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Venus in Furs

Venus in Furs

OT: La malizie di Venere / Venus im Pelz
EROTIK: DEUTSCHLAND, 1969
Regie: Massimo Dallamano
Darsteller: Laura Antonelli, Régis Vallée, Loren Ewing, Renate Kasche

STORY:

Im Urlaub lernt der Voyeur und Masochist Severin die betörende Wanda kennen und verfällt der schönen Frau sofort. Nach einer herkömmlichen Liebesnacht offenbart Severin seine wahren Neigungen und findet in Wanda eine experimentierfreudige Partnerin, die er schließlich auch heiratet.
Doch das extreme Liebesleben fordert allmählich sowohl von der dominanten Frau als auch vom unterwürfigen Mann emotionalen Tribut. Die Grenzen zwischen lustvoller und tatsächlicher Grausamkeit, zwischen süßer und echter Pein verschwimmen mehr und mehr und die Beziehung steuert einem Abgrund entgegen…-

KRITIK:

Zwei Literaten aus vergangener Zeit gingen in ihren Werken derart enthusiastisch mit sexuellen Vorlieben hausieren, dass dem Psychiater Richard von Krafft-Ebing gar nichts anderes übrig blieb, als in seiner 1886 veröffentlichten wissenschaftlichen Arbeit "Psychopathia Sexualis" die besagten sexuellen Ausrichtungen nach eben diesen beiden Schriftstellern zu benennen. Wovon einer mit Empörung reagierte und der andere gar nicht, weil er zu diesem Zeitpunkt längst tot war.

Die Rede ist freilich vom französischen Marquis de Sade, den Namenspatron des Sadismus und vom Vertreter des direkten Gegenteils - dem Österreicher Leopold Ritter von Sacher-Masoch. Ja, und wenn Krafft-Ebings Beispiel, literarische Dinge in die sexuelle Nomenklatur einfließen zu lassen, nochmals Schule machen sollte, dann könnte dank Stephenie Meyer "sexuelle Enthaltsamkeit" schon bald Twilightio heißen. Okay, okay, sorry! Ich weiß, der Running Gag läuft sich langsam tot, aber den hier konnte ich mir dann doch nicht verkneifen. Aber wo waren wir stehen geblieben? Bei Sacher-Masoch. Und damit beim Masochismus. Was uns zur VENUS IM PELZ führt; dem oft verfilmten Hauptwerk Sacher-Masochs.

Und zu einer bedeutenden, vielleicht der bedeutendsten Filmadaption des Stoffes: Der vorliegenden VENUS IN FURS aus dem Jahr 1969. Damit ist nicht der im selben Jahr entstandene Jess Franco-Titel gleichen Namens gemeint, sondern der Eurotica-Klassiker aus der Hand des späteren Giallo-Großmeister Massimo (WHAT HAVE YOU DONE TO SOLANGE?, DER TOD TRÄGT SCHWARZES LEDER) Dallamano.

Geht gleich gut los. Schon in den ersten zehn Minuten kommt unser kleiner Peeping Severin aus dem Spannen nicht mehr raus, wenn im Zimmer nebenan Laura Antonelli nackig im Pelzmantel masturbiert oder einen Bootsarbeiter vernascht. Dann darf Severin ran. Liebesnacht. Ein Ausrutscher mit der Peitsche. Sexuelle Geständnisse. Härtere Gangart. Hochzeitsglocken.

Szenen einer Dom & Sub-Ehe. Wo in anderen Lebenspartnerschaften über das Fremdgehen selbst gestritten wird, beschwert sich Severin bei seiner VENUS IN FURS darüber, wenn er bei einem ihrer Seitensprünge nicht zugucken darf…

Ihr merkt es: Die Maßstäbe der zwischenmenschlichen Zweisamkeit im Sacher-Masoch-Universum sind ganz andere als die üblichen. Aus der Zweisamkeit wird hier ohnehin fast schon automatisch ein Threesome, weil der Ehemann neben seinen Hörnern auch den voyeuristischen Kick braucht, um in Fahrt zu kommen…

Was viele Szenarien kreiert, die VENUS IN FURS damals 1969 zum todsicheren succès de scandale werden ließen. Inklusive den Verboten in manchen Ländern. In jüngerer Zeit fielen im Zusammenhang mit dem Film in Rezensionen von Kritikern, mit deren Bildungsgrad und Intellekt der Verfasser dieser Zeilen wohl nicht konkurrieren kann, böse Worte wie "Sexkitsch", "verlogen" oder "psychologisch trivial", aber ich habe mir erlaubt, den Film ohne die Psychopathia Sexualis im Arsch, sondern nur mit den Augen eines Liebhabers des abseitigen europäischen Kinos der Sechziger und Siebziger zu sehen. Und denen hat gefallen, was sie gesehen haben.

Dallamano erzählt uns die Geschichte der VENUS IN FURS mit einer gewissen tragischen Note, aber nicht als tiefenpsychologische Studie. Er hält sie auch frei von jeglicher SCHULMÄDCHEN-REPORT-Albernheit und unterlässt eine Wertung des Geschehens; was für einen Film der damaligen Zeit ja auch keine Selbstverständlichkeit ist.

Nicht zu derb, aber auch nicht zu verschämt huldigt er Sacher-Masochs devoten Phantasien konsequent bis zur Schlusssequenz und findet dabei genau die richtige Mischung aus Sleaze und nobler Eurotica.

Und wie der Morgenstern Venus der hellste Planet am Nachthimmel ist, so überstrahlt in diesem Film Laura Antonelli an Sexappeal und schauspielerischem Talent einfach alles und jeden. Die Italienerin, die etwas später jeweils eine geile Nonne in den Sex-Komödien THE EROTICIST und SESSOMATTO spielen sollte, war einst Jean-Paul Belmondos Lebensgefährtin und eine Schönheit vor dem Herrn. 1985 war sie mit reifer Hornyness und gemeingefährlichen Dachschaden noch in Griffis Erotikthriller DER KÄFIG zu sehen, bevor sie im wahren Leben böse abgestürzt ist. Einer dreijährigen Haftstrafe wegen Drogenverkaufs folgte eine verhängnisvolle Schönheits-OP, welche ihr Gesicht verunstaltet haben soll.

Doch zu Zeiten des Films war Antonellis Welt noch in Ordnung und Gesicht wie Körper prädestiniert für ein elegant-perverses Nudefest der Extraklasse, welches sich von Vorspann bis Abspann zieht und nichts geringeres als einen verdienten, provokanten und vor allem zeitlosen Klassiker des europäischen Erotikkinos der ausgehenden Sechziger darstellt.

Der allerdings nicht nur Augenschmausen verteilt, sondern auch verstörende Tiefschläge in petto hat. Mit letzteren sind nicht mal die sechs Jahre vor Borowczyck in aller Deutlichkeit fickenden Pferde gemeint; obwohl die dazumal bestimmt für ein paar hochrote Köpfe im Kinosaal gesorgt haben.

Nein - gegen Ende des Films geht Dallamano den Zuschauer direkt an.

Dann nämlich drängt uns d´Offizis Kamera endgültig in die stumme, sklavische Beobachterrolle, wenn wir der Vergewaltigung eines lesbischen Zimmermädchens aus Severins Perspektive erleben müssen. Dann blicken wir mit Severins Augen durch die Gitter seiner Käfigmaske auf die perverse Klimax von VENUS IN FURS und nehmen damit sozusagen seinen masochistischen Ehrenlogenplatz ein.

Leider hatte die britische Zensurbehörde BBFC kein Erbarmen mit dieser intensiven Schlüsselszene des Films. Sie kürzte rigoros und beraubte sie so der Durchschlagskraft. Doch das Label Shameless war so frei und hat die der Schere zum Opfer gefallenen Sequenzen in Top-Qualität ins Netz gestellt. So kann sich jeder zumindest einen Eindruck vom ursprünglich vorgesehenen Finale verschaffen und sich danach mit der Kontroverse der dort gezeigten, sicherlich fragwürdigen, weil zwischen zwei Stößen ihres Vergewaltigers einsetzenden Wandlung der geschändeten Frau vom Opfer zur Genießerin auseinandersetzen.

Doch VENUS IN FURS ist einer der seltenen Filmen, die sich (bis zum Erscheinen einer Uncut-Edition) auch in der geschnittenen Fassung absolut lohnen; denn hier haben wir es mit einem der wichtigen Werken des erotischen Kinos zu tun. Und mit einem Film, der geradezu nach einem Double-Feature mit Schivazappas THE FRIGHTENED WOMAN schreit.

Venus in Furs Bild 1
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Venus in Furs Bild 7
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FAZIT:

Eine göttliche Laura Antonelli kommt ihren ehelichen Pflichten nach und betrügt, züchtigt und demütigt ihren Severin. Und der steht drauf…-
VENUS IN FURS ist Massimo Dallamanos vor Nuditäten, Perversionen und schöner Bilder berstende Version von Sacher-Masochs literarischen Masochistenklassiker. Unter Beigabe einer gewissen tragischen Note wird hier gekonnt aus Style, Flair und Sleaze eine Perle des europäischen Erotikkinos geschaffen. So tasty wie tasteless!

WERTUNG: 9 von 10 Chaffeursuniformen
TEXT © Christian Ade
Dein Kommentar >>
FZ | 19.10.2010 15:43
doof
Harald | 19.10.2010 20:43
ja. extrem doof, diese ein-wort-kommentare.
>> antworten
Marcel | 27.02.2010 13:51
Besagte, gekürzte Szenen war der Grund, warum ich den Film sehen wollte. Und weil es ein Film von Dallamano ist, der mit den grünen Stecknadeln meinen aktuellen Lieblingsgiallo gedreht hat. Ein klein wenig enttäuscht war ich beim sehen schon. Großartiger Anfang, schönes Ende, aber im Mittelteil blubberte es was vor sich hin. 7 von 10 Reitpeitschen
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