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Zombis geschndete Frauen

Zombis geschändete Frauen

OT: Les Raisins de la Mort
HORROR: Frankreich, 1978
Regie: Jean Rollin
Darsteller: Marie-Georges Pascal, Félix Marten, Brigitte Lahaie, Mirella Rancelot

STORY:

In einem abgelegenen französischen Landstrich behandeln Weinbauer ihre Reben mit nicht zugelassenen Pestiziden - mit fatalen Folgen. Wer von diesem Wein trinkt, verwandelt sich unweigerlich in einen von eitrigen Hautausschlägen entstellten, mordlustigen Wahnsinnigen. Und da man in dieser Ecke des Landes einen guten Tropfen offenbar sehr schätzt, ist davon fast die gesamte Bevölkerung betroffen. Ausgerechnet jetzt möchte Élisabeth ihren Verlobten, einen Weinbauern, auf dessen Gut besuchen und sieht sich alsbald zwischen Wäldern, Weinbergen und Dorfruinen einer ganzen Horde Infizierter gegenüber ...

KRITIK:

Mit kaum einem anderen Titel ist die berüchtigt-einfallsreiche deutsche Titelschmiede so absurd krude umgesprungen wie mit Jean Rollins LES RAISINS DE LA MORT, was grob ins Deutsche übersetzt ja nichts Schlimmeres als "Trauben des Todes" bedeutet. Doch das germanische Titelverfremdungskommando machte daraus (Achtung! Trommelwirbel... Tusch!) FOLTERMÜHLE DER GEFANGENEN FRAUEN oder wahlweise auch - und jetzt wird's noch primitiver! - ZOMBIS GESCHÄNDETE FRAUEN. Und ja, so falsch steht es - ob gewollt oder ungewollt - Schwarz auf Weiß geschrieben.

 Auch wenn LES RAISINS DE LA MORT in Sachen Blut, Schmodder und Eiter sicherlich Rollins Ruppigster neben LIVING DEAD GIRL ist; so sieht man trotzdem kaum etwas, was solch reißerische Umtitulierungen rechtfertigen würde. Kommt in etwa so, als würde man sein süßes, kulleräugiges Zwergkaninchen ganz nonchalant "Leichenficker" taufen. Und was die auch ohne Beachtung der mangelhaften Grammatik völlig depperte Schreibweise des Wortes "Zombies" in ZOMBIS GESCHÄNDETE FRAUEN soll, ist wohl auch ein Geheimnis seines Erfinders.

Ohnehin machen in Rollins "Zombiefilm" strenggenommen gar keine Zombies mit. Diese fröhlich vor sich hineiternden Artgenossen auf den Aushangfotos sind nämlich keine lebenden Toten, sondern die personifizierten (unerwünschten) Nebenwirkungen eines mit Pestiziden behandelten Weins; ein weiterer Alternativtitel von LES RAISINS DE LA MORT ist übrigens PESTIZIDE - STADT DES GRAUENS. Sprich, die Pestizide im Wein haben aus den Einwohnern eines abgeschiedenen französischen Landstrichs eine Horde körperlich und geistig zerfallender Infizierter gemacht, die manchmal zombieähnlich schlafwandlerisch umherirren und des Öfteren Amok laufen; aber eher nicht beißwütig sind. Ihre Opfer werden daher nicht aufgefressen, sondern vorzugsweise mit der Mistgabel perforiert oder gleich an der Haustür gekreuzigt...

Vielleicht hat man das "e" in Zombies gar nicht aus legasthenischen Gründen unterschlagen, sondern weil man solche Wesen -also durch gepanschten Wein veränderte Menschen- eben Zombis nennt. Nur dass dies bislang eben keiner gewußt hat; bis auf den ungenannten deutschen Originaltitelverwurstungsberserker freilich, der seinerzeit von seinem Marketingleiter den Auftrag bekommen hat, den "Trauben des Todes" etwas mehr Pfeffer zu verleihen.

Doch beenden wir an dieser Stelle unseren kleinen Exkurs zu den Stilblüten und Auswüchsen deutscher Filmnamensgebung in den Siebzigern und Achtzigern und kommen nun zum Film selbst.

LES RAISINS DE LA MORT ist - auch wenn keine Zombies im herkömmlichen Sinne mitwirken - trotzdem als Jean Rollins Beitrag zum Zombiegenre zu betrachten. Und wer schon einmal einen Film des eher auf lesbische Vampire spezialisierten Franzosen gesehen hat, wird ahnen, dass LES RAISINS DE LA MORT nicht plump den Sermon von Romero herunterbetet, sondern seine eigenen Wege geht - und die werden nicht unbedingt dorthin führen, wo der gemeine Zombiefilmfan hin möchte.

Sicherlich: Es gibt Splatter, es gibt Eiter, es gibt Headshots und eine ganz fiese Enthauptungsszene. Ja, es gibt sogar ein blindes Mädchen, das ganz heftig an Emily aus Fulcis ein paar Jahre später entstandenen Genre-Manifest GEISTERSTADT DER ZOMBIES denken lässt. Und doch sollte man sich in Rollins kauzigem, aber wohl einzigartigen filmischen Universum bereits ein wenig auskennen, um die Trauben des Todes auch wirklich genießen zu können.

Wie eigentlich immer konnte Rollin auch bei dieser Produktion lediglich auf ein ganz schmales Budget zurückgreifen. Das sieht man an der Güte der wohl überwiegend aus Laien bestehenden Darstellerriege ebenso wie an der Einfachheit der Effekte. Und trotzdem hat Rollin einmal mehr das Kunststück vollbracht, mit ganz einfachen Mitteln ein hochatmosphärisches Kleinod zu schaffen.

Dabei hat er die Schlüsselrollen ideal besetzt. Wie bereits erwähnt nimmt Mirella Rancelot viel von Sarah Kellers blinden Charakter aus Fulcis L'ALDILÀ vorweg und ist sozusagen die Gallionsfigur dieses Films. Ihr pupillenloses Antlitz hat bereits viele DVD- und Videoausgaben von LES RAISINS DE LA MORT geziert. Marie-Georges Pascal fasziniert mit ihrer merkwürdigen Zerbrechlichkeit und spielt somit eine äußerst markante Hauptrolle. Und der immens erotischen Ausstrahlung der ehemaligen französischen Pornokönigin Brigitte Lahaie, die hier eine kleine, aber nicht unbedeutende Nebenrolle bekleidet, kann man sich selbst dann nur schwer entziehen, wenn sie - wie in diesem Film - ohne Sexszene bleibt.

Die Einleitung erinnert mit ihrem Bezug auf rücksichtslose Umweltverschmutzung zunächst an Graus LIVING DEAD AT THE MANCHESTER MORGUE. Haben in dessen Vorspann Industriemeiler giftige Wolken in die Luft geblasen, sieht man bei Rollin die Arbeiter auf einem Weingut wie sie die Reben mit dem verhängnisvollen Insektenvertilger besprühen. Die Tonspur bei den Opening Credits wird vom schwerem Atmen der Männer dominiert, die sich gegen die giftigen Dämpfe nur unzureichend mit primitiven Atemfiltern oder bloßen Tüchern zu schützen versuchen. Gleich im Anschluss nimmt Marie-Georges Pascals einsame Reise in einem menschenleeren Zug urplötzlich eine schreckliche Wendung, weil der Zug eben doch nicht so menschenleer ist. Und schon nach ein paar kurzen Szenen sind wir mittendrin im Alptraum.

Und was für eine düstere Poesie, Rollin dort zwischen widerwärtigen Strömen von Eiter und desolaten Weinbauerdörfern in der wilden Schönheit einer französischen Vulkaninsel phasenweise heraufbeschwört!

Der Plot -ohnehin dürftig und ähnlich ver(w)irrt wie die verseuchten Landbewohner - gerät völlig zur Nebensache. Die Attacken der Infizierten sind mit Ausnahme des Film gewordenen Unbehagens in der einleitenden Zugszene eher unspannend in Szene gesetzt; seine eigentlichen Höhepunkte feiert der Film ohnehin in seinen Bildern und dieser (alp-) traumartig entrückten Atmosphäre. Wenn die Pascal nach zehn Minuten über eine in Nebel gehüllte Brücke flüchtet und danach durch eine einsame, aber wilde Naturlandschaft aus Wäldern, Hängen und Felsen irrt, erklingt zum ersten Mal im Film das musikalische Hauptthema. Der simple Synthesizerscore von Phillipe Sissmann ist zwar absolut minimalistisch, unterstreicht aber die gespenstische Stimmung während Pascals Flucht vorzüglich.

Wo andere Zombiefilme - vor allem derer Erster NIGHT OF THE LIVING DEAD - oft auf klaustrophobische Belagerungszustände setzen, belässt Rollin seine verzweifelte Heldin in einer plötzlich apokalyptisch gewordenen Welt in ständiger Bewegung. Dennoch herrscht ein beklemmendes Gefühl der Isolation vor. Der Situation unserer Heldin haftet von Anfang an etwas deprimierend Auswegloses an. Und auch wenn die Tränen fließen -und noch mehr der Eiter aus den Hautflechten der Infizierten-; wenn man seine Antennen fein justiert und genau hinschaut, wird man entdecken, dass LES RAISINS DE LA MORT ein Film von finsterer Schönheit ist und voller ästhetisch-düsterer Gemälde steckt; ein Film, dessen irrationale Stimmung von den wie immer sehr theatralischen und spröde wirkenden Dialogen nur noch unterstrichen wird.

Allerdings sei das Werk dann doch eher dem Rollin-affinen Weinkenner ans Herz gelegt statt dem gemeinen Blutsäufer aus dem Filmkreis der Zombiefreunde. Denn spannend im Adrenalin-Sinne oder spektakulär in punkto Gore sind die Infizierten-Umtriebe bei Rollin in der Mehrzahl nicht. Zudem wirkt das Geschehen wenig zielgerichtet, der Film etwas wirr; was aber wiederum zu seinem traumartigen Charakter passt. Im letzten Drittel ermüdet Marie-Georges Pascals Irrweg durch die Weinberge des Schreckens dann doch etwas. Doch mit der letzten Einstellung -ein Frauengesicht im sanften roten Nieselregen- findet  LES RAISINS DE LA MORT schlussendlich wieder zu sich zurück.

Zombis geschändete Frauen Bild 1
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Zombis geschändete Frauen Bild 3
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Zombis geschändete Frauen Bild 5
Zombis geschändete Frauen Bild 6
Zombis geschändete Frauen Bild 7
FAZIT:

Der König der lesbischen Vampire versucht sich im Metier des Zombiefilms. Ungeachtet der Tatsache, dass in Jean Rollins "Zombiefilm" eigentlich gar keine richtigen Zombies mitwirken und der Legion an haarsträubenden deutschen Alternativtiteln (etwa ZOMBIS GESCHÄNDETE FRAUEN!) sowie den schier endlosen Eiterströmen zum Trotz: LES RAISINS DE LA MORT ist vielleicht der lyrischste aller Zombiefilme.

 

WERTUNG: 8 von 10 leeren Zugabteilen
TEXT © Christian Ade
Dein Kommentar >>
Erich H. | 13.05.2012 21:28
Ein weiteres Mal, das Kollege Ade mir einen Job abnimmt. Gut so, er kann's eh besser.
Auf alle Fälle eine gute Kritik für einen (eben durch die Titeleindeutschung) schwer unterschätzten Film. Meines Erachtens nimmt er einige Sachen voraus (nicht nur die Blindenszene und nicht nur für Fulci), aber das tut nichts zur Sache.
Viel lustiger wäre, dass ich diesen Film im Kino gesehen habe so ca. 1985 am Höhepunkt des österreichischen Glykolwein-Skandals. Na, und darum weiß man, wieso wir Ösis für morbiden Schmäh bekannt sind.
Chris | 14.05.2012 21:47
Denn Film hätte ich auch gerne auf der ganz großen Leinwand
erlebt. Aber der lief vor meiner Zeit. Ich bin den ZOMBIS erst gegen
Ende der VHS-Ära begegnet. Habe da mal das leicht geschnittene
PESTIZIDE-Tape erstanden. Und jüngst habe ich mir davon endlich
die derzeit definitive (und ungeschnittene) DVD aus dem Hause
Synapse gegönnt; übrigens ganz dezent und werkgetreu GRAPES OF
DEATH betitelt. : ) PS: Danke für die lobenden Worte, aber definitiv
zu viel der Ehre...
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