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Die Unbekannte

Die Unbekannte

OT: La Sconosciuta
GIALLO/DRAMA: ITALIEN, 2006
Regie: Giuseppe Tornatore
Darsteller: Clara Dossena, Claudia Gerini, Michele Placido, Xenia Rappoport

STORY:

Eine zunächst namenlose osteuropäische Frau (Xenia Rappoport) kommt in eine ebenfalls namenlose norditalienische Stadt und mietet sich gegenüber eines Hauses ein, in dem fast ausschließlich Goldschmiede wohnen. Aus unbekannten Gründen interessiert sie sich insbesondere für die Familie Adacher und ist zu wirklich jedem Mittel bereit, um eine Stelle in deren Haus zu bekommen. Doch was genau will sie dort und warum will sie es? Bruchstückhaft wird nach und nach ihre düstere Vergangenheit aufgedeckt, während die Ereignisse unaufhörlich ihren Lauf nehmen...

KRITIK:

DIE UNBEKANNTE beginnt mit einer Rückblende, die drei schöne Frauen in Unterwäsche und mit Masken vor ihren Gesichtern zeigt, die für einen hinter einer Wand verborgenen Mann posieren, der sie durch ein Guckloch beobachtet. Nach der Vorstellung dürfen sie gehen und die nächsten drei Kandidatinen erscheinen zur Fleischbeschau. Von ihnen weiß eine zu gefallen und wird aufgefordert sich ganz ausziehen, während der unbekannte Spanner sie weiterhin durch das Loch in der Wand anstarrt. Anschließend reißt sie sich die Maske vom Gesicht: Es handelt sich um die Hauptdarstellerin des Films...

Etwas später sehen wir in einer weiteren Rückblende wie schöne, gefesselte, verdreckte und schwitzende Frauen genüsslich gefoltert werden. - Ganz offensichtlich handelt es sich bei DIE UNBEKANNTE also um einen Sexpolitationsreißer a la Jess Franco, der sich zusätzlich ein wenig bei Stanley Kubricks EYES WIDE SHUT bedient hat. Oder sehe ich hier gerade etwas falsch?

Hm, der Regisseur von DIE UNBEKANNTE ist jedenfalls kein Unbekannter, sondern der renommierte italienische Autorenfilmer Giuseppe Tornatore, der für seinen Debütfilm CINEMA PARADISO (1989) gleich mit dem Auslands-Oscar ausgezeichnet wurde. Und auch ansonsten ist Tornatore eher für feinfühlige Melodramen, als für derbe Expolitation bekannt. Doch wie geht das zusammen, mit dem, was hier auf der Leinwand so alles vor sich geht? - Nun, mit DIE UNBEKANNTE hat Giuseppe Tornatore einen Film gemacht, der irgendwo zwischen ins Melodramatische gehendem Drama und gialloeskem Thriller pendelt.

Der Großteil der Handlung spielt in der unbekannten norditalienischen Stadt, wo die nach kurzer Zeit nicht mehr ganz so unbekannte Irena (Xenia Rappoport) nicht nur mit dem ihr als Ausländerin entgegengebrachten Misstrauen der Einwohner zu kämpfen hat, sondern anscheinend auch mit der Ausführung einer geheimnisvollen Mission. Und auch als nach und nach klarer wird, worin diese Mission zu bestehen scheint, bleibt bis kurz vor Filmende weitestgehend offen, wodurch genau diese motiviert ist.

Dabei kontrastiert Tornatore die in meist in sehr kalten Tönen gehaltene und nur gemächlich voranschreitende Haupthandlung in Italien mit sehr grellen und oft äußerst schnell geschnittenen Rückblenden aus Irenas düsterer Vergangenheit als Zwangsprostituierte in Osteuropa. Doch nach und nach beginnt Irenas Vergangenheit sie einzuholen, wodurch sich auch die Haupthandlung immer mehr von einem langsamen Drama in einen Thriller wandelt, in dem sich die Ereignisse zunehmend zu überschlagen beginnen...

Doch nicht nur die äußerst schroffe Gegenüberstellung dieser beiden Zeitebenen ist auf geradezu plakativ überdeutliche Weise inszeniert. Auch ansonsten schwelgt der Regisseur in extrem stilisierten Bildern, die zu einem alles andere als subtilen Symbolismus neigen. Dieser Wille zur großen und oft ins Sentimentale driftenden Geste wird noch durch einen an den Hitchcock-Komponisten Bernhard Hermann erinnernden elegischen Score von Ennio Morricone unterstrichen.

Anscheinend hat Giuseppe Tornatore mit DIE UNBEKANNTE versucht das Beste aus den beiden Welten des europäischen Autorenfilms und des (italienischen) Genre- bzw. Exploitation-Films miteinander zu verknüpfen. Und spätestens wenn jemand auf äußerst blutige Weise mit einer gewaltigen Schere abgestochen wird, ist offensichtlich, dass sich der Regisseur bei den Thrillerelementen seines Films an dem klassischen Giallo orientiert.

DIE UNBEKANNTE ist allerdings kein Murder-Mystery mit schwarzen Handschuhen. Der Film steht eher den vom Arthouse geprägten Vertretern des Genres nahe, bei denen es nicht um die Aufdeckung einer Mordserie, sondern um die Enträtselung eines eine mysteriöse Person betreffenden Geheimnisses geht, wie z.B. dem aus dem Jahre 1975 stammenden FOOTPRINTS von Luigi Bazzoni.

Doch obwohl Tornatore die im Film vorhandenen Exploitationszenen immer wieder in grellster Manier ausschlachtet, legt er zugleich großen Wert darauf, dass jederzeit klar bleibt, dass hier ein ernsthafter Filmkünstler mit einem ernsthaften Anliegen am Werk ist. Da stört es dann auch umso mehr, dass Tornatore auch die üblichen Schwachpunkte der klassischen Gialli mitübernommen hat.

So wirkt das von ihm geschriebene Drehbuch zwar ziemlich durchdacht, ist aber zugleich dermaßen stark überkonstruiert und von extremen Unwahrscheinlichkeiten geprägt, dass die angestrebte Ernsthaftigkeit der Handlung hierdurch immer wieder in Gefahr gerät ins Lächerliche zu kippen. Hinzu kommen noch Texte und Bilder, die in der penetranten Überdeutlichkeit ihres jeweiligen Anliegens oftmals sprachlos machen.

Und spätestens wenn eine Person von zwei Weihnachtsmännern aufs übelste zusammengeschlagen wird, beginnt man sich ernsthaft zu fragen, was der große Oscarpreisträger Giuseppe Tornatore uns mit solchen Bildern eigentlich Substanzielles sagen will. Will es uns zeigen, dass er von Stanley Kubrick nicht nur EYES WIDE SHUT, sondern auch A CLOCKWORK ORANGE gesehen hat? - Nun, ich habe nichts dagegen, nur sind solche Bilder hier eindeutig im falschen Film!

Es ist ja auch ganz gewiss nicht so, dass der italienische Genrefilm die ganze Zeit darauf gewartet hat, dass sich endlich einmal ein "ernsthafter" Regisseur seiner erbarmt. Denn Filme wie z.B. Massimo Dallamanos DER TOD TRÄGT SCHWARZES LEDER (1974) zeigen, dass zahlreiche Regisseure des Genres selbst durchaus dazu in der Lage waren, mit ihren Filmen auch ernsthafte Anliegen zu transportieren.

Und gerade der in seiner Thematik zu DIE UNBEKANNTE ganz ähnliche Film von Dallamano zeigt ebenfalls, dass die alten Genreregisseure dies zum Teil sogar weit unaufdringlicher, und an den richtigen Stellen auch zurückhaltender, machen konnten, als der Möchtegern-Autorenfilm-Berserker Giuseppe Tornatore.

Doch trotz aller angebrachten Kritik: DIE UNBEKANNTE ist ein insgesamt äußerst stimmungsvoll inszeniertes Thrillerdrama, dass einen schnell in seinen Bann zu ziehen versteht. Und wenn man über die offensichtliche Verlogenheit des nur behaupteten Anspruchs einmal hinwegsieht, dann wissen gerade die Exploitationszenen durchaus zu gefallen.

Schwieriger wird es eher, wenn die dramatischen Passagen sich mal wieder kurz davor befinden ins offen Kitschige zu kippen, oder wenn die zahllosen Unglaubwürdigkeiten des Drehbuchs einen aus der Handlung zu reißen drohen. Dass DIE UNBEKANNTE trotz dieser unleugbaren Mängel zumeist doch sehr gut funktioniert, ist auf jedoch keineswegs der Verdienst des oscarprämierten Regisseurs.

Vielmehr sind es die durchgängig hervorragend agierenden Schauspieler, die immer wieder die Show retten müssen, wenn der große Maestro ganz offenkundig versagt. Herausragend ist hier insbesondere das Spiel der Russin Xenia Rappoport, die Irenas Schwanken zwischen Zärtlichkeit und äußerster Härte aufs Überzeugendste zu verkörpern versteht.

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FAZIT:

DIE UNBEKANNTE möchte ein großes, mit Thrillerelementen angereichertes Drama sein, was dem Regisseur Giuseppe Tornatore nicht überzeugend gelingt. Doch obwohl der Film an dem ihm selbst auferlegten Anspruch häufiger zu scheitern droht: DIE UNBEKANNTE ist einer der stimmungsvollsten gialloesken Thriller der letzten Jahre. Und aufgrund der durchweg überzeugenden Schauspieler können auch die dramatischen Elemente, trotz eines oftmaligen Hangs zum Kitsch, durchaus als eine zusätzliche Bereicherung empfunden werden.

WERTUNG: 7 von 10 hinter dem Eisfach versteckte dicke Bündel von Geldscheinen
TEXT © Gregor Torinus
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Dein Kommentar >>
Ralph | 16.12.2010 23:30
Als kleiner Tornatorefan wollt ich den schon immer mal ansehen, bin aber nie dazugekommen. Jedenfalls Danke für die Vorstellung.
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