FILMTIPPS.at - Die Fundgrube für außergewöhnliche Filme

www.filmtipps.at
GOOD MOVIES FOR BAD PEOPLE

Special: Psychothriller

WENN DIE GASLICHTER FLACKERN … ÜBER DEN KLASSISCHEN PSYCHOTHRILLER

Das große Psychothriller-Special auf FILMTIPPS.at

Introduktion: Alles Gute zum 50., Norman!

Anno 2010. In diesem Jahr feiert Alfred Hitchcocks wegweisender Thriller PSYCHO seinen fünfzigsten Geburtstag.

Psycho
Willkommen zu Hause, Norman!

Grund genug für Filmtipps.at sich einmal ausgiebig dem Psychothriller zu widmen. Allerdings wollen wir nicht nur Norman Bates in seinem düsteren Motel besuchen, sondern noch viel weiter in der Zeit zurückreisen und zwar hin zu den Wurzeln des Genres. Dahin, wo sich einst der Film noir und der klassische Psychothriller gegabelt haben.

Dazu werden wir zunächst einmal die Farbe aus unserem Heimkino verbannen müssen, denn die Welt, in die wir tauchen werden, erstrahlt in stimmungsvollen Schwarz/weiß.

Lasst uns also die drohenden Schatten an den Wänden zählen und fallen wir zusammen mit unseren meist etwas nervösen Heldinnen ein bisschen dem Wahnsinn anheim. Und zwar immer dann, wenn irgendwelche konspirativen Angehörige und andere diabolischen Ränkeschmiede aus Habgier oder Boshaftigkeit ins Wespennest unserer Traumata stechen.

Psycho
Nicht auf die Dusche vergessen!

Wenn uns dies zu aufregend oder zu vorhersehbar werden sollte, mieten wir uns einfach in einem hübschen, kleinen Motel ein und nehmen erst einmal eine erfrischende Dusche.

Danach können wir - sofern wir bei unserer Körperhygiene nicht von einer alten Frau und ihrem Messer gestört werden - uns weiter daran machen, nach den Kinoklassikern des psychologischen Thrillers zu graben…

Im modernen Kino trägt der psychologische Thriller seit THE SILENCE OF THE LAMBS (Das Schweigen der Lämmer, USA 1991) und David Finchers düster-regnerischen fast schon apokalyptischen Serienkillermär SE7EN (Sieben, USA 1995) zumeist die Züge eines eiskalten wie genialen Psychopathen, der sein blutiges Werk zu einem höheren Masterplan stilisiert und sich längst nicht mehr damit begnügt, sich nicht fassen zu lassen. Nein, er will seine Jäger - die angeknacksten Cops und Profiler - nicht nur demütigen und verhöhnen. Er will sie brechen. Und wenn er sich dafür vorher einfangen lassen muss…

Somit begegnet uns in heutigen Genrebeiträgen immer häufiger ein inhaftierter Serienkiller, der von verzweifelten Ermittlern als eine Art psychotisches Orakel benutzt wird, was sich nicht selten als ein Spiel mit dem Feuer erweist.

Se7en
Se7en

Aber noch öfters erzählt man uns heutzutage das urbane, leider allzu wahre böse Märchen vom Ritualmörder; wobei die Perspektive zwischen Täter, Opfer und Polizei ebenso ständig variiert wie der Härtegrad des Gezeigten.

Auch in unserem kleinen Special zum klassischen Psychothriller der 30er bis 60er Jahre werden sie uns mehr als einmal über den Weg laufen: Die bösen Wölfe im Märchenwald des Psychothrillers. Die Triebtäter mit den gemeingefährlichen Kindheitstraumata, Mutterkomplexen und anderen abseitigen Obsessionen. Einer von ihnen wird natürlich Norman Bates sein; aber es wird noch andere geben, die früher als er auf der großen Leinwand ihrem mörderischen Werk nachgingen.

Der Klassiker unter den Psychothriller-Plots

Der klassische Plot in den frühen Tagen des Psychothrillers erzählt allerdings noch eine andere Geschichte. Aber was Wunder: Menschliche Abgründigkeit und Niedertracht hat ja bekanntlich viele Schattierungen und mit am dunkelsten ist sie im Bereich der Habgier oder Eifersucht.
Aus diesen Untiefen kommt der Protoplot des psychologischen Thrillers; nämlich jener der weniger in den kranken Geist eines psychopathischen Mörders eintaucht, sondern von perfide angelegten Verschwörungskomplotten berichtet, die meist das Ziel haben, den oft weiblichen Hauptprotagonisten in den Wahnsinn oder gleich ganz aus dem Leben zu treiben.

Zumeist haben wir da eine junge, schöne, naive, und labile Frau, die zusammen mit dem frisch angetrauten Göttergatten einen düsteren Herrensitz bezieht und dort allmählich mit Dingen (oder Schikanen) konfrontiert wird, die sie langsam, aber sicher am eigenen Verstand zweifeln lassen und später nicht selten auch ihr Leben bedrohen. Und natürlich mag der derart immer tiefer in die Verzweiflung getriebenen Dame in seelischer Not niemand so recht Glauben schenken; die Polizei nicht, die Freunde nicht und auch der Ehemann nicht. Obwohl der Letztere dies zumeist nicht ohne Grund tut…

Ach - und häufig spielt auch ein in der Vergangenheit geschehener Mord eine gewichtige Rolle.

Rebecca - vom Winde verweht

In REBECCA (USA 1940) heißt das düstere Anwesen "Manderley" und die junge, schüchterne Frau aus einfachen Verhältnissen, die der schwerreiche, verwitwete Aristokrat Maxim de Winter überraschend heiratet und auf seinen Familiensitz mitnimmt, schlicht und ergreifend "die zweite Mrs. de Winter".
Die erste "Mrs. de Winter" war nämlich die Titel gebende Rebecca, die vor Jahren unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen ist und über deren Tod Maxim nie richtig hinweggekommen zu sein scheint. Auch die dämonische Hausdame Mrs. Danvers hat die Verstorbene, deren Geist auf Manderley noch allgegenwärtig ist, geradezu vergöttert und macht keinen Hehl daraus, was sie von der neuen Frau des Hausherrn hält. Daran droht die ohnehin schüchterne und mit Komplexen behaftete zweite Mrs. de Winter zu zerbrechen…

Wahrscheinlich hätte schon der fast selbstredend vom "Sire of Suspense" Alfred Hitchcock inszenierte REBECCA das Thema des klassischen psychologischen Thrillers Note für Note durchgespielt, doch das wussten die seit jeher in erster Linie auf den Kommerz bedachten Hollywoodproduzenten zu verhindern.

REBECCA war Hitchcocks erster Film in der Traumfabrik, nachdem er von Europa in die Staaten übergesiedelt war. Und gleich bei seinem amerikanischen Debüt musste der Meister feststellen, dass er nicht mehr die freie Hand wie noch bei seinen britischen Arbeiten haben würde; und mehr noch; dass er sich den Wünschen seiner Geldgeber auf schmerzliche Weise zu beugen hatte.

Rebecca
Rebecca

Hitchcocks Finanzier bei REBECCA war David O. Selznick und der hatte gerade mit dem allseits bekannten Rührstück GONE WITH THE WIND (Vom Winde verweht, USA 1939) das Geräusch klingelnder Kassen lieb gewonnen. Daher bestand er darauf, dass die Thrillerelemente in dieser filmischen Adaption eines Daphne du Maurier-Romans keinesfalls die Versatzstücke des romantischen Melodrams überwiegen durften.

Als Resultat erwartete Selznick nämlich einen Film, den er dem GONE WITH THE WIND-Publikum gut verkaufen konnte.

Zur Folge hatte dies, dass Hitchcock seine ursprünglich geplante Version von REBECCA nicht verwirklichen konnte und dem Ganzen die Spitze nehmen musste. Doch dem großen Regisseur gelingt es trotzdem einigermaßen geschickt die Klippen zur Schnulze zu umschiffen und die merkwürdige Liebesgeschichte zwischen Maxim de Winter und seiner zweiten Frau lange Zeit mysteriös und damit spannend zu gestalten.

Auch wenn hier und da die Romantik die Suspense etwas verwässert und man insbesondere dem Schluss anmerkt, dass man gängigen Moralvorstellungen nicht allzu widerlaufen wollte, bietet das Finale dennoch eine Mordermittlung und einen kleinen Erpressungssubplot.

Rebecca
Rebecca

Schade, dass man dem psychologischen Duell zwischen der neuen Mrs. De Winter und der finsteren Hausdame Mrs. Danvers nicht mehr Platz zugestanden hat. Insbesondere die Szene zwischen den beiden Frauen an einem in halsbrecherischer Höhe gelegenen (und natürlich geöffneten) Fenster zählt zu den heimlichen Höhepunkten von REBECCA.

Erfolgreich wurde der Film trotzdem. Zwei Oscars® bekam er. Einen für die beste Bildregie und einen in der Kategorie des "besten Films des Jahres".
Bezeichnenderweise ging der allerdings nicht an den Regisseur Alfred Hitchcock, sondern an den Produzenten David O. Selznick.

Wenn die Gaslichter flackern ...

Selznick zum Undank durfte der Hitch bei seiner (natürlich trotzdem sehenswerten) REBECCA mit der Suspense-Keule nicht so hart wie gewohnt zuschlagen und auch manch fieser Twist wurde in die Verdammnis der nicht akzeptierten Drehbücher geschickt.

Gaslight
Gaslight

Somit ist der aus dem Königreich der gepflegten Kriminalliteratur stammende GASLIGHT (Gaslicht, Großbritannien 1940) das offiziell anerkannte frühe Muster eines urtypischen Psychothrillers.

Da ich das von Thorold Dickinson inszenierte Original leider (noch) nicht kenne, müssen wir uns an das vier Jahre später gedrehte amerikanische Remake halten.

GASLIGHT (Das Haus der Lady Alquist, USA 1944) trägt nicht nur den gleichen Originaltitel, sondern hat auch die viktorianische Atmosphäre über den See gerettet. Und die Handlung ist so ziemlich identisch:

Einst wurde die glamourvolle Diva Lady Alquist in ihrem viktorianischen Londoner Anwesen ermordet. Viele Jahre später heiratet der Amerikaner Gregory die junge Nichte der Lady und überredet sie mit ihm nach London in das Mordhaus zu ziehen. Und das obwohl die Frau traumatische Erlebnisse mit dem Anwesen verbindet. Doch dies war ohnehin nur der erste Schritt in einem perfiden Plan, mit welchem Paula, die Nichte der Lady Alquist, systematisch in den Wahnsinn getrieben werden soll…

Wenn man bedenkt, welcher kruden Mittel sich heuer die Psychoterroristen in den abseitigen Genres bedienen, mutet es anfangs fast schon lächerlich an, wenn der scheinbar überfürsorgliche, aber in Wahrheit durch und durch diabolische Männe Gregory mit "verlegten" Broschen und dergleichen die ersten Nadelstiche in die verwundbare Psyche seiner Gattin setzt.

Doch im weiteren Verlauf von GASLIGHT entpuppen sich die fiesen Tricks und Einredungen Gregorys als immer perfider und effizienter, so dass sich die einst lebenslustig singende Paula schnell in eine Agoraphobikerin verwandelt, die sich kaum noch vor die eigene Haustür traut. Schon ein Filmdrittel später ist der vormals so glücklich verliebte Sonnenschein nur noch ein psychisches Wrack, welches offenbar kleptomanischen Zwängen unterliegt und darüber hinaus Stimmen und Geräusche hört, wo keine sein dürften.

George Cukor, dessen Musical MY FAIR LADY genau zwanzig Jahre später mit 8 Oscars® bedacht werden würde, schildert den vorgezeichneten Weg ins Irrenhaus ruhig und böse in ausgesucht viktorianischer Atmosphäre und kann dabei auf damalige Schauspielergrößen wie Charles Boyer, Ingrid Bergman und Joseph Cotten zurückgreifen.

Boyer mit seiner stets zur passenden Gelegenheit diabolisch oder vorwurfsvoll hochgezogenen Augenbraue sieht ohnehin wie der geborene Heiratsschwindler aus. Auch die kurzen, aber heftigen Momente, wenn er die Contenance verliert und der hinter der fürsorglichen Fassade schlummernde jähzornige Teufel durchbricht, sind Höhepunkte in einem feinen Genreklassiker, der es versteht die Spannung bis zum knackigen Finale stetig ansteigen zu lassen.

In einer Nebenrolle als vorlautes Dienstmädchen sehen wir die damals erst achtzehnjährige Angela Lansbury, die vielen aus der in den 80ern entstandenen TV-Serie MURDER, SHE WROTE (Mord ist ihr Hobby, USA 1984ff.) bekannt sein dürfte.

Wer Reisen in längst vergangene Kinoepochen nicht scheut und spannender Unterhaltung in stimmungsvollen Schwarz/weiß nicht abgeneigt ist, sollte sich GASLIGHT nicht entgehen lassen. Das Resümee lautet: Vier Sterne-Psychoterror nach guter alter viktorianischer Art!

Im Auge des Wahnsinns

Wer kennt den kanadischen BLACK CHRISTMAS (Jessy - Die Treppe in den Tod) aus dem Jahr 1974? Vielen wird er wahrscheinlich nur ein Begriff sein, weil 2006 sein modisch-blutig aufbereitetes, aber alles andere als misslungenes Remake in die hiesigen Kinos gekommen ist.

Kein Wunder, denn diese bereits vier Jahre vor Carpenters HALLOWEEN entstandene Perle des Slasherfilms wird schon seit jeher sträflich unterschätzt und belächelt. Auch wenn das Original sehr viel subtiler vorgeht und im Gegensatz zum splattrigen Update weit weniger auf graphische Gewalt setzt, bietet es neben ein paar relativ unblutigen, aber schön gialloesken Morden die wohl aberwitzigsten obszönen Telefonanrufen der Filmgeschichte und setzt seinen Killer auf recht beklemmende Art und Weise in Szene.

Spiral Staircase
The Spiral Staircase

Diesen bekommt man nämlich nie wirklich zu Gesicht, und wenn doch, sieht man von ihm bestenfalls ein irr zwischen dem dunklen Türspalt hervorglotzendes Auge.

Seit ich letztens Robert Sidomaks THE SPIRAL STAIRCASE (Die Wendeltreppe, USA 1945) gesehen habe, weiß ich auch endlich, wo sich BLACK CHRISTMAS-Regisseur Bob Clark diesen Kniff abgeschaut hat.

Auch der Mörder in THE SPIRAL STAIRCASE, welcher es auf körperlich behinderte Frauen abgesehen hat und nun auch der stummen Bediensteten Helen nach dem Leben trachtet, tritt oftmals lediglich als Closeup in Erscheinung. Der zeigt dann meistens nur die eiskalten Killeraugen. Und wenn es stimmt, dass die Augen die Fenster zur Seele sind, lachen uns aus diesen ein paar handfeste Psychosen an.

Denkwürdig ist hierbei insbesondere die Szene, als sich die stumme Helen förmlich in die Netzhaut des Killers einbrennt, sich dort aber als Frauengesicht ohne Mund zeigt. Diese Sequenz belegt, dass sich dieser 65 Jahre alte Film alles andere als altbacken präsentiert, sondern recht originell psychologische Abgründe zu visualisieren versteht.

Ein zweites Glanzstück solcher Art findet sich in der Vision einer stummen Hochzeit, welche die Qual der Hauptprotagonistin über ihr Handicap verdeutlicht und unmissverständlich zeigt, wie sehr sie noch unter dem Trauma, welches ihr einst die Stimme nahm, leidet.

Eine weitere Vorwegnahme späterer Genreroutinen bedeutet der Umstand, dass der Killer nicht aus Habgier, sondern offenbar unter psychotischem Zwang tötet.

Und wenn man vom Killer anfangs nicht nur das Auge, sondern die ganze mit Regenmantel, Schlapphut und Handschuh ausstaffierte dunkle Gestalt im Bild hat, kommt dem Zuschauer unwillkürlich der italienische Giallo in den Sinn; und das obwohl dieser erst rund zwei Jahrzehnte später in all seiner Pracht von Mario Bava begründet werden sollte.

Ansonsten herrscht im großen Landhaus mit der Wendeltreppe, in welchem Helen am Ende vor dem unheimlichen Mörder fliehen muss, ein ausgesucht gotisches Ambiente vor. Gewitternächte. Flackernde Lichter. Schatten an den Wänden. Düstere Treppenaufgänge, dunkle Kellerräume.

Freunde alter Gruselfilme werden sich in dieser schwarz/weißen Schauerwelt sicher recht schnell einleben und insbesondere bei der herrlich komponierten Mordszene im Keller auf ihre Kosten kommen.

Ganz so gelungen wie das psychologische Detail und die gotische Atmosphäre ist der Spannungsaufbau leider nicht. Hier und da hätte man sich schon etwas mehr Tempo und ein paar Längen weniger gewünscht, aber zum Pflichtprogramm alter Klassiker gehört die alles in allem schön atmosphärische und düstere SPIRAL STAIRCASE dennoch.

Chop, chop till he’s dead: Southern Psychothrill rocks!

Zum Abschluss dieses ersten Teils unseres voraussichtlich fünfteiligen Service wollen wir einen kleinen Abstecher in die Sechziger wagen. Dort stoßen wir auf ein besonders edles Juwel und einen meiner persönlichen Favoriten zum Thema "Verrückter Wohnen": Nämlich Robert Aldrichs HUSH… HUSH, SWEET CHARLOTTE (Wiegenlied für eine Leiche, USA 1964).

Zwar immer noch in stimmungsvollen Schwarz/weiß gedreht, deutet eine in den ersten zehn Minuten in Großaufnahme abgeschlagene Hand als Auftakt zu einem blutigen Hackbeil-Mord an, dass die Zeiten auch im klassischen Psychothriller derber geworden sind.
Zum Vorspann singen dann fröhliche Kinderstimmen:

"Chop, chop, Sweet Charlotte
chop, chop till he’s dead!
Chop, chop, Sweet Charlotte
Chop off his hand and head…"

Die dieser Art besungene süße Charlotte ist mittlerweile eine betagte, sonderliche und fluchende Südstaaten-Missy, die allein mit ihrer schrulligen Haushälterin Velma in der alten, heruntergekommenen Südstaatenresidenz ihres verstorbenen Vaters lebt.
Auch wenn Charlotte dafür nie belangt wurde, ist ganz Louisiana davon überzeugt, dass sie diejenige war, die während einer Ballnacht vor vielen Jahren den verheirateten Liebhaber um Hand und Kopf erleichtert hat, nachdem er ihr den Laufpass gegeben hat.

Heuer fahren Bagger auf ihrem Grundstück auf, weil ihr Heim binnen Wochenfrist Platz für eine neue Brücke machen soll. Doch diese Probleme treten in den Hintergrund, als sich nach all den Jahren offenbar der ermordete Lover aus dem Jenseits zurückmeldet und des Nachts das eigens für Charlotte komponierte Schlummerlied auf dem Klavier spielt…

Ein Schelm, wer da eine Verschwörung wittert.

Und für mich eine gute Gelegenheit auf ein kleines, grundsätzliches Problem des klassischen Psychothrillers hinzuweisen. Wer ein paar dieser alten Labile-Frauen-in-düsteren-Häusern-Flicks gesehen hat, wird schnell feststellen, dass sich die Plots ähnlich unflexibel wie die der Slasher- und Backwoodstreifen aus dem Horrorbereich erweisen. Dies geht Hand in Hand mit einer gewissen Vorhersehbarkeit und selbst Ausnahmen, die diese Regel bestätigen, sind rar gesät.

HUSH…HUSH, SWEET CHARLOTTE
Nicht so schreckhaft, Charlotte!

Eher selten wird dem Zuschauer ein so umfangreiches Tablett an Verdächtigen und Red Herings wie etwa in MIDNIGHT LACE (Mitternachtsspitzen, USA 1960) geboten. Weit häufiger hat der "Home is not my castle"-Psychothriller nur eine dürftíge Auswahl an Personen, die hinter den bösen Machenschaften stecken könnten, im Angebot. Somit ist die Frage nach dem Whodunit des Öfteren ebenso schnell beantwortet wie die nach dem Warum.

Aber das tut HUSH…HUSH, SWEET CHARLOTTE keinen Abbruch.

Nach dem fulminanten Hackbeil-Einstieg mutet das erste Drittel trotz toller Schauspieler und guter Dialoge etwas zu geschwätzig an, doch spätestens im Mittelteil werden die Spannungsschrauben angezogen wie in einem hochnotpeinlichen Verhör. Selten wurde gespenstischer und atmosphärischer konspiriert wie hier. Charlottes Nächte werden zu regelrechten Alpträumen und selbst vor Mord schrecken die Verschwörer nicht zurück, um Charlotte auch todsicher in den Genuss ihrer Einweisung zu bringen.

Bis zum unglaublich packenden Finale gibt es viel mitternächtliches Klavierspiel, enthauptete Ex-Lover und einen surrealen, drogenumnebelten Gespensterreigen.

Und wenn du denkst, du hättest das Spiel längst durchschaut, knallt dir Robert Aldrich auf den letzten Metern doch noch ein paar Twists um die Ohren, dass es eine wahre Freude ist.

Zum Zungenschnalzen ist auch der Cast dieses alten Schauerstücks. Agnes Moorehead als kauzige Haushälterin ist einfach nur göttlich und seinerzeit sicherlich nicht umsonst für einen Oscar nominiert worden. Joseph Cotten war selten schmieriger als hier und Olivia de Havilland als Charlottes Cousine wird insbesondere im letzten Drittel beängstigend wütend.

HUSH…HUSH, SWEET CHARLOTTE
Olivia de Havilland in Sweet Charlotte

Doch über allen steht natürlich die irrwitzige Performance der Großen Alten Dame des Psychothrillers - Bette Davis.

Wie sie mit dem Gewehr Bauarbeiter von ihrem Grund und Boden jagt. Wie sie Cousine Olivia mit wenig schmeichelhaften Namen belegt. Wie sie nachts nach ihrem gewaltsam verblichenen John ruft, dessen Tod sie all die Jahre über gar nicht realisiert hat. Wie sie zur tobenden Furie wird, als eine Bedienstete es wagt, die einst von John geschenkte Spieluhr anzurühren. Und dann diese personifizierte Hysterie, als John des Nachts durch ihr Haus zu geistern scheint…

Fürwahr - Bette Davis als verwirrte, unflätige Südstaaten-Belle ist eine gern genommene Abwechslung zu den üblichen Damsels in Distress des klassischen Psychothrillers, die zumeist liebreizend und nett wie Ingrid Bergman, Joan Fontaine, Jennie Linden oder gar Doris Day sind.

Ich bin mir fast sicher. Das "Wiegenlied für eine Leiche", dieses einschmeichelnde "Hush…Hush, Sweet Charlotte" wird euch als psychotischer Ohrwurm noch lange nach der anrührenden Schlusssequenz im Kopf herumschwirren…

Keine Frage: The South has risen again!

And we will rise again mit mehr filmischer Psychopharmaka mit Bette Davis. Dann wollen wir auch die eigentlich auf gotischen Horror spezialisierten Hammer-Studios auf ihren Ausflügen ins Reich der Unhappy Home-PsychoThriller begleiten.

In diesem Sinne: Hush…Hush, meine Freunde! Stay tuned for more Psychothrill. Bis demnächst!

TEXT © Christian Ade


Suche

Suche


Schenk uns deine Liebe auf Facebook.