Scarlett Johansson, Paul Brannigan, Robert J. Goodwin

STORY:

Eine mysteriöse Frau fährt in einem weißen Van durch Glasgow. Die Männer, die sie anspricht, verschwinden spurlos ...

KRITIK:

"Brilliantly, unnervingly real." - LA Times 
"A blazingly brilliant piece of filmmaking." - The Playlist
"A terrifyingly nebulous thing of Beauty" - Indiewire
"Visionary, extraordinary & unsettling. A classic." - The Dissolve
"A brilliant meditation on what it means to be human." - The Economist
"Sublime. One of the most original movies in years." - LA Weekly
"A mind-melting masterpiece." - Village Voice
"Visually stunning and deeply disturbing: very freaky, very scary and very erotic." - The Guardian
"An amazement. A film of beauty and shocking gravity." - Rolling Stone
"Visionary... Transfixing... Out of this world" - New York Times
"Glazers astonishing film takes you to a place where the everyday becomes suddenly strange, and fear and seduction becomes one and the same" - The Telegraph 

Man sieht schon: Die amerikanische Presse ist ziemlich aus dem Häuschen, was den neuen Film von Musikvideo-Innovator Jonathan Glazer (SEXY BEAST, BIRTH) anbelangt. Zumindest in den Großstädten durften sich amerikanische Cineasten glücklich schätzen, den wahrscheinlich ungewöhnlichsten Film des Jahres auf der großen Leinwand erleben zu dürfen. Und dort, und wirklich nur dort, kann dieser wunderschöne wie beunruhigende Strom aus Bildern und Sound-Effekten seine überwältigende Wirkung entfalten.  

Auf die man sich freilich einlassen muss.

Ich kann durchaus verstehen, dass der deutsche Verleih, der die Rechte offenbar allein wegen der Hauptdarstellerin erworben hat, sich nicht traute, den Film großflächig in die Kinos zu bringen. UNDER THE SKIN im Multiplex, das hätte nicht funktionieren können. Dort führt ja schon ein SPRING BREAKERS zu Tumulten - nachzulesen in diesem zwerchfellerschütternden, aber im Grunde tieftraurigen Kommentar des geschätzten Kollegen Marcel. Aber dass man UNDER THE SKIN ursprünglich nicht einmal in die großstädtischen Programmkinos bringen wollte - mit der hilflosen Begründung, dass der Film weder Mainstream noch Arthouse sei - als ob es nur "kommerzielle" Filme für die Massen und "wertvolle" Filme für die Cineasten-Biotope gäbe -, sagt schon viel aus über die zunehmende Geringschätzung des Kulturguts Kinos im deutschen Sprachraum.

Und es sagt auch einiges aus über den Zustand des sogenannten "Arthouse"-Publikums. Arthouse, dieser Begriff ist in den letzten Jahren zu einem Schimpfwort für biederes Pseudo-Kunstkino mit Feelgood-Garantie für eine ganz bestimmte Zielgruppe geworden, die mit Alter ca. 50plus, Weinkenner, Familenvan-Besitzer und Toskana-Urlauber ziemlich treffend beschrieben ist. Die Seh-Gewohnheiten dieser Fraktion sind konventioneller und konservativer als die der vielgescholtenen Mainstream-Crowd. Ihr glaubt mir nicht? Dann hättet ihr die beiden Damen mittleren Alters sehen sollen, die kürzlich in einem Wiener Innenstadtkino eine Schimpftirade über Cronenbergs MAPS TO THE STARS absonderten. Weil: Grauenhaft. Brutal. Die arme Julianne Moore so verunstaltet mit diesem Spaghetti-Top. Eine Zumutung. Sie haben dann Karten für EIN SOMMER IN DER PROVENCE gelöst. 

Und dann gibt es noch Menschen wie Sebastian Selig. Ein (im positiven Sinne) Kino-Wahnsinniger, der das geplante Direct-to-DVD-Verramschen von UNDER THE SKIN nicht hinnehmen wollte und eine Facebook-Petition startete. Mit Erfolg: Nach anfänglichem Zögern haben sich in Deutschland doch einige engagierte Kinos gefunden, die UNDER THE SKIN dort zeigten, wo er hingehört: Auf der großen Leinwand. Und zwar mit Erfolg, wie man hört. In Wien läuft der Film seit heute, 3. Oktober 2014 im Gartenbaukino.

Was soll ich sagen außer: Wow. UNDER THE SKIN ist tatsächlich nichts weniger als das Meisterwerk, von dem alle, die ihn schon gesehen haben, schwärmen. Okay, vielleicht nicht unbedingt "This year's DRIVE", wie Sebastian Selig schwärmt. Dafür sind Glazers Visionen am Ende doch einen Hauch zu sperrig, zu spröde, zu wenig handlungs-getrieben. Wenn man dem Film unbedingt etwas vorwerfen möchte, dann das, dass er einen erzählerisch bewusst in der Luft hängen lässt. UNDER THE SKIN basiert offenbar sehr lose auf dem Roman "Die Weltenwandlerin" von Michel Faber. Alle Erklärungen wurden aber weg gelassen; der Film lässt einen nahezu unendlichen Interpretationskosmos offen.

Das eine oder andere Motiv wird einem vielleicht bekannt vorkommen: Verführerische, männermordende weibliche Aliens, da denken wir zuerst mal an SPECIES, vielleicht auch an SPLICE oder LIFEFORCE. Referenzen könnte man jetzt ohne Ende aufzählen. Nicolas Roegs DER MANN, DER VOM HIMMEL FIEL ist mir ebenso in den Sinn gekommen wie diverse Filme von Nicolas Winding Refn oder auch Michael Haneke (wobei der NIE im Leben einen solchen Score einsetzen würde). Die Art und Weise, wie der pure, physische Überlebenskampf in der feindlichen Natur ins Zentrum der Erzählung rückt, hat mich an verstörende Survival-Filme vom Schlage eines ESSENTIAL KILLING erinnert. Mit dem kleinen Unterschied vielleicht, dass ich die nackte Scarlett Johansson doch lieber ansehe als den strubbelbärtigen Vincent Gallo ;-)

Aber im Grunde ist das Assoziations-Spiel nutzlos. UNDER THE SKIN ist ein völlig eigenständiges, singuläres Meisterwerk, das von Angst, Verführung und existentieller Einsamkeit erzählt und keine Vergleiche nötig hat. Jonathan Glazers Bilder sind mal hyper-realistisch, dann wieder hoch-artifizell. Die Sequenzen in Glasgow wurden mit versteckter Kamera gedreht, die Passanten waren nicht eingeweiht. Auf der Tonspur flirren aufgekratzte Streich-Instrumente über einen düster vor sich hin pochenden Electro-Teppich. Laura, so heißt das von Scarlett Johansson gespielte Alien in Frauengestalt, driftet durch die Dunkelheit, anfangs mysteriös und verführerisch am Steuer ihres Vans, später durchnässt und halberfroren zu Fuß durch die Einöde der schottischen Highlands.

So wie die Männer, die sie in einer pechschwarzen Flüssigkeit versinken lässt, wird auch Laura später in der nassen Landschaft versinken, in einem eiskalten, novemberregenfarbenen schottischen Wald, in einer betörend schönen wie erschreckenden Sequenz, die sich in die Netzhaut einbrennt.

Under the Skin Bild 1
Under the Skin Bild 2
Under the Skin Bild 3
Under the Skin Bild 4
Under the Skin Bild 5
Under the Skin Bild 6
Under the Skin Bild 7
FAZIT:

Scarlett Johansson als männerjagende Femme Fatale from outer Space. Ein betörender wie verstörender Mindfuck von einem Sci-Fi-Film, inszeniert vom ehemaligen Musikvideo-Innovator Jonathan Glazer. Ein Film, der seine hypnotische Wirkung auf dem Zusammenspiel von Bildern, Stimmungen und Sounds bezieht und wohl nur auf einer großen Leinwand wirklich zur Geltung kommt. Jetzt im Wiener GARTENBAUKINO.

In diesem Sinne: "When was the last time you touched someone?"

WERTUNG: 9/10
Dein Kommentar >>
Roman | 16.10.2014 04:33
achso: 10/10
>> antworten
Roman | 16.10.2014 04:32
HAMMER !!! Wahnsinnsfilm.. das mit dem "Alien" ist für mich völlig fehl
am Platz, da wird man dem Film nicht gerecht, wenn man irgend einen
Sci-Fi Hintergrund reininterpretiert.
Und der Film rangiert für mich weit über Drive..
Für mich geht es um ganz essenzielle Sachverhalte: Menschsein,
menschliches Zusammenleben, das anonyme, kalte
Nebeneinanderherleben von Individuen, nicht nur auf die Moderne
beschränkt.
Natürlich lässt der Film einen Riesen Spielraum für massig
Interpretationen? aber das ist halt meine Deutung.. bis jetzt, werde ihn
mir demnächst nochmal angucken ;-)
Ralph | 17.10.2014 14:58
Ja, Hammerfilm. Und wie du schon erwähntest, faszinierend vielschichtig. Ich glaube ja auch eine Schicht über Schottlands Unabhängigkeitsreferendum ausgemacht zu haben. Es läuft immer wieder im Hintergund und so lässt sich der Film u.a. auch als Ringen mit der (eben nicht mur menschlichen, aber auch politischen) Unabhängigkeit lesen.

War jedenfalls echt ein Erlebnis. 9/10
>> antworten
nicky | 23.06.2014 13:29
Wer Under the Skin auf der großen Leinwand erleben möchte, dem wird dringend empfohlen ihn sich beim Filmfest München anzusehen. Ich war auf jeden Fall dermaßen aus dem Häuschen, als ich gelesen habe, dass er dort läuft, dass die Karten schon beim mir zu Hause liegen :)


>> antworten
Armin | 09.05.2014 17:11
Ich durfte den Film beim kleinen Slash sehen. Also der neue Drive ist er jetzt nicht, aber ein sehr schöner Mindfuck. Also jeder, der an einem Überschuss Happiness leidet, sollte sich unbedingt diesen pechschwarzen Runterzieher geben (der Soundtrack hats mir besonders angetan).
>> antworten


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