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V/H/S - Eine mrderische Sammlung

V/H/S - Eine mörderische Sammlung

OT: V/H/S (VHS)
FOUND-FOOTAGE/HORROR-ANTHOLOGIE: USA, 2012
Regie: A. Wingard; D. Bruckner; Ti West; G.McQuaid; J. Swanberg; RadioSilence
Darsteller: Lane Hughes, Frank Stack, Hannah Fierman, Jason Yachanin, Kentucker Audley, Jas Sams, u.v.a.

STORY:

Eine Gruppe junger Schwerenöter wird beauftragt, in ein Haus einzubrechen und dort ein bestimmtes VHS-Tape zu besorgen. Die Frage ist nur welches: im Haus finden sich unzählige Tapes und alle davon haben ihre eigene, gruselige Geschichte dokumentiert...

KRITIK:

Man sollte sich eigentlich nicht mehr zu viel erwarten. Fast Food sieht nie so aus, wie auf den Fotos, Trailer halten nie, was sie versprechen und das neue Album der Lieblingsband (Bloc Party, Anm. des Verfassers) war auch mehr schlecht als recht. Man soll aber auch keine Sätze mit "man" beginnen, also, was soll's. Schrauben wir die Erwartungen hoch, stellen uns auf großes und großartiges Gruseln ein, denn V/H/S - so heißt es - soll es endlich sein: der Horrorstreifen, der auch den harten unter uns endlich mal wieder eine reinhaut, der Pirat unter den Filmen, der keine Gefangenen nimmt und die Zuschauer böswillig über die Planke laufen lässt, nicht nur irgendein, nein, dein Albtraum - schnell und unerwartet und brutal: Bloody Disgusting, indeed, der Trailer lässt einiges erhoffen und stützt die Vorschusslorbeeren der (hauptsächlich amerikanischen) Kritiker und dann schleicht sich der Film auch noch unerwartet als Closer für das berüchtigte /slash Filmfestival ein; also wirklich. Besser standen die Sterne selten.

Aber ich bin ja auch sehr leichtgläubig. In hinterer Reihe, gut gefüllten Saal, Zähne auf den Lippen, wackerer Arm in der Hand um sich bei Schock- und Gruselgelegenheit auch festhalten zu können (und festhalten zu lassen), hat der Vorfilm auch schon für die notwendige Basis gewirkt (wie ein Speckbrot vorm Bier); Verdunkelung und erste Ernüchterung. Bei V/H/S ist der Name Programm und obwohl ich nicht zu den Wackelkamera-Phobikern, die beim gängigen Blairhexe-Vergleich sich heulend in die Ecke stellen, musste ich mit Entsetzen feststellen, dass dieser Film nicht unbedingt fürs Kino gemacht ist: nein, V/H/S ist grobkörnig und wackelig und das zwar mit einer beachtlichen Konsequenz - [REC] wirkt dagegen wie ein Lehrfilm in stringenter Kameraführung. Dieser Film wirkt nicht gut auf großer Leinwand, dieser Film ist was fürs Heimkino. Am besten auf einem alten Röhrenfernseher.

Ebenso abgehackt wie Bild und Ton kommen auch die Szenen daher, die bereits in der einführenden Rahmenhandlung wenig Kontinuität aufweisen. Sextape folgt auf öffentliche Belästigung folgt auf Autofahrt folgt auf Besprechung folgt auf Verwüstung folgt auf Sextape. Das wirkt weniger experimentell als es sich hier jetzt liest, sondern lässt durchaus einen gewissen Faden erahnen, der jedoch nicht verhindert, dass man vom Geschehen eher irritiert als gebannt wird. Eines muss man V/H/S diesbezüglich dennoch lassen: die ansonsten geschickte - ja, für Found-Footage viel zu professionelle - Kameraführung, die andere Vertreter dieser Form meistens kaum logisch erklären können, wird hier bewusst und auf fuck-you-komm raus ignoriert: Betrunkene mit Handykameras hätten es nicht "besser" machen können. Und das alles - selbsterklärend - in guter alter VHS-Qualität.

Das hat an sich ja etwas liebevolles. Ich meine, das analoge Speichermedium war immer schon mein Liebling, wenn es seine Auftritte in Horrorfilmen hatte. The Ring (Remake wird bevorzugt) funktioniert zum Beispiel nur wegen der klapprigen Videokassette und spielte auch noch zu einer Zeit, als es noch keine HD-Videospielkonsolen mit integrierten DVD/BluRay-Player samt Digitalen Speicher von 320 GB gab. Ein unbeschriftetes Tape genügte um mir einen Schauer über den Rücken zu jagen; das Ring-Video selbst war durch sein kafkaeskes Bildmaterial auch nur halb so gruselig wie der Blick auf das Videotape: was da wohl drauf sein mag? Auch leise Stimmen auf dem Tonband haben dem Sonargraph auf dem Videobearbeitungsprogramm um Unheimlichkeit vieles Voraus. Digital machte alles etwas greifbarer, Ghost-Calls oder Cybermobbing aus der Totenwelt wirkt irgendwie handfester, bei White Noise auf dem Tonband muss man auch noch ein bisschen glauben, dass was da ist. Erst dann, wird das Grauen greifbar.

So auch die verwackelten Bilder in V/H/S: man sieht es nicht wirklich und jede Bildstörung könnte gar keine solche gewesen sein. Das ist auch der größte Reiz, den die Horror-Anthologie hat, alles andere ist leider mal wieder Schall und Rauch.

Aber Kurzfilme haben es auch nicht leicht, schon gar nicht fünf auf einmal und das auf dünnen aber zähen 116 Minuten. Hat man sich mal damit abgefunden, dass das Grundgerüst an Handlung eher die Zeichnung einer solchen ist (und irgendwelche Punks die verlassene Häuser verwüsten oder Frauen handgreiflich belästigen, in einem Film unwahrscheinlich lästig und uninteressant sind), erwartet man Kurzfilm 1 schon mit großer Spannung: und der lässt schon mal die Sau raus! Amateur Night von David Bruckner (u.a. Teilregisseur des grandiosen The Signal) kann sich sehen lassen, die Geschichte ist flott, die Figuren unsympathisch genug, dass man ihnen das Sterben nicht übel nimmt und der Ausgang blutig und zähnefletschend. Das Kino schreckt sich und grinst, wenn das so weiter geht, wird das noch ein feiner Abend.

Und danach die Sintflut. Es ist schwer, die Episoden einzeln zu erklären, ohne dabei auch nur ansatzweise etwas vorweg zu nehmen – denn V/H/S zieht einen (wenn vorhandenen) Reiz, aus der Neugierde und der Unkenntnis, dem Offenen und Unerklärten. Jedes Vorwissen würde ein kleines Teil des Puzzles an die richtige Stelle setzen, so dass man weiß, was einem dann erwartet (pssscht, es ist - nicht weitersagen – streckende Langeweile). Dennoch: Episode 2 – Second Honeymoon - ergötzt sich an langwieriger Banalität und diesmal ist es nicht das Böse, die diese ausübt, sondern Homevideos. Als ob die PowerPoint-Präsentation des letzten Italienurlaubs bei Freunden nicht schon fad genug gewesen wäre. Der Twist ist haarsträubend und dumm, der Horror vielerorts schon besser verarbeitet (The Strangers um ein modernes Beispiel zu nennen) und die Charaktere das größte Problem. Oh je, die Charaktere...überhaupt.

Klar, Episodenfilme, keine Zeit und so weiter. Ich weiß, aber es wird doch möglich sein, auch nur ein schemenhaftes Bild von Menschen zu zeichnen, so dass wenigstens ein kleiner Bezug entsteht: am besten macht es da noch die Video-Skype Episode (die es auch welchen Grund auch immer auf eine Videokassette geschafft hat) die der Person am meisten Gesicht gibt, die man am wenigsten sieht – und dies, obwohl jenes Gesicht kaum und wenn nur undeutlich und winzig am Bildschirmrand sieht: The Sick Thing That Happened to Emily When She Was Younger lautet der aberwitzige Name (ich find' den ja toll) der skurrilen Story über eine Fernbeziehungspaar, das sich mit Dämonen abgeben muss. Dieser Kurzfilm hätte unsere tiefsten Ängste ansprechen können, alleine die Form des Videochats gibt wirklich viel her und wird auch originell genutzt (und meine Augen haben vor Erwartung kurz aufgeleuchtet), doch wie sich die Geschichte dann zu Ende beugt (Vorsicht! Obligatorischer Twist!), sträubt sich unser Wille, die Mär zu schlucken. Ansehbar, aber schlichtweg zu blöd.

Dazwischen besuchten Teenies den See und wurden abgeschlachtet. Ein wunderbarer Plot, der leider zeitlich zurechtgestutzt wurde. Man kann nicht alles haben. Interessant dabei war jedoch die Idee des Killers, den ich bei jedem Spott, den ich für V/H/S übrig habe, ehrlich toll finde. Auch wenn alles andere in Episode 3 Tuesday the 17th den Bach runter geht, der Kurzfilm formal, wie logisch und plottechnisch einem Zugunglück gleicht, dieses „Filmmonster“ hat sich gewaschen. Auf „lange Sicht“ wäre er eine Wucht. Ehrlich.

Endspurt und ich war jetzt schon übelst gelaunt und deutlich müde. V/H/S macht müde. Die letzte Sequenz zeigt die Figuren noch einmal von der besten Seite und endlich erblickt man in diesem Film Menschen, für die man so etwas wie Sympathie (?) empfinden wagt. Zwar sind es auch nur ein Haufen lauter Jungs, aber das macht mittlerweile auch nichts mehr; einer davon trägt immerhin ein Bärenkostüm. Der Plot ist von der Stange, die Überraschung des kurzen Filmchens vorhersehbar und doch scheint 10/31/98 einer der Guten zu sein. Die Stimmung stimmt, die Hektik ist ansteckend, der Schauplatz gewohnt gruselig und die Effekte sind gut. Sehr gut. Platzangst ist angesagt. Doch irgendwie. Vielleicht ist die letzte Episode einfach zu kurz, vielleicht liegt es daran, dass man heute schon genug Müll gesehen hat und das letzte was man noch will, ist sich auf diesen Film einzulassen. Der Funken springt nicht über, aber man fühlt sich unterhalten und verstanden und Regieteam „Radio Silence“ haben ihr Handwerk auch gut im Griff. Alles in allem nicht überragend aber viel besser, was der Epilog für die Zuschauer noch bereit hält.

"Langfilme sind Angeber" wirbt der Sticker auf der Herrentoilette (gleich über dem filmtipps.at-Aufkleber; Harald was here), doch diese Formel geht einfach nicht auf. „Weniger ist mehr“ mag - gerade im Horror-Genre - meist zutreffen, nur leider erträgt es V/H/S nicht wenig(er) zu sein und stopft seine Episoden mit soviel Firlefanz und aufgesetzter Originalität voll, dass beim genaueren Hinsehen auch nur die Verpackung glänzt. Alles andere bleibt oberflächlich, überschaubar, nicht selten dumm und arbeitet keineswegs im Kopf des Publikums weiter, wie es sich für einen sinisteren und starken Film gehört.

Wenn man überhaupt von V/H/S etwas mitnimmt, dann, dass das Grauen hauptsächlich im Sex schlummert: "sex" im Sinne von "gender". Denn V/H/S läuft stets auf das Selbe hinaus, das Böse wohnt nicht in dir, sondern in der Frau neben dir. Keine Angst, ich will dem Film sicherlich keine misogynen Tendenzen andichten - ich bin zwar so oft wie vernünftig-möglich politisch korrekt, doch noch lange nicht paranoid - aber die Frequenz, in dem in diesem Film das weibliche Wesen als dämonisch, verräterisch oder schlicht böse dargestellt wird, lässt sich nicht übersehen (eine Sequenz fällt aus diesem Schema raus, wenngleich sich das Thema augenscheinlich in Richtung Women's-Body-Horror bewegt).

Das sagt, wenn überhaupt etwas über die tief verwurzelten Klischees der amerikanischen Filmkultur aus, die sich seit eh und je (nicht nur) durch das Genre des Horrorfilms ziehen: Prüderie und ausgelassene Nacktheit in Einem. Keine Episode, nicht einmal die Rahmenhandlung, schafft es, ohne Sexualisierung oder angedeuteter Blöße, ein Unwohlsein heraufzubeschwören, das zum Tode zitierte "Jungfern werden verschont" wird hier unreflektiert wieder gegeben, Männer sind Schweine und Frauen die Hexen.

Ja klar, Urängste und so weiter, aber wenn dem so ist, dann kommt es einem so vor, als ob ein Haufen pubertärer, amerikanischer Jungs geifernd an der Kamera gesessen sind und jedes Mal, wenn sich eine weibliche Darstellerin entkleidet hat, infantil gekichert und beschämt das Weite gesucht haben. Kurz um: kann es nerven, wenn zum x-ten Mal die Brüste einer Frau in die Kamera geschwenkt werden (und es sich nicht um Piranha 3D handelt) um einem schäbigen Tape gruselige Erotik einzuflößen? V/H/S kann.

Und das war's dann. V/H/S ist schwierig und langwierig, möchte man meinen, originell und komplex, will man noch hoffen, doch eigentlich. Ja, eigentlich ist V/H/S nur sehr, sehr langweilig und mühsam. Ja, selbst die guten Episoden erreichen höchstens Mittelmaß und stechen auch nur deswegen heraus, weil ihre Filmkollegen noch viel schrecklicher sind. Das liegt selbstverständlich daran, dass Kurzfilme kaum eine Tiefe aufbauen können, dass Anthologien schnell abschrecken; der direkte Vergleich zu den anderen Episoden ist einfach zu nah (Unholy Women fällt mir da ein, dessen einzelne Passagen gar nicht so schlecht sind, aber gesamt einfach zu wenig Wirkung zeigt). V/H/S hält nun wirklich so gar nichts, was der tolle Trailer (und das geile Poster!) und die gute Idee der unheilschwangeren Videospielkassetten versprechen lässt. Nein, V/H/S will vieles – und das merkt man auch irgendwie und vielleicht tut es deswegen umso mehr weh – und unter bestimmten Umständen hätte er auch vieles gekonnt, doch so ist er allenfalls eine Enttäuschung.

V/H/S - Eine mörderische Sammlung Bild 1
V/H/S - Eine mörderische Sammlung Bild 2
V/H/S - Eine mörderische Sammlung Bild 3
V/H/S - Eine mörderische Sammlung Bild 4
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V/H/S - Eine mörderische Sammlung Bild 6
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V/H/S - Eine mörderische Sammlung Bild 8
V/H/S - Eine mörderische Sammlung Bild 9
FAZIT:

Die Horror-Anthologie will roh wirken, rau und ruchlos; es bleibt der Eindruck einer aufgesetzten Kurzfilmsammlung, die mit nerviger Grobkorn-Ästhetik ihr Ziel verfehlt und nicht der Nostalgie frönt, die sie dabei heraufbeschwören will. Von puritanischer Prüderie wird mit soviel Nachdruck Abstand genommen, dass es nur noch lächerlich ist und die platten Figuren in den forcierten Plots sind nicht in der Lage, dem Film die Tiefe zu geben, die bei seiner Hektik und Zusammenhanglosigkeit dringend notwendig gewesen wäre. Der Geist, ja, der Geist wär' stark, aber das Tape ist schwach.

WERTUNG: 4 von 10 Störungen im Magnetfeld
Dein Kommentar >>
thomas | 08.04.2014 00:00
der erste kurzfilm war sehr gut und hat mich völlig
unvorbereitet getroffen. der rest war leider recht
öd...
alles in allem kein film den ich weiterempfehlen
würde.
>> antworten
klaus | 30.09.2013 15:12
der film ist doch gut gelungen...weiss garnich was dieses scheiss altkluge gelaber soll!!!
Fedi | 01.10.2013 14:32
Es gibt mehrere Gründe, die mich an VHS genervt haben
und die sind mMn sehr gut angeführt, aber du hast mit
dem Argument "scheiss altkluges gelaber" natürlich
alle entkräftet.
>> antworten
Chris | 31.03.2013 01:51
Der mächtige Trailer hat mich neugierig gemacht. So habe ich mir
heute die V/H/S-Tapes ebenfalls gegeben. Und ich muss sagen, ich
bin begeistert. Eine sehr gelungene, originell erzählte Horror-
Anthologie auf der einen und einer der besten Found-Footage-
Beiträge bislang - insbesondere die erste Episode mit dem
Motelzimmer ist der Hammer. Auch "Die zweiten Flitterwochen" von
Ti West gefielen mir ziemlich gut. Die brauchten meiner Meinung
nach genau diese Langsamkeit, diese Banalität um zu wirken. Und
den Twist fand ich richtig gelungen. 8 von 10 ins Klo getauchte
Zahnbürsten...
>> antworten
Erich H. | 26.11.2012 08:17
Wunderbare Besprechung.
Der Film hat mich ja bislang noch nicht einmal im Ansatz interessiert, aber jetzt nach dieser (nennen wir sie mal infantilen) Kritik, wer weiß?
Harald | 26.11.2012 11:38
warum infantil? Ich finde die Argumentation im besten Sinne erwachsen (altklug wollte ich dann doch nicht hinschreiben ;-).
Federico | 26.11.2012 12:50
Ich bin verwirrt.
Erich H. | 27.11.2012 20:38
Guter Zustand. Auf zur nächsten Kritik :-D
>> antworten
thomas | 25.11.2012 10:00
Das der Film unnötige längen hat da stimme ich dir zu.
Doch es überwiegen die herrlichen Einfälle das erwähnte Monster im Wald, das Grusel Haus,die nette Dame im Zimmer.Es wirkte alles sehr echt und verstörend mehr als bei anderen Found Fottage Filmen .Ich schau eben noch auf Röhrenfernseher vielleicht war es deswegen besser für mich.
8 von 10 VHS Tapes im Keller
Federico | 26.11.2012 12:53
Ich war kurz davor, dem Film noch mal eine Chance auf dem Fernseher zu geben; die Erinneurng an die Langeweile hielt mich jedoch zurück. Vielleicht gibts für die einzelnen Episoden (bis auf den ultraöden Nummer 2) noch mal nen Versuch.
>> antworten


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