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Von Angesicht zu Angesicht

Von Angesicht zu Angesicht

OT: Faccia a Faccia
WESTERN: ITALIEN, 1967
Regie: Sergio Sollima
Darsteller: Tomas Milian, Gian Maria Volonté, William Berger

STORY:

Geschichtsprofessor Brad Fletcher legt krankheitsbedingt seine Professur nieder und zieht zur Erholung nach Texas. Dort wird er Geisel des flüchtigen Gangsters Beau Bennett. Zunächst sind beide nur widerwillig aufeinander angewiesen, langsam wächst aber der Respekt. Und die verschiedenen Rollen - hier der pazifistische Intellektuelle, dort der ausschließlich seinen Instinkten folgende Verbrecher - fangen an zu verwischen...

KRITIK:

VON ANGESICHT ZU ANGESICHT ist einer der Filme, von denen man mal was gehört hat, wenn man sich mit dem Italowestern auseinandersetzt. Trotz meiner Faszination für dieses Genre sind aber meine Kenntnisse - angesichts der Unzahl von Produktionen, die zwischen 1964 und 1976 entstanden - eher rudimentär. Sergio Leone ist über jeden Zweifel erhaben, das Werk von Sergio Corbucci sitzt auch recht sattelfest, aber danach wird es schon dünner, und Sollimas DER GEHETZTE DER SIERRA MADRE hat mich nun nicht so angesprochen, dass ich den unbändigen Wunsch verspürte, sein übriges Werk en detail kennen zu lernen.

Aber VON ANGESICHT ZU ANGESICHT hat mich gestern umgehauen, das ist nicht nur einfach ein spannender Italowestern mit coolen Schießereien, sondern eine fesselnde, unglaublich genau beobachtete Studie, wie Menschen ihre Ideale aufgeben, sich verändern. Wie aus Brad Fletcher ein Frauenschläger und gewissenloser, gewalttätiger Anführer mit deutlichen, faschistischen Zügen wird, muss man einfach gesehen haben. Andersherum ist es spannend, welchen Einfluss er anfangs auf Beau Bennett hat, der sein Handeln danach in Frage stellt und einer moralischen Wertung unterwirft. Vielleicht ist es Zufall, aber angesichts des intelligenten Drehbuches vermute ich eher eine Absicht, dass die Rollen schon bei der Namensgebung einen Wandel nahelegen: Beau Bennett trägt als Verbrecher den Namen eines strahlenden Held, bei Brad Fletcher assoziiere ich dagegen alles andere als einen Geschichtsprofessor.

Historisch ist der Film eingebettet in den gerade beendeten, aber nicht überwundenen amerikanischen Bürgerkrieg, neben grundsätzlich unterschiedlichen Denkweisen treffen also auch der Nordstaatler Fletcher als Sieger auf den besiegten Südstaatler Bennett aufeinander. Sollima zeigt darüber hinaus auch seine deutlichen Vorbehalte gegenüber den Staat, der zunächst einen Spitzel in die Bande einschleusen will, und als das scheitert, keine andere Idee mehr hat, als eine beispiellose Hetzjagd auf die inzwischen fast reuigen Gangster zu veranstalten. Im übrigen lässt man die Drecksarbeit von anderen erledigen, während man von einem Logenplatz gemütlich zuschaut. Sollima überträgt damit kurz vor der 68er-Revolte das allgemeine Unbehagen und Mißtrauen einer nachgewachsenen Generation in die Schablonen des Italowestern.

Das klingt natürlich jetzt wie staubtrockene Theorie für Gutmenschen und Cinephile mit soziologischen Anspruch, für die ein Film ohne Message keinen Wert hat. VON ANGESICHT ZU ANGESICHT ist und bleibt aber in erster Linie ein Italowestern mit all seinen Vorzügen: spannende Duelle, die einzigartige Landschaft vom Capo de Gata bei Almeria, in der auch Leones Dollartriologie entstand, Kameraeinstellungen und -aufnahmen zum Niederknien, prägnante Gesichter in Großaufnahmen und die - wie immer - phänomenale Musik von Morricone, der es mal wieder schafft, den Charakter des Films in seinen Kompositionen wiederzuspiegeln. Das Hauptthema, das bereits beim extrem stilsicheren Titelvorspann erklingt, vereint die Rauhheit und zugleich die Schönheit von Fletcher und Bennett.

Von Angesicht zu Angesicht Bild 1
Von Angesicht zu Angesicht Bild 2
Von Angesicht zu Angesicht Bild 3
Von Angesicht zu Angesicht Bild 4
Von Angesicht zu Angesicht Bild 5
Von Angesicht zu Angesicht Bild 6
FAZIT:

Italowestern. Soziologiestudie. Sollimas Statement am Vorabend der Studentenrevolte. Dialoge zum Mitschreiben: "Du selber hast mir die Augen geöffnet. Jetzt machst Du die selben Dinge, aber es ekelt einen an, wenn Du es tust." - "Wir tun beide dasselbe. Das ist richtig. Es gibt aber einen Unterschied. Ich weiß, was ich tue".
Intelligenter war ein Italowestern nie.

WERTUNG: 8 von 10 Großaufnahmen von Pistolen im Sand
TEXT © Marcel
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