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Dial M for Murder

Dial M for Murder

THRILLER: USA, 1954
Regie: Alfred Hitchcock
Darsteller: Ray Milland, Grace Kelly, Robert Cummings

STORY:

Der abgehalfterte Tennisstar Tony Wendice bemerkt, dass er von seiner Frau Margot (die nicht unvermögend ist) betrogen wird - und beschließt, diese um die Ecke zu bringen. Um sich selbst das perfekte Alibi zu verschaffen engagiert er den Kleinkriminellen und Heiratsschwindler Charles Alexander Swann (der ihm quasi einen Gefallen schuldet), während er selbst mit Margots Geliebten den Abend auswärts verbringt.

Als Plan A jedoch fehl schlägt und nicht Margot sondern Charles dran glauben muss, heißt es flexibel sein - und Tony balanciert sich geschickt; bis zum Showdown am Ende. Er hat die Rechnung ohne Inspektor Hubbard gemacht - der Schlüssel zur Lösung des Rätsels ist nämlich… ein ebensolcher!

KRITIK:

7. April 2010 um 20:45 Uhr: Halbfinal-Rückspiel des FC Bayern München gegen Manchester United. Ein Gourmetabend für jeden Fußballfan und erst recht für einen bajuwarischen wie mich. Endlich die Rache für 1999 vollenden!! Ein seltenes Ereignis, das man nicht missen möchte.

7. April 2010 um 21:00 Uhr: Ich sitze nicht mit Bier und Freunden vor dem Fernseher und bestaune mit Schmerzen in der Magengrube das 2:0 von Manchester, sondern sitze im Münchener Filmmuseum und verschwende keinen Gedanken an mögliche Treffer in Old Trafford. Denn hier findet gleich etwas statt, das noch seltener ist als die eben genannte, nur alle heiligen Zeiten vorkommende, Fußballschlacht.

Gleich wird mir der englische Meister des Films hoffentlich zeigen wie man dramaturgisch effizient eine Technik einsetzt die 55 Jahre später von James Cameron perfektioniert, aber tölpelhaft benutzt wird. Die Faszination 3D ist schon älter als der Film selbst. Meliés produzierte bereits um 1900 unbewusst die ersten 3D-Filme als er mit zwei nebeneinander montierten Kameras gleichzeitig drehte um zwei Negative zu erhalten. Die Russen experimentierten und drehten viel in den 40er Jahren. In den 50ern erlebte die 3D Technik einen ähnlichen Aufschwung wie heute um die Zuschauer weg von ihren Fernsehgeräten wieder hinein in die Kinos zu locken.

Wie setzt das Regiegenie Alfred Hitchcock eine Kinotechnik ein, von der man sich immer wieder die Revolution des Kinos erhofft hat? Natürlich gezielt und im Dienste der gefilmten Geschichte.

Im Gespräch mit Truffaut zählt Hitchcock die Momente auf in denen er die neue Technik bewusst für die Dramaturgie verwendet hat: " (...) wenn Grace Kelly nach einer Waffe sucht um sich zu verteidigen. Und dann noch in der Szene mit dem Schlüssel, aber das war schon alles."

Im Vergleich zu Cameron setzt Hitchcock den Tiefeneffekt also nicht inflationär ein um den Zuschauer visuell zu überrollen, sondern um entscheidende Momente hervorzuheben und dessen Wirkung auf den Zuschauer zu verstärken. Die beste 3D-Wirkung lässt sich erzeugen, wenn Objekte in Kameraachse auf die Kamera zubewegen. Das sind bei AVATAR Lianen, Raketen und Gasgranaten, das war 1983 bei CAPTAIN EO der flauschige Ratten-Schmetterling-Ewok von Michael Jackson und in DIAL M FOR MURDER sind es Hände. Die Hand von Grace Kelly greift Hilfe suchend in die Kamera und damit in den Zuschauerraum um sich gegen ihren Attentäter zu wehren und bekommt direkt vor unseren Augen eine Schere zu fassen. Die Hand des Kommissars präsentiert den gefundenen Schlüssel der zur Überführung des Täters führt, wortwörtlich vor der Nase des Zuschauers. Beide Objekte, die Schere und der Schlüssel, bedeuten das Ende für beide Schurken.

Die ansonsten durchgehend präsente Dreidimensionalität bei Hitchcocks Bühnenverfilmung ist dezent. Trotz des Produktionsjahres 1953 ist der 3D-Effekt nicht weniger real als in jedem heutigen Film mit gleich hoher Anzahl von Dimensionen. Der Film spielt zu 98% in einem Apartment und die Plastizität des Bildes wirkt nicht besonders spektakulär, aber das muss es eben auch nicht weil im Gegensatz zu AVATAR, die Story, die Dialoge und die Schauspieler vorzüglich sind.

Wie in AVATAR, ALICE IM WUNDERLAND und wahrscheinlich allen anderen 3D-Filmen, ist die Dreidimensionalität auch in DIAL M FOR MURDER nicht essentiell für das Erzählen und Verstehen der Geschichte. Gibt es einen Film, eine Geschichte, die nur mit 3D gezeigt werden kann? So wie M von Fritz Lang nur mit Ton funktioniert oder LE MÈPRIS von Godard nur mit Farbe.

Es ist ja nicht so, dass der gemeine 2D Film nicht die Möglichkeit hätte Tiefe und Räumlichkeit zu vermitteln. Es gehört sogar zu seiner Stärke dies zu können beziehungsweise gekonnt vorzutäuschen. Diese Stärken des 2D-Films: mit Perspektiven, Vorder- und Hintergrund, Schärfen und Unschärfen eine Räumlichkeit im Kopf des Zuschauers entstehen zu lassen, werden erstaunlicherweise zu den größten Schwächen des 3D-Films. Cameron fügt das Tiefenerlebnis von 3D mit den Räumlichkeitsprinzipien des 2D zusammen und begeht damit einen großen Fehler. Er versucht den Blick des Zuschauers zu führen indem er die unwesentlichen Dinge in der Unschärfe verschwimmen und verschwinden lässt, das wesentliche schärft. Man kann sich als Zuschauer nicht im Bild umsehen, weil das Auge, trotz der vorgegaukelten Räumlichkeit nichts scharf stellen kann was der Film unscharf präsentiert.

Hat man jedoch ein Bild mit großer Tiefenschärfe, und blickt auf eine der vielen gleichermaßen scharfen Ebenen, entstehen automatisch Unschärfen durch die Fokussierung unserer Augen. Es wird also keine künstliche Defokussierung mehr benötigt wie sie bei dem flachen Bildschirm oder der Leinwand mit 2D nötig war um eine bildliche Tiefe zu suggerieren. Auch der 3D-Effekt von Objekten die im Zuschauerraum zu schweben scheinen (die heiligen Samen-Quallen-Blüten bei AVATAR) funktionieren lediglich wenn diese in der Schärfe liegen. Bleiben diese Objekte unscharf, bleiben sie damit auch optisch ungreifbar.

Die weitwinkligen und mit großer Tiefenschärfe versehenen Bilder Hitchcocks sind daher wesentlich angenehmer und plastischer zu betrachten, da man sich in ihnen umsehen kann. Wie in einem echten Raum kann sich der Zuschauer selbst entscheiden wohin er blickt und auf was er den Fokus legt. Das Auge ist freier und die Gedanken des Zuschauers in die richtigen Richtungen zu lenken bleibt weiterhin der Qualität des Regisseurs überlassen. Die damals üblichen Rückprojektionen, die auch hier wieder vorkommen, führen sich in 3D selbst ad absurdum und sind für einige Lacher gut.

Man darf nicht vergessen, dass AVATAR auch als 2D Film in die Kinos kam und die verschiedenen Schärfenebenen dafür natürlich unabdingbar sind, ebenso für die DVD-Auswertung. DIAL M FOR MURDER lief allerdings auch als 2D-Version in den Kinos und im Fernsehen und macht auch auf DVD viel Spaß.

Um 21:10 steht es auch bei Hitchcock gegen Cameron 2:0 und dabei hat die spannende Geschichte des Films noch nicht einmal begonnen. Sowohl bei Hitchcock als auch bei den Bayern warten noch einige spannende Wendungen.

Dial M for Murder Bild 1
Dial M for Murder Bild 2
Dial M for Murder Bild 3
Dial M for Murder Bild 4
Dial M for Murder Bild 5
Dial M for Murder Bild 6Hätten Sie sie erkannt?
Charlize Theron als Grace Kelly
(Danke an Marcel)
FAZIT:

Hitchcocks erster Film mit Grace Kelly und sein erster und letzter auf 3D. Schauspieler, Drehbuch und Regie entfalten sowohl in 3 als auch in 2D ihre volle Kraft. Der Meister seines Fachs belächelt die 3D Technik ein wenig und gibt ihr gönnerhaft doch noch ihren verdienten Auftritt. Es bleibt sein einziger Ausflug in die dritte Dimension und er zeigt mit seinen folgenden Werken, dass ihm zwei Dimensionen reichen um große Filme zu machen.

WERTUNG: 9 von 10 Liebesbekenntnissen an Grace Kelly
TEXT © MaxMax
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Dein Kommentar >>
Andreas | 19.04.2010 09:32
Interessante neue Aspekte über einen äußerst interessanten Film. Danke für diese tolle Kritik!
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Marcel | 19.04.2010 06:55
Bekommmt man für die alten 3D-Filme auch noch die alten Rot-Grünen-Brillen? Oder ist das inzwischen umkopiert, so dass das auch mit modernen Brillen funktioniert?
MaxMax | 19.04.2010 20:56
Umkopiet werden musste da nix. Das mit den rot/grün Brillen ist ein anderes, das sog. anaglyphische Sytem. Hitchcock hat damals aber schon mit dem gleichen System gearbeitet das du auch bei AVATAR oder ALICE zu sehen bekommst:das Polarisationsverfahren. Dabei werden die Projektionen fürs linke und rechte Auge nicht durch Farben sondern durch verschedene Polarisationen der Lichtwellen voneinander getrennt.
MaxMax | 19.04.2010 20:59
Lange Reder kurze Antwort:
die gleichen Brillen
Marcel | 19.04.2010 21:41
Ah, danke schön. Wieder was gelernt, und das, obwohl ich Avatar und Alice bislang... ehm ... aus rein filmästhetischen Gründen nicht gesehen habe. Da war der gute Alfred mal wieder auf der richtigen Fährte. Irgendwann werde ich auch mal zum Überfilm North by Northwest was schreiben. Das mir ja keiner da zuvor kommt. :-)

Und am 7. April habe ich auch zum ersten Mal in meinem Leben vor den Bayern einen gewissen anerkennden Respekt zugeben müssen. Aber das ist Off-Topic.
Chris | 20.04.2010 17:59
Auch kurz offtopic und jetzt alle: Wir schwören Stein und Bein auf die Elf vom Niederrhein! : )
PS: Ich weiß zwar jetzt nicht, ob mein Kölner Kollege Marcel noch mit mir spricht, jetzt nachdem ich mich zur Borussia bekannt habe, aber ich denke unsere Seelenverwandtschaft in Sachen Filmgeschmack macht das wieder wett, oder? : ))
PPS: @MaxMax: Ganz tolle Review! Da merkt man, dass da einer vom Fach ist.
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