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Hotel

Hotel

MYSTERY: A/D, 2004
Regie: Jessica Hausner
Darsteller: Franziska Weisz, Marlene Streeruwitz, Birgit Minichmayr, Peter Strauß

STORY:

Die junge Berufsanfängerin Irene nimmt ihre Arbeit als Rezeptionistin in einem an einem düsteren Wald grenzenden Hotel auf. Dieses entpuppt sich schnell als ein Ort des Unbehagens und die schüchterne Irene wird mit Kollegen konfrontiert, die sie schneiden und mit einer unheimlichen Sage über eine gespenstische Kräuterfrau, die in einer nahen Grotte umgehen soll. Als Irene erfährt, dass ihre Vorgängerin spurlos verschwunden ist, beschleicht sie eine dunkle Vorahnung im Hinblick auf ihr eigenes Schicksal.

KRITIK:

Diese deutsch-österreichische Gemeinschaftsproduktion bietet gefährlich schwärende Isolation in einem düsteren, beklemmenden Hotel wie SHINING, aber keine lebende Tote in einer Badewanne in einem abgeschlossenen Zimmer und auch keinen Irren, der seine Familie mit der Axt über einsame Hotelflure jagt. Wie das BLAIR WITCH PROJECT weiß auch HOTEL von einer Schauerlegende zu berichten, die von einer gespenstischen Frau im Wald handelt und von Menschen, die spurlos im Tann verschwinden. Doch bei HOTEL wurde keine wacklige Handkamera verwendet; die Bilder sind gestochen scharf, in Perspektive, Beleuchtung und Stimmung perfekt durchkomponiert, aber kaum weniger düster und beunruhigend als die aus den verfluchten Wäldern von Maryland.

HOTEL nimmt zweifelsohne einige Horrorfilm-Reminiszenzen in Anspruch, aber jede Wette, dass die österreichische Regisseurin Jessica Hausner ihr Werk mehr im seriösen als im Genrekino verortet sieht. Und natürlich würde ich ihren Film nur an meinen cineastischen Abenden ansehen und nicht dann, wenn der Horrorhöllenhund bellt und nach Gore und Schocks geifert.

Horrorfilmfans werden mit HOTEL ganz sicher nicht warm. Denn der Film ist bar von jeglichem Schockmoment und die ganze Laufzeit über sieht man nicht einen Blutstropfen. Müsste ich HOTEL klassifizieren, würde ich den Film als Arthouse-Mysterythriller bezeichnen. Das Fehlen von offensichtlichen Schockeffekten und das äußerst langsame Tempo bedeuten aber nicht, dass die Geschichte keine beunruhigende Wirkung hätte. Auf schleichende, tiefgründige Art ist HOTEL sogar eine extrem düstere Angelegenheit geworden. Naturgemäß sollte ein Hotel eine gastliche Herberge sein, ein Hort der Erholung und Behaglichkeit. Jessica Hausners HOTEL jedoch ist ein durch und durch kaltes, freudloses Haus. Die Menschen darin, wie überhaupt alle Menschen im neuen Umfeld der jungen, unsicheren Rezeptionistin Irene sind verschlossene, bisweilen feindselige Zeitgenossen. Alle Dialoge, selbst die nach einem Kuss, sind äußerst kurzangebunden, beinahe nichts sagend. Kommunikation, die eigentlich nicht stattfindet, längst zum Erliegen gekommen ist. Und selbst die Telefonate, die Irene mit ihrer Mutter führt, bestehen nur aus wenigen Worten, die aber deutlich machen, dass man sich für Irene auch zuhause kaum interessiert.

In der Hauptrolle sehen wir Franziska Weisz. Beeindruckend wie sie diese zerbrechliche Seele spielt, die zwischen Schwimmbad, nächtlichen Hotelkorridoren, trostlosen Dorfdiskotheken und finsteren Waldgrotten pendelt und droht auf ihren abendlichen Rundgängen endgültig verloren zu gehen.

Hausner dokumentiert Irenes Weg in die Dunkelheit mit stillen, beklemmenden Bildern, die weitestgehend ohne Musikeinsatz auskommen müssen und lediglich mit Umweltgeräuschen unterlegt sind. Tiefe Töne und entferntes Brummen aus dem Heizungskeller untermauern auch akustisch die unkomfortable Grundstimmung in diesem Hotel, welches somit zur sichtbaren Architektur des von Zweifeln, Ängsten und Unsicherheiten geprägten Seelenlebens der Hauptprotagonistin wird. Dabei behandelt HOTEL nicht nur deren Psychologie, sondern auch die einer kälter gewordenen Gesellschaft.

Nach 73 Minuten endet der Film beinahe abrupt, vielleicht auch etwas unbefriedigend, weil uns die Antwort auf die Frage, was denn nun in den unheimlichen Wäldern ringsum das Hotel gelauert hat, vorenthalten wird. Andererseits ist es auch ein konsequenter Schluss ohne Auflösung. Es bleibt uns überlassen, die Geschehnisse am Ende zu interpretieren. Und es gibt diesem finsteren, österreichischen Waldhotel einen Hauch vom PICKNICK AM VALENTINSTAG.

Hotel Bild 1
Hotel Bild 2
Hotel Bild 3
Hotel Bild 4
FAZIT:

Still und düster beschäftigt sich dieses deutsch-österreichische Arthouse-Mystery mit der zerbrechlichen Psyche einer unsicheren jungen Frau in einer kalt gewordenen Gesellschaft. Der Grundton bewegt sich in Horrorfilmnähe, doch auf Schockeffekte wird komplett verzichtet. Faszinierend sind aber die unbehaglichen, klug arrangierten Bilder, die die kafkaeske Stimmung in diesem Hotel perfekt visualisieren. Doch bitte kein deutschsprachiges SHINING erwarten; für Genrefans wurde HOTEL nicht gemacht. Was geboten wird, ist leises, cineastisches Schaudern mit Niveau, Gesellschaftskritik und viel Raum für Interpretationen. Eine Studie über Isolation, die in gewisser Weise bedrückender als viele "richtige" Horrorfilme wirkt.

WERTUNG: 8 von 10 verlorene Glücksbringer
TEXT © Christian Ade
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Dein Kommentar >>
Nic | 10.02.2011 16:40
hoffentlich wieder mal im TV zu sehn, ist mir nicht das geld wert ;)
Harald | 10.02.2011 20:59
9,90 in der Edition Der Standard wird jetzt nicht den Pleitegeier über dir kreisen lassen, oder?
Lesotho | 16.02.2011 10:57
Doch, der Film lohnt mindestens 10€;-) Und Franziska Weisz sowieso!
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