FILMTIPPS.at - Die Fundgrube für außergewöhnliche Filme

www.filmtipps.at
Possession

Possession

DRAMA/HORROR: F/D, 1981
Regie: Andrzej Zulawski
Darsteller: Isabelle Adjani, Sam Neill, Heinz Bennent

STORY:

Als Marc (Sam Neill) von einer langen Geschäftsreise nach Hause kommt, ahnt er noch nicht, dass ihn seine Frau Anna (Isabelle Adjani) verlassen will. Halb wahnsinnig vor Eifersucht engagiert er einen Privatdetektiv, der den mysteriösen Lover seiner Frau aufspüren soll. In einem heruntergekommenen Haus direkt an der Berliner Mauer macht dieser eine monströse Entdeckung…

KRITIK:

Zugegeben, mit NACHTBLENDE, der – Romy Schneider sei Dank - hierzulande bekanntesten Arbeit des polnischen Filmemachers Andrzej Zulawski, hatte ich so meine Probleme. Zu geschwätzig, über weite Strecken zu sperrig, zu arty war mir der legendäre Skandalfilm, in dem sich Schneider von ihrem verhassten Sissy-Image freispielte.

Zwischen NACHTBLENDE und POSSESSION liegen sechs Jahre, in denen der Regisseur einiges erlebt hat – vor allem seine Scheidung, die er in beinahe physisch schmerzenden Bildern aufarbeitet.

POSSESSION in angemessenen Worten zu beschreiben ist keine leichte Übung: Ein fiebriges, halluzinierendes Beziehungsdrama, ein beklemmender Paranoia-Thriller, große Filmkunst und entfesseltes Body Cinema, von allem etwas und doch nichts wirklich davon.

Gut, der Anfang zieht sich ein wenig. Zulawski liebt es, seinen Akteuren einfach zuzusehen. Doch die manische Leidenschaft des verrückten Polen blitzt immer wieder durch und entschädigt für den einen oder anderen Durchhänger im dialoglastigen Drehbuch.

Wenn nach ca. 40 Filmminuten ein vom zweifachen Oscargewinner Carlo Rambaldi (ALIEN, DEEP RED) kreiertes Schleimmonster auftaucht und ein abgetrennter Kopf im Kühlschrank vor sich hin gammelt, könnte man sich gar in einen prototypischen Achtziger-Monsterhorrorfilm wähnen.

Auch die exzessiven Gewaltausbrüche und dekorativen Kunstblut-Sudeleien weisen in diese Richtung, während die rastlose, sich stets in Bewegung befindliche Kamera für höchst reizvolle Bilder irgendwo zwischen Arthouse und Giallo sorgt. Ein gewisser Dario Argento soll sich durchaus lobend über POSSESSION geäußert haben.

Den Vogel schießen aber die Hauptdarsteller ab. Was der damals noch unbekannte Sam Neil und seine Film-Partnerin Isabelle Adjani hier abziehen, verleiht dem Wort Overacting eine neue Bedeutung: Schon Sam Neils erster Wutausbruch im Kaffeehaus ist ein leichter Vorgeschmack auf das, was da noch kommen soll. Und es kommt auch. Knüppeldick. Zwei völlig entgrenzte, hysterische, aufgelöste, keuchende, am Rande des Wahnsinns stehende Menschen, die einander lieben/hassen/betrügen/halb tot schlagen. Körperkino der exzessiven Art.

Auch wenn der Film den Boden der Realität verlässt und zunehmend in phantastische Gefilde abdriftet, wollte Zulawski doch etwas vom richtigen Leben erzählen. Die Realität, genauer: die Realität vieler Paarbeziehungen ist nun mal nicht harmonisch. Sondern irrational und psychotisch, oft genug auch gewalttätig, in Extremfällen tödlich. Und wie im richtigen Leben gibt es hier keine befriedigende Auflösung und schon gar kein Happy End, das einen belämmert grinsend vom Fernsehsessel aufstehen lässt. POSSESSION ist ein stockdüsteres, exzessives Meisterwerk. Ein Film, der seine Geheimnisse für sich bewahrt. So etwas hat heute Seltenheitswert.

Possession
Possession
Possession
Possession
Possession
Possession
FAZIT:

Mit POSSESSION lieferte der polnische Filmemacher Andrzej Zulawski ein im wahrsten Sinne monströses Beziehungsdrama ab. Wer blutrote Giallos UND radikale Kunstfilme liebt und jede Menge manischer, exzessiver Momente einer herkömmlichen Story samt ach-so logischer Auflösung vorzieht, wird der mit 6. November 2009 datierten deutschen DVD-Veröffentlichung aus dem Hause BILDSTÖRUNG entgegenfiebern.
In diesem Sinne: "He is tired. He made love to me all night."

WERTUNG: 9 von 10 wahnwitzigen Wutausbrüchen
OK? MEHR DAVON:
Mehr filmische Grenzerfahrungen von Andrzej Zulawski auf FILMTIPPS.at
Nachtblende
Nachtblende
DRAMA: F, 1975
9/10
5 Big Fuckin' Stars
Der silberne Planet
Der silberne Planet
SCIENCE-FICTION: POLEN, 1977
9/10
5 Big Fuckin' Stars

Dein Kommentar >>
FA | 31.12.2009, 11:20
Der Film ist ein absolutes Ereignis. Außerdem ist es eine Freude das derartige Filme nicht nur hier Reviews bekommen, sondern mit Bildstörung sich auch ein wertiges kleines Label darum kümmert.
>> antworten
Mario | 10.06.2009, 00:44
der film ist wunderbar! die szene mit isabelle adjani in der u-bahn ist punkto hysterie/wahnsinn kaum zu überbieten! man sollte auch zulawskis "Diabel", "On the silver globe", "Szamanka"sehen, wem der "bekanntere" Posession schon gefallen hat, ich würde mindestens 8/10 geben, durchaus 10/10 möglich
>> antworten
Chris | 09.06.2009, 22:58
Ich fiebere ja schon die ganze Zeit, aber nach diesem Review noch mehr... : )
>> antworten
Nic | 09.06.2009, 22:51
sind irgendwie aus der mode geraten, diese filme. die zwei leads mag ich allerdings ganz gerne, also werd ichs wohl ansehen (müssen).

vielleicht lohnt sich eine eigene rubrik für französische filme - dieser art und generell ;)
Harald | 09.06.2009, 23:14
@mode: leider. zumindest in die kinos scheint es nur noch jene sorte von franzosenfilmen zu schaffen, die auf einem landhaus in der provence spielen und wo junge frauen im sommerkleidchen auf dem fahrrad einen gemüsekorb transportieren.
@rubrik: gute idee, wird demnächst umgesetzt.
>> antworten