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Vielleicht in einem anderen Leben

Vielleicht in einem anderen Leben

DRAMA: AT, 2010
Regie: Elisabeth Scharang
Darsteller: Johannes Krisch, Orsolya Tóth, Ursula Strauss, Péter Végh, August Schmölzer

STORY:

Auf ihrem Todesmarsch in Richtung KZ landet eine Gruppe ungarischer Juden in einem kleinen österreichischen Bauerndorf. Während sich die SS-Schergen in einem Gut einquartieren werden die Juden kurzerhand in den Heustadel des Bauern Fasching verfrachtet. Obwohl sie weiß, dass es eigentlich besser wäre, sich nicht einzumischen, bringt die Frau des Bauern eines Tages etwas zu Essen in den Stadel. Einer der Juden, ein Opernsänger aus Budapest, beschließt daraufhin die anderen zu überreden die Operette "Wiener Blut" im Stadel aus Dankbarkeit aufzuführen. Nach anfänglichem Zögern ist auch Frau Fasching von der Idee angetan und so zieht es sie immer öfter in den Stadel. Es dauert nicht lange und ihr Mann bekommt Wind von der Sache. Und der ist natürlich alles andere als begeistert...

KRITIK:

"Ach nicht schon wieder", möchte man ausrufen wenn zu Beginn von "Vielleicht in einem anderen Leben" in hochdramatischen Bildern ein Jude erschossen wird und daraufhin einer der jüdischen Mitgefangenen seine Geige auspackt und zu spielen beginnt.

Dabei verbirgt sich hinter der schönen Ästhetik und dem Pathos, mit dem der Film aufwartet, durchaus eine interessante und erzählenswerte Geschichte.

Aber fangen wir von vorne an. Ich bin mir durchaus im Klaren darüber, dass Filme keine Abbildung der Wirklichkeit darstellen und ich weiß, dass es nur sehr wenigen Werken gelingt den Schrecken des Holocausts auch nur annähernd zu beschreiben, aber müssen Kriegsfilme seit neuestem immer in dieser glatten, keimfreien TV-Optik daherkommen? Wo selbst die Juden nach einem Gewaltmarsch noch proper und wohlgenährt wirken. Und muss es wirklich sein, dass Ursula Strauss selbst beim Mistschaufeln eher aussieht wie ein Model für Landmode als wie eine Bäuerin?

Das mag nun vermutlich pingelig erscheinen, doch es sind solche Kleinigkeiten die einen wirklich guten Film ausmachen.

Dabei ist es Film streckenweise richtig gut. Hin und wieder blitzt sogar etwas schwarzer Humor durch und ein paar Szenen konnten mich wirklich begeistern. Wenn z.B der SS-Obersturmbannführer vom Besitzer des Gutes, einem alten Adeligen, in seiner Uniform aus der Kaiserszeit (inkl. Orden, so wie es sich gehört) begrüßt wird, ist das einfach nur herrlich. 

Auch den Einsatz von Musik in "Vielleicht in einem anderen Leben" kann man als geglückt bezeichnen. Neben den Szenen in denen die mehr oder weniger unfreiwilligen Operettendarsteller und Musiker gemeinsam musizieren, oder es zumindest versuchen, sorgt vor allem die Tanzmusikbegeisterung des Obersturmbannführer die richtige Stimmung.

Und auch Freunde großen Schauspielkinos werden auf ihre Kosten kommen. Wartet doch der Film mit dem Duo Johannes Krisch /  Ursula Strauss auf. 

Es ist vor allem Erstgenannter, der (wieder einmal) richtig Punkten kann. Sicher, er hat das Glück die interessanteste und vielschichtigste Figur die das Drehbuch hergibt, spielen zu dürfen, das schmälert seine Leistung aber natürlich nicht im geringsten. Krisch schafft es bravourös die innere Zerrissenheit und die Verbitterung seiner Figur darzustellen. Er schafft einen Charakter den man gerne zusieht, der einen interessiert.

Ursula Strauss spielt natürlich auch nicht schlecht. Es macht Spaß ihr dabei zuzusehen, wie sie ihren Dickschädel durchsetzt und gegen die Mannsbilder zur Wehr setzt.

Die Hauptfiguren mögen zwar gut gespielt und ausgeleuchtet sein, auf die Nebenfiguren trifft das aber leider weniger zu. Vor allem die ungarischen Juden bleiben zum größten Teil seltsam kontur- und leblos. Anstelle greifbarer Figuren werden einem irgendwie stereotype Figuren präsentiert. Man hat den Redner der Truppe, den Künstler, der das Treiben lieber aus der Ferne beobachtet, den alten Mann...

In Summe bleibe ich etwas Zwiegestalten zurück. Manchmal plätschert "Vielleicht in einem anderen Leben" wie ein TV-Film vor sich hin und auch die Fixierung auf "schöne" Bilder stört mich ein wenig. Anderseits findet man aber auch immer wieder herrliche Szenen, hie und da sogar etwas schwarzen Humor. Und die Hauptdarsteller sind auch großartig. Der Film hat durchaus seine Momente, die ihn sehenswert machen. Und auch die Geschichte, die übrigens auf dem Theaterstück "Jedem das Seine" von Silke Hassler und Peter Turrini ist eigentlich wirklich gut. Ganz zu schweigen von dem Ende, das der Film seinen Zusehern serviert.

Erwähnenswert ist auch noch die Tatsache, das im Film teilweise Ungarisch gesprochen wird. Zumindest in diesem Bereich konnte der Film was die Authentizität betrifft Punkte sammeln.

 Aber irgendwie hapert es an der Inszenierung. Vor allem die ungarischen Juden wurden erschreckend steif und konturlos in Szene gesetzt. Was irgendwie auch Schade ist, weil eine erzählenswerte Geschichte und großartige schauspielerische Leistungen dadurch leider untergehen und der Film nicht ganz die Wirkung entfaltet, die er entfalten könnte.

Vielleicht in einem anderen Leben Bild 1
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Vielleicht in einem anderen Leben Bild 8
FAZIT:

Streckenweise etwas zähe Verfilmung des Theaterstücks "Jedem das Seine" von Silke Hassler und Peter Turrini. Nicht zuletzt Dank der interessanten Geschichte und dem berührenden Schluss vermag der Film dennoch den Zuschauer an der Stange zu halten.

Darstellerisch hinterlässt der Film einen etwas zwiespältigen Eindruck. Während die Hauptdarsteller auf gewohnt hohem Niveau agieren, werden Nebenrollen nicht einmal richtig ausgeleuchtet. Was Schade ist, weil da mit Sicherheit mehr drinnen gewesen wäre.

WERTUNG: 6 von 10 vor den Russen im Heustadel versteckten Klavieren
TEXT © Gerti
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