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Rimini

Rimini

DRAMA: A, 2022
Regie: Ulrich Seidl
Darsteller: Michael Thomas, Tessa Göttlicher, Hans-Michael Rehberg, Inge Maux, Claudia Martini Georg Friedrich

STORY:

Richie Bravo war einmal ein Schlager-Star. Doch das ist mehrere Dekaden her. Heute hält er sich mit Auftritten vor Pensionistinnen, die mit dem Autobus an die winterliche obere Adria gekarrt werden, mehr schlecht als recht über Wasser. Eines Tages steht Tessa, seine erwachsene Tochter, die er 15 Jahre lang nicht gesehen hat, vor ihm. Sie fordert Geld und Zuneigung. Richie versucht sein Bestes.

KRITIK:

Schlager also. Tja. Viele rümpfen da verächtlich die Nase oder rennen schreiend davon. Andere finden, dass heute eh alles oder zumindest alles Deutschsprachige irgendwie nach Schlager klingt, von Rammstein über Tocotronic bis Wanda und Bilderbuch. Und dann gibt es noch jene, die Schlager nicht ironisch verlachen, sondern die Sehnsüchte, die diese Musik bedient, und die Tragödien, von denen manche Texte handeln, ernst nehmen. Wie auch die Musik selbst. Wenige wissen zum Beispiel, dass ein gewisser Roy Black Fan von Joy Division war.

Fritz Ostermayer, der Mann hinter der FM4-Sendung Im Sumpf, weiß das. Zusammen mit Herwig Zamernik (Fuzzman, Naked Lunch) hat er die Lieder für diesen Film komponiert. Dass es sich um einen Film von Ulrich Seidl handelt, muss eigentlich nicht extra erwähnt werden; man sieht es von der ersten Einstellung an. Trademark-Tristesse könnte man es nennen, doch das ist nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich ist es so, dass der Schauplatz - das winterliche, verschneite, in dichten Nebel getauchte Rimini dem Film eine ganz spezielle melancholische Atmosphäre verleiht. Man kann dem Regisseur nur beipflichten, wenn er in Interviews sagt, dass Rimini im Winter mitnichten ein trostloser Ort ist - im Gegensatz zum Sommer, wenn die Hitze unerträglich ist und Zehntausende wie die Ölsardinen am Strand liegen.

Hier besitzt Richie Bravo (was für ein Name!) eine kleine Strandvilla, in der er Musik produziert, jede Menge Vodka konsumiert - Zitat: "Vodka ist beliebt in der Branche. Weißt warum? Den riecht man net." - und gelegentlich einsame Groupies beglückt. Der Film steht und fällt mit seinem Hauptdarsteller Michael Thomas. Ein Bild von einem Mann - zumindest für eine Handvoll verbliebener weiblicher Fans im besten Alter, die extra mit dem Bus angereist kommen. Im echten Leben war Thomas laut Wikipedia unter anderem Schwergewichtsboxer, Stuntman und Musicalsänger - ein Mann der vielen Talente also, der eine enorme physische Präsenz in den Film einbringt und den strauchelnden Schlagerstar Richie Bravo im wahrsten Sinne des Wortes verkörpert.

Apropos Körper: Sexualität spielt wie in jedem Ulrich Seidl-Film natürlich eine tragende Rolle. Die Szenen sind improvisiert, was ein großes Maß an Vertrauen zwischen SchauspielerInnen und Regisseur voraussetzt. Von Verhältnissen wie in Hollywood, wo in Sexszenen - wenn überhaupt - nur die Oberkörper zu sehen sind und jede noch so kleine Bewegung von einem sogenannten Intimacy Coach choreographiert wird, ist Ulrich Seidl denkbar weit entfernt. Das Ergebnis ist ein realistischer, wenn man so will wahrhaftiger Blick auf Körperlichkeit und Intimität. Aber lassen wir ihn das in seinen eigenen Worten erklären:

"Wir haben in unseren Köpfen so ein bestimmtes Schönheitsideal, wir haben Bilder im Kopf, wo die Menschen, die Sex miteinander haben, jung und schön sind und man sieht auch nur ganz gewisse Körperpartien. Und ich zeige es so, wie es eigentlich wirklich ist - für uns alle im normalen Leben. Und das Schockierende daran für manche Zuschauer, oder das Ungewöhnliche, ist, dass man das so nicht in seinem Kopf hat. Aber es ist eben die Wahrhaftigkeit, es ist einfach so, so ist es. So schaut man aus."

Quelle: Interview mit Ulrich Seidl auf der Website des Radiosenders FM4

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FAZIT:

Egal ob auf Reisen, im Keller oder im Sex-Urlaub: Ulrich Seidl blickt stets in die Abgründe der österreichischen Seele. In Rimini portraitiert er einen heruntergekommen Schlagersänger, bravourös verkörpert von Michael Thomas. Ein erwartungsgemäß arger, aber auch - ganz ohne Sarkasmus - wirklich schöner, berührender Film, der seine Figuren und ihre Tragödien nicht vorführt, sondern sich ihnen fast zärtlich nähert. Dringende Empfehlung. Schlager-Fan muss man keiner sein.

WERTUNG: 8 von 10 Tuben Gleitcreme
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