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Zero Dark Thirty

Zero Dark Thirty

ACTION/DRAMA: USA, 2012
Regie: Kathryn Bigelow
Darsteller: Jessica Chastain, Jason Clarke, Kyle Chandler, Jennifer Ehle

STORY:

Die Jagd auf Osama bin Laden aus der Sicht von Kathryn Bigelow.

KRITIK:

Während der ersten Film-Minuten bleibt die Leinwand schwarz. Aus dem Off hört man die aufgezeichneten Notrufe aus dem World Trade Center.

Dann Szenenwechsel. Wir befinden uns in einem der berüchtigten Geheimgefängnisse, in der die CIA Terrorverdächtige verhört. Die Agenten entspannen sich bei einer kurzen Rauchpause an der Sonne, während in einer Baracke ein von Schlägen und Schlafentzug gezeichneter Mann sprichwörtlich in den Seilen hängt. Sein Jihad ist zu Ende, der berüchtigte War on Terrorism hat gerade erst begonnen.

"Unerträglich", "erschütternd" und "verstörend" sei der Auftakt von Kathryn Bigelows Action-Thriller, ist allerorts zu lesen. Ich will jetzt nicht abgebrühter klingen, als ich bin (und ich bin es überhaupt nicht), aber wenn man Manfred Nowaks Buch über die grausame und gleichzeitig so banale Psychologie der Folter gelesen hat, kann einen die filmische Darstellung von Foltermethoden nicht mehr erschüttern. Weil - wie ich immer mehr zur Überzeugung gelange - KEIN Film, auch nicht der grauslichste Folterporno, auch nur annähernd den Horror der Realität da draußen abbilden kann.

Kathryn Bigelow hat ja schon 2010 angekündigt, einen fiktiven Film über die Jagd nach Bin Laden zu drehen. Bekanntermaßen wurde sie von der Realität eingeholt. Zero Dark Thirty - der Titel meint 30 Minuten nach Mitternacht im Navy Seals-Jargon - komprimiert die zehn Jahre lange, von Pleiten, Pech, Pannen und Intrigen gekennzeichnete Geheimdienst-Arbeit, die schließlich zur Erstürmung von Bin Ladens Versteck in der pakistanischen Kleinstadt Abbottabad führte, in 156 Minuten virtuoses Action-Drama.

Mit Betonung auf Drama. Action im herkömmlichen Sinne gibt es nämlich - keine. Das mag jetzt etwas überraschend kommen in einem Film der besten Action-Regisseurin der Welt. So überraschend, dass gar nicht mal so wenige Kinobesucher etwa nach der Halbzeit aufstanden und rausgingen.

Die eigentliche Militär-Operation beginnt erst im letzten Filmdrittel. In Quasi-Echtzeit erleben wir die Erstürmung von Bin Ladens festungsartigem Anwesen in Abbottabad. Echtzeit, das heißt aber auch, dass die banale Sprengung einer Tür schon mal 20 Sekunden in Anspruch nimmt - und dass das verdammte Ding danach immer noch klemmt. Wohl niemand anders als Kathryn Bigelow kann sich erlauben, mitten im "Showdown" diese 20 Sekunden einfach so verstreichen zu lassen, ohne dass action-mäßig etwas weitergeht. Radikaler kann man mit den Konventionen des modernen Hochgeschwindigkeits-Actionkinos nicht mehr brechen. Zero Dark Thirty, das ist der Spirit der Siebziger Jahre - New Hollywood - transformiert ins Jahr 2013.

ZERO DARK THIRTY mag nicht so nervenzerfetzend spannend und testosterongetränkt sein wie THE HURT LOCKER - no na - im Zentrum der Erzählung steht schließlich eine Frau. Dafür übertrifft er den Vorgänger in seinen Drama-Qualitäten. Die schauspielerische Leistung von Jessica Chastain, die die verbissene, sozial isolierte, zunehmend paranoider werdende CIA-Agentin Maya spielt, wird sicherlich bei der kommenden Oscar-Verleihung nicht übersehen werden.

Dass in Langley nicht gerade ein optimales Betriebsklima herrscht, haben wir geahnt, was vielleicht damit zu tun hat, dass die CIA von einem Soprano geleitet wird. Die optische Ähnlichkeit von James "Fuckin" Gandolfini mit Ex-CIA-Boss Leon Panetta ist jedenfalls frappierend. Von diesem kleinen besetzungstechnischen Scherzchen abgesehen herrscht aber bitterer Ernst in diesem Film. Und eine dramatische Schwere, für die Bigelow auch immer wieder angemessen eindrucksvolle Bilder findet. Großartig etwa die Schluss-Einstellung, wo der riesige Frachtraum eines Transportflugzeug die innere Leere und Einsamkeit der ausgebrannten Agentin widerspiegelt.

Zero Dark Thirty Bild 1
Zero Dark Thirty Bild 2
Zero Dark Thirty Bild 3
Zero Dark Thirty Bild 4
Zero Dark Thirty Bild 5
FAZIT:

Kathryn Bigelow killt Bin Laden. In "Echtzeit", ohne Pathos, mit beachtlicher dramatischer Fallhöhe. Großes, radikal gegen den Zeitgeist gebügeltes Action- Drama im Geiste des New Hollywood.

WERTUNG: 8 von 10 Hundehalsbänder
Dein Kommentar >>
Martin | 14.01.2014 05:54
Das Dokumentarische war recht interessant; die fanatische CIA-Agentin als Figur aber unrealistisch.
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Lena | 11.02.2013 17:13
Toller Review! Und ich musste sehr lachen bei "kein optimalees Betriebsklima, was vielleicht damit zu tun hat, dass die CIA von einem Soprano geleitet wird" :-)
Harald | 13.02.2013 10:54
Danke!
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Tomausm18 | 06.02.2013 21:17
recht guter Film; für eine US Produktion angenehm unaufgeregt, ohne diese nervtötende US-Effekthascherei (OK, EINMAL bleibt ein Soldat beim Verkabeln des hinnigen Hubschraubers so ganz US-Kino-mäßig hängen, aber die 3 Sekunden seien ihr verziehen)
Die Regisseurin scheint geahnt zu haben, dass speziell dieser Stoff, dem aus zeitgeschichtlichen und gesellschaftlichen Gründen bereits so viel Spannung innewohnt, sich bestens von selbst "trägt" und somit unhysterisch verfilmt werden musste. Gut so. Diese Begalow versteht ihr Handwerk.

off topic: Arbeiten bei den Amis wirklich so viele Twens in verantwortungsvollen Positionen? Mit fällt immer wieder auf, dass in den Filmen immer viele blutjunge Schauspieler, quasi noch halbe Kinder, Figuren in der Führungsebene spielen. Irgendwie befremdlich.
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