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GOOD MOVIES FOR BAD PEOPLE
Tokyo Decadence 2

Tokyo Decadence 2

OT: Ai no shinsekai
DRAMA/EROTIK/KOMÖDIE: Japan, 1994
Regie: Banmei Takahashi
Darsteller: Sawa Suzuki, Reiko Kataoka, Nagare Hagiwara, Nobuyoshi Araki

STORY:

Die beiden jungen Frauen Rei (Sawa Suzuki) und Ayumi (Reiko Kataoka) arbeiten als Prostituierte in Tokio. Rei ist eine Domina und schauspielert in ihrer Freizeit bei einer mittelprächtigen Theatergruppe. Ayumi verkauft sich als Schulmädchen und träumt davon die Frau eines Arztes oder Anwalts zu werden. Nur schaffen Ayumis Freunde gar nicht erst die Aufnahmeprüfung zum Studium. Rei und Ayumi begegnen sich bei ihrer Arbeit häufiger auf dem Weg zum nächsten Hotel und freunden sich miteinander an. Abgesehen von ihrem nicht alltäglichen Beruf verlaufen Ihre Leben wenig spektakulär. Trotzdem sind die beiden selbstbewussten Frauen glücklich und zufrieden.

KRITIK:

TOKYO DECADENCE 2 (1994) ist von seinem Tonfall her ein ganz anderer Film, als der zwei Jahre zuvor entstandene TOKYO DECADENCE (1992). Auch handelt es sich bei diesem Film um keine Fortsetzung des Erotik-Klassikers von Ryu Murakami. Bis auf die Tatsache, dass beide Filme Prostituierte in der BDSM-Szene Tokios zeigen, haben sie nicht viel gemeinsam. Die Titel TOKYO DECADENCE 1 & 2 gelten auch nur für die ausländischen Fassungen und wurden aus reinen Vermarktungsgründen erdacht. Der hier zu besprechende "zweite Teil" ist darüber hinaus auch unter NIGHTLIFE IN TOKYO bekannt. Man kann aber auf der anderen Seite auch nicht sagen, die beiden Filme hätten überhaupt nichts miteinander zu tun. Denn TOKYO DECADENCE 2 ist so frappierend anders als Murakamis Werk, dass er als ein bewusst geplanter Gegenentwurf erscheint.

Die Story zu TOKYO DECADENCE 2 stammt aus der Feder des berühmten japanischen Bondage-Fotografen Nobuyoshi Araki, der im Film auch als er selbst auftritt. Zahlreiche recht assoziativ in die Handlung eingestreute Schwarzweißfotografien scheinen ebenfalls von dem Künstler zu stammen. Der Regisseur Banmei Takahashi ist hingegen recht unbekannt und die meisten seiner Filme sind bisher auch nur in Japan erschienen. Der ganz große Meister scheint Takahashi auch nicht zu sein. Über weite Strecken wirkt die Inszenierung von TOKYO DECADENCE 2 sehr durchschnittlich. Nur die BDSM-Szenen sind auffällig stilisiert und warten mit einigen gelungenen visuellen Ideen auf. Am stärksten sticht eine Szene heraus, in der Rei das Licht dimmt und parallel hierzu das Bild entfärbt wird. Dies ist auch keine reine Spielerei, unterstreicht das Schwarzweißbild doch die Atmosphäre der Abgeschiedenheit, welche Teil von Reis "Spezialbehandlung" für besonders widerborstige Kunden ist.

Im Gegensatz zu der Prostituierten Ai in Murakamis Film, ist Rei keine sexuelle Sklavin, welche den oft perversen Wünschen ihrer Kunden mehr oder weniger hilflos ausgeliefert ist, sondern hat als Domina selbst die Kontrolle. So muss bei ihr ein Mafiaboss mit einer Kerze im Hintern nackt über den Boden kriechen. Bei Murakami gibt es eine analoge Szene, in der Ai mit einem mit Klebeband befestigten, eingeführten, laufenden Vibrator ebenfalls nackt herumkriechen muss. Dies ist eine der zahlreichen Umkehrungen, die Araki in seinem Skript macht. Sie sind so auffällig, dass der Eindruck entsteht TOKYO DECADENCE 2 wäre Arakis direkte Antwort auf Murakamis Film. Diese Antwort besagt, dass das Bild, welches TOKYO DECADENCE entwirft sehr einseitig ist und deshalb einer ergänzenden Alternativversion bedarf.

Rei und Ayumi sind keine Opfer einer kalten Umwelt, sondern fröhliche, selbstbewusste Frauen, die ihr Leben selbst in der Hand haben. Dass ihre Hobbies (Theater) oder Träume (Arztfrau) recht banal sind bzw. sich wahrscheinlich gar nicht erst erfüllen werden, ist für beide keine Katastrophe. Sie sind mit ihrem Leben, wie es ist zufrieden und erfreuen sich an ihrer Freundschaft und einem freundlichen, warmen Umfeld. Der Mafiaboss verliebt sich in Rei und eine Kollegin von Ayumi heiratet einen ehemaligen Kunden. Letzteres zeigt, dass im Gegensatz zu dem, was bei Murakami gesagt wird, auch die Prostituierten auf eine Heirat hoffen dürfen. Auch wird der Anlass groß zusammen mit der ganzen "Agentur" gefeiert. Bei Murakami gibt es hingegen eine traurige Szene, in der eine Kollegin von Ai an einem einzelnen Tisch alleine ihren Geburtstagskuchen essen muss, weil sich dort niemand für sie interessiert.

Tokyo Decadence 2 Bild 1
Tokyo Decadence 2 Bild 2
Tokyo Decadence 2 Bild 3
Tokyo Decadence 2 Bild 4
Tokyo Decadence 2 Bild 5
Tokyo Decadence 2 Bild 6
Tokyo Decadence 2 Bild 7
FAZIT:

TOKYO DECADENCE 2 ist das genaue Gegenstück zu Murakamis trostlosem Film TOPAZU aka TOKYO DECADENCE. Beide Filme zeigen Prostituierte in der BDSM-Szene Tokios. Doch während TOPAZU eher eine Tragödie ist, ist TOKYO DECADENCE 2 über weite Strecken eine Komödie. Dabei schwankt der leichtfüßige Film zwischen Banalität und Kunstanspruch, punktet jedoch zusätzlich durch seine äußerst frische Atmosphäre. Fast zehn Jahre vor SECRETARY (2002) dürfte TOKYO DECADENCE 2 auch das allererste echte BDSM-Feelgood-Movie sein.

WERTUNG: 7 von 10 mal auf den Strich gegangen und Spaß dabei gehabt.
TEXT © Gregor Torinus
Dein Kommentar >>
Dieter | 27.09.2013 22:48
Sorry, wenn ich da widerspreche, doch die Handlung kam mir persönlich beinahe wie ein exakter Abklatsch des "ersten Teils" vor.....naja, meine Meinung....
>> antworten
Johannes | 10.09.2013 21:39
Ich glaub den hab ich sogar auf DVD; den muss ich dann
jetzt mal rauskramen und bei Gelegenheit gucken.:-)
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