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GOOD MOVIES FOR BAD PEOPLE
AL!VE

AL!VE

DRAMA: ALB/A/F, 2009
Regie: Artan Minarolli
Darsteller: Nik Xheliaj, Nijada Saliasi, Besart Kallaku,.

STORY:

Koli führt in Albaniens Hauptstadt Tirana ein beschauliches Studentenleben. Das ändert sich allerdings als sein Vater stirbt. Er erfährt, dass er in eine Blutfehde verwickelt ist. Beherzt sucht er den Kontakt zum verfeindeten Clan und bittet um Nachsicht. Die ihm aber nicht gewährt wird ...

KRITIK:

Ein Film aus Albanien! Das sieht man wahrlich nicht alle Tage. Und glücklicherweise ein ziemlich differenzierter. Es wäre leicht sich beim wahrscheinlich ärmsten Land Europas im Ton zu vergreifen und bei diesem Thema in eine moralische Zeigefingerorgie zu verfallen. Das passiert überhaupt nicht. Dieser Film ist eine respektvolle Annäherung an alle Parteien in diesem aus unseren Augen unglaublichen Treiben. Das "ruch- und gottlose" Studenten- und Lotterleben in der Hauptstadt Tirana erzeugt so gut wie gar keinen Kontrast zu dem "rückständig archaischen" Bräuchen vom Land, wenn ich das jetzt mal anstelle des Filmes ganz bewusst überzeichnet kommentieren darf.

Vielleicht ist das aber auch die große Schwäche des Films, nur zu zeigen, wo die Bruchlinien liegen. Einerseits wird die Blutrache, noch gang und gäbe und nach dem mündlichen Gewohnheitsrecht, in Albanien Kanun genannt, abgehandelt. Andrerseits die "moderne" Kultur in der Hauptstadt, wo dem hedonistischen Leben gefrönt und Richtung EU geschielt wird. Beide Phänomene koexistieren in Harmonie in diesem Film, beide Lebensweisen werden scheinbar ohne weiteres von allen Seiten akzeptiert.

Die Albaner müssen ja ein wahrlich friedliches Völkchen sein. Der Transformation zu einem entwickelten Land auf westeuropäischem Niveau scheint nichts im Wege zu stehen. Die paar offenen Blutfehden müssen zwar noch ausgebadet werden, aber sonst ist ja alles klar. Hier werden die muslimische, osmanische und orthodoxe Tradition mitsamt einem Schuss kommunistischen Erbes vorbildlich unter einen Hut gebracht.

Es tut mir Leid, vielleicht ist es ja wirklich so, aber dieser Film hat auf ein ganz wesentliches Element vergessen in seinem ganzen Respekt für sein Land, seine Bewohner und seine Kultur. Was ist eigentlich mit dem Protagonisten? Kali, der junge, hoffnungsvolle Student? Lebt der Kerl eigentlich? Ich meine hat er einen Lebenstrieb? Wo ist bitte sein verzweifelter (zumindest innerer) Kampf, sein Hadern mit seinem Schicksal? Wo ist die Polizei? Wo ist die Unterstützung gegen dieses Unrecht? Ich glaube ohne weiteres, dass alte Traditionen und Bräuche nicht so einfach totzukriegen sind, aber einfach so zu akzeptieren ein Todgeweihter zu sein, das glaube ich nicht. Und das verleiht diesem Film einen äußerst eigenartigen Beigeschmack.

Man könnte mir jetzt noch einreden, dass der gute Kali nur als Katalysator dient, als Vorwand um ein Kaleidoskop des albanischen Lebens zu ermöglichen, dass sein persönliches Schicksal nicht der zentrale Punkt dieses Dramas war. So richtig gelten lassen würde ich diese Sichtweise aber auch nicht wollen. Der Punkt ist doch, dass in ihm einer der zentralen Konflikte des albanischen Volkes widergespiegelt wird. Der Film verpasst einfach die Chance sich damit wirklich tiefgehend auseinanderzusetzen, und lässt sein eigentliches Drama zur Beiläufigkeit verkommen. Schade.

AL!VE Bild 1
AL!VE Bild 2
AL!VE Bild 3
AL!VE Bild 4
FAZIT:

AL!VE ist ein so zutiefst differenzierter Film über die Kollision der verschiedenen Entwicklungsstufen Albaniens geworden, dass man ihm leider schon vorwerfen muss, feige zu sein. Nicht jeder Film muss politisch sein, aber ein Film mit einem derartigen Thema muss zumindest menschliche Regungen verspüren lassen. Hier herrscht eher Sterilität. Daher doch etwas enttäuschend, trotz des interessanten Einblicks ins Leben der Albaner.

WERTUNG: 6 von 10 schmutzige Autos
TEXT © Ralph Zlabinger
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