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Wild Tales

Wild Tales

EPISODENFILM/KOMÖDIE/HORROR: ARG, 2014
Regie: Damián Szifron
Darsteller: Rita Cortese, Ricardo Darín, Nancy Dupláa

STORY:

Was haben ein rachsüchtiger Musikstudent, eine gedemütigte Kellnerin, ein großkotziger Neuwagenbesitzer, ein flüchtiger Unfalllenker, ein unschuldiger Falschparker und ein untreuer Bräutigam gemeinsam? Nichts. Außer, dass sie die einzelnen Geschichten des argentinischen Episodenfilms WILD TALES mit Leben füllen.

KRITIK:

Vielleicht bin ich ja überempfindlich, aber das Plakat zu WILD TALES hat mir kurzfristig so etwas wie ein posttraumatisches Neunzigerjahre-Thrillerkomödien-Belastungssyndrom beschert. Ihr wisst schon, diese Flut an drittklassigen "rabenschwarzen" Thriller-Komödien, die im Gefolge von PULP FICTION die Videothekenregale verstopften und selten mehr aufzubieten hatten als leere Posen und zwangsoriginelle Pseudo-Coolness.

Nun denn, diese Zeit ist lange vorbei und die Flut an schlechten PULP FICTION-Plagiaten, zu denen sich sogar das österreichische Kino genötigt fühlte, einen tragikomischen Beitrag zu leisten, längst vergessen. Ich hätte WILD TALES wohl absichtlich versäumt, wenn sich nicht eine Facebook-Freundin, auf deren Urteil normalerweise Verlass ist, ausgesprochen positiv über den Film geäußert hätte. Und siehe dar, sie hatte recht!

Schon die erste Episode überrascht mit einer bemerkenswert krassen Pointe, die auch im Jahre 14 nach 9/11 die Kinnlade gen Kniescheibe kippen lässt. Wäre WILD TALES im Jahre 2001 im Kino angelaufen, hätte sich der Regisseur wohl auf unerquicklichen Besuch von der Homeland Security gefasst machen können. Nach dem starken Einstieg fällt Episode Nummer 2 - die mit dem Rattengift - ein wenig ab. Aber kein Problem, denn Qualitätsschwankungen liegen nun mal in der Natur von Kurzfilm-Compilations.

Mein Favourite ist die treffend "Straße zur Hölle" betitelte dritte Episode. Wie alle Geschichten folgt sie dem Prinzip der stetigen Eskalation: Am Beginn steht stets eine Alltagssituation - in diesem Fall ein Überholmanöver auf einer einsamen Landstraße. Irgendetwas geht dabei fundamental schief. Und weil der Mensch dem Menschen ein Wolf ist, wie schon mein alter Lateinlehrer wusste, kann auch ein herzhaft gereckter Stinkefinger einen Kampf auf Leben und Tod nach sich ziehen. Mit ihrer bösartiger Komik und zupackenden Härte wirkt diese Geschichte, als hätten die Coen-Brüder einen Beitrag zu den beliebten ABCs of DEATH gedreht. "F is for Flat Tyre" oder so ..

Etwas geerdeter wirkt die Geschichte des Sprengmeisters, bei der man ständig das Gefühl hat, eine argentinische FALLING DOWN-Variante zu sehen. Lustigerweise ist diesem Mann, einem Wutbürger, der sein Auto als sprengstoffgefüllte Waffe gegen die korrupte Stadtverwaltung einsetzt, ein Happy End vergönnt. Einen dicken Kloß im Hals hinterlässt die Geschichte mit der Fahrerflucht, bis im überdrehten Finale - einer selten-grindigen Neureichen-Hochzeit - wieder dem grotesken Exzess in Reinform gefrönt wird.

Wie man hört, soll WILD TALES als argentinischer Beitrag zum Auslandsoscar ins Rennen gehen. Ich will keine Prognosen abgeben, aber die Chancen auf einen Erfolg stehen eigentlich gar nicht so schlecht: Filmtechnisch ist das Gebotene nämlich von beachtlicher Qualität. Keine Ahnung, wie viel Geld zur Verfügung stand - das weiß man im chronisch bankrottgefährdeten Krisenstaat Argentinien bekanntlich nie so genau - aber die Production Values wirken solide. Regisseur Szifron beweist ein souveränes Gespür für Timing, auch und gerade in den Actionszenen. Und schließlich lässt sich der Film auch als schwarzhumorige Gesellschaftssatire mit humaner Frohbotschaft lesen: Wutbürger, nützt eure Wut auf kreative Weise, und euch wird ein Happy End zuteil.

Wild Tales Bild 1
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FAZIT:

WILD TALES - der Titel dieses argentinischen Episodenfilms lässt auf angestrengte Pseudo-Radikalität vom Reißbrett schließen. Aber man soll sich nicht täuschen. Die guten Schauspieler erwecken ihre Figuren zum Leben und lassen sie durch eine wüste, schwarzhumorige Gesellschaftssatire stolpern, die stellenweise wirklich keine Gefangenen macht. Der ausgesprochen unterhaltsame und spannende Film hat in seiner Heimat sämtliche US-Blockbuster finanziell abgehängt und geht als Argentiniens Beitrag zum Auslandsoscar ins Rennen. Das sollte als Empfehlung fürs Erste reichen.

WERTUNG: 8 von 10 Reifenplatzer
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christoph | 26.04.2015 19:53
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