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Man-Eater (Der Menschenfresser)

Man-Eater (Der Menschenfresser)

OT: Antropophagus
HORROR: ITALIEN, 1980
Regie: Joe D´Amato
Darsteller: Tisa Farrow, Saverio Vallone, George Eastman, Zora Kerova

STORY:

Eine Gruppe junger Leute auf einem Segeltörn im ägäischen Meer. Sie stranden auf einem scheinbar verlassenen Eiland. Was sie nicht ahnen: Alle Inselbewohner wurden getötet - von dem nach einem tragischen Schiffsunglück zum wahnsinnigen Kannibalen degenerierten Millionär Nikos Karamanlis…Und der Menschenfresser lauert noch immer dort... -

KRITIK:

Von allen Desperados, die das Heilige Römische Splatterkino in den ausgehenden Siebzigern bis Mitte der Achtziger in blutrünstiger Mission in alle Welt entsendet hat, ist Joe D´Amatos MAN-EATER einer der gefürchtesten. Seine berüchtigte "Fötusszene" brachte dem Streifen einige Verbote ein und machte die Filminquisition insbesondere in Deutschland besonders scharf. Was nicht zuletzt eine beispiellose Beschlagnahmungswelle und Erwachsenenbevormundung nach sich gezogen hat, die teilweise bis heute andauert.

Was jetzt eigentlich nach einer sicheren Bank für den Gorehound klingt, ist in Wahrheit auch im Fandom äußerst umstritten. Denn der ANTHROPOHAGUS -so der andere gängige Titel des Films- stößt selbst im harten Lager nicht überall auf Gegenliebe. Dort nimmt man ihm zwar nicht seine geschmacklosen Ausfälligkeiten übel, sondern unterstellt ihm schlicht und ergreifend Längen. Dies hat übrigens auch der Genrekenner Trebbin in seinem Kompendium "Die Angst sitzt neben dir" getan, wo der MAN-EATER wie übrigens jeder andere D´Amato auch kategorisch mit einem Totalverriss bedacht worden ist.

Doch der Menschenfresser hat auch Freunde und Bewunderer, von denen er kultisch verehrt wird. Schaut bei der Gelegenheit - siehe diesen Link - mal auf die wahrlich beeindruckende inoffizielle Website zum Film, die die beiden deutschen ANTHROPOHAGUS-Koryphäen Udo Schubert und Björn Thiele in einem Jahrzehnt der Recherche zusammengebastelt haben. Da haben die Jungs einige interessante Infos ausgegraben, wie etwa jene, dass sich unter den deutschen Synchronsprechern die Herren Heiner Lauterbach und Elmar Wepper befunden haben oder auch die, dass die Nebendarstellerin Margaret Mazzantini später eine Karriere als Bestsellerautorin eingeschlagen hat. Und auch Schubert und Thiele haben erkannt, dass ANTHROPOPHAGUS die Lager in bester "Love it or leave it!"-Manier spaltet.

Dabei ist MAN EATER neben den vier großen Zombiefilmen von Lucio Fulci, der spanischen Co-Produktion LIVING DEAD AT MANCHESTER MORGUE, Deodatos CANNIBAL HOLOCAUST und dem ebenfalls von D´Amato stammenden BUIO OMEGA der vielleicht essentiellste in den Reihen der italienischen Splatterfilme. Seine gesamte Laufzeit über offenbart er nämlich das, was man als Herz und Seele des harten Horrorfilms bezeichnen könnte und beweist nebenbei dass sich ein Opus Magnum nicht in letzter Konsequenz über Perfektion definieren muss.

Denn MAN-EATER ist bei objektiver Betrachtung alles andere als perfekt: Die Inszenierung ist nicht die Sorgfältigste und wirkt phasenweise sogar etwas schludrig. Die schauspielerischen Leistungen sind trotz dem Mitwirken bekannter, aber sicher nicht hochbegabter Genre-Sternchen wie Tisa Farrow (WOODOO-SCHRECKENSINSEL DER ZOMBIES), Zora Kerova (CANNIBAL FEROX, HORROR-SEX IM NACHTEXPRESS) und der hier "schwangeren" Serena Grandi (DELIRIUM-PHOTO OF GIOIA) äußerst überschaubar; wobei George Eastman an dieser Stelle einmal ausgenommen sei.

Denn der ehemalige Wrestler Eastman, von dem übrigens auch das Skript stammt, ist mit einer Körpergröße von weit über 2 Metern natürlich wie gebacken für die Titelrolle des wahnsinnigen Kannibalen. Dagegen sind die Effekt- und Maskenarbeiten qualitativ fast schon schmalbrüstig. Die Bluteinlagen sind unübersehbar preiswert arrangiert, aber immer schön krude.

Und waren erwiesenermaßen wirkungsvoll genug, um seinerzeit für Hochbetrieb bei Staatsanwaltschaft, Medien und Filmbeschneidung zu sorgen und dem Film seinen Platz im Schatten des Paragraphen 131 auf Ewigkeit zu sichern.

Absolut nicht als Manko sehe ich den Minimalismus in den Dialogen, der Figurenzeichnung und in Giombinis Score (welcher eigentlich nur in den von griechischer Musik-Folklore inspirierten Teilen den Bereich des Atonalen verlässt). Hier ist Weniger definitiv Mehr und wichtiger Bestandteil der finsteren, alptraumhaften, ganz eigentümlichen Atmosphäre von MAN-EATER.

Nach den Auftaktsmorden an dem deutschen Touristenpärchen an einem einsamen Strand stellt der Film seine Zuschauer vor eine Geduldsprobe, die offensichtlich viele Gorehounds überfordert. MAN-EATER lässt sich viel Zeit damit, Spannung aufzubauen und hält das Titel gebende kannibalische Monster und damit die extremen Goreeinlagen bis fast ins Schlussdrittel unter Verschluss.

Was hier nicht wenige mit Langeweile verwechseln, ist in Wirklichkeit die meisterlich arrangierte, konsequente Verdichtung einer unheilvollen, bedrohlichen Stimmung. D´Amato führt uns in diesem fast schon genialen Splatterfilm von einer ganz offensichtlich trügerischen Urlaubsidylle in ein bedrückendes, verwaistes Geisterdorf und lässt den Alptraum gegen Schluss in einer von Gebein übersäten Katakombe und einer finsteren Villa auf das Grausigste eskalieren. Dann schlägt der -Filmzitat-"nach Menschenblut riechende" MAN-EATER erbarmungslos zu, fällt wie eine hungrige Bestie über die Urlauber her - aufgebissene Kehlen, aus dem Mutterleib gerissene Ungeborene, Gedärmefressen neben dem Brunnenschacht.

Wenn man sich auf das Tempo und die Geschmacklosigkeiten des Films einlassen kann und will, ist MAN-EATER auf jeden Fall ein Film, der es immer wieder versteht, den Zuschauer in seinen finsteren Bann zu schlagen.

Man-Eater (Der Menschenfresser) Bild 1
Man-Eater (Der Menschenfresser) Bild 2
Man-Eater (Der Menschenfresser) Bild 3
Man-Eater (Der Menschenfresser) Bild 4
Man-Eater (Der Menschenfresser) Bild 5
Man-Eater (Der Menschenfresser) Bild 6
FAZIT:

In der trostlosen, bedrückenden Geisterstadtatmosphäre einer verwaisten Urlaubsinsel vor dem hungrigen Auge einer langen unsichtbaren Gefahr kommen einem die Protagonisten in MAN-EATER tatsächlich wie Todgeweihte vor… - Puristischer Splatterklassiker, der geradezu grandios eine bedrohliche Atmosphäre aufbaut und diese in einigen besonders grausigen Momenten -etwa seiner berüchtigten "Fötus-Szene"- eskalieren lässt. MAN EATER hatte maßgeblichen Anteil an der bundesdeutschen Mobilmachung gegen den Horrorfilm und der Verbotswelle, die diese nach sich gezogen hat. Auch wenn der Film selbst im Fandom äußerst umstritten ist, zählt er in meinen Augen zur Essenz des italienischen Splatterfilm.

WERTUNG: 9 von 10 scheinbar menschenleeren Inseln
TEXT © Christian Ade
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SEX/HORROR: I, 1977
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NUNSPLOITATION: ITALIEN, 1979
7/10
Emanuelle in America
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SEXPLOITATION: I, 1978
6/10
Dein Kommentar >>
Marcel | 15.03.2010 17:11
Schöne Review. Muss allerdings zugeben, dass ich bislang um Man Eater einen Bogen gemacht habe, weil ich selten was gutes gehört habe (exakt die oben erwähnten Nachteile wurden betont). Mal sehen. Neugierig bin ich schon.
Chris | 15.03.2010 21:03
Danke. - Ja, der gute ANTHROPOPHAGUS war schon immer so eine guilty pleasure von mir. Am besten wirkt seine Atmosphäre, wenn man ihn allein und nach Mitternacht schaut.
Marcel | 07.05.2012 18:33
Heute nacht ab 0.15 Uhr gesehen. Alles richtig gemacht. Tolle Atmo der absoluten Verlorenheit. Die Ausgangslage ähnelt WHO CAN KILL A CHILD. Und keine Sekunde langweilig. Ich bin allerdings der Meinung, dass der Score nicht nur griechische Themen verwurstet, sondern später auch Händels Sarabande.
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