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GOOD MOVIES FOR BAD PEOPLE
Kassbach

Kassbach

DRAMA: A, 1979
Regie: Peter Patzak
Darsteller: Walter Kohut, Hanno Pöschl, Immy Schell, Konrad Becker, Walter Davy

STORY:

Karl Kassbach, Anfang 50, steht hinter der Theke seines Wiener Greisler-Ladens und schimpft vor sich hin: Über Ausländer, über "Arbeitsscheue", über "Triebtäter", die man kastrieren oder aufhängen soll. Frauen sind ihm fremd und unheimlich. Wohl fühlt er sich bei der "Initiative", einem rechtsextremen Männerbund mit einschlägiger Vergangenheit (man schreibt die Siebziger), der Schießübungen durchführt und Anschläge plant. Die Ereignisse eskalieren ...

KRITIK:

Traurige Nachrichten. Am 11. März 2021 ist der österreichische Regisseur Peter Patzak gestorben. Sein Kottan hat TV-Geschichte geschrieben und 2010 noch ein zu Unrecht geschmähtes Kino-Comeback erlebt.

Kassbach stammt aus dem Jahr 1979. Der Film wurde für das österreichische Fernsehen gedreht - aber mit den visuellen Mitteln einer aufwändigen Kino-Produktion. Ein gewisser Martin Scorsese wurde auf den Film aufmerksam, bezeichnete ihn gar als einer seiner Lieblingsfilme und zitiert Peter Patzak in AFTER HOURS. Es gibt nicht viele österreichische Regisseure, denen diese Ehre zu Teil wurde.

Tatsächlich weht ein Hauch von Scorsese durch dieses Wiener Kleinbürger-Drama, das sich zur beklemmenden Faschismus-Studie auswächst. Im Grunde ist Kassbach die Wiener Spießer-Variante dieser "God's lonely men", die durch eine eisige Gegenwart driften, die ihre Sprachlosigkeit, ihre Probleme mit Frauen, mit ihrer destruktiven männlichen Natur mit Gewalt kompensieren.

Der viel zu früh verstorbene Schauspieler Walter Kohut (1929-1980) ist zum Fürchten in dieser Rolle - in manchen Kamera-Einstellungen meint man gar eine optische Ähnlichkeit mit dem berüchtigten Neonazi-Wirrkopf Gottfried Küssel zu erkennen.

Pathologische Sexualität spielt eine wichtige Rolle in diesem Film und beinhaltet auch Szenen mit einer (im Film) Minderjährigen, wie sie heute völlig undenkbar wären. Peter Patzak ist aber nicht Larry Clark. Es geht ihm um bedrückenden Realismus, nicht um Drastik der Drastik willen.

Ein ausgesprochen unangenehmer Film (auch für Tierfreunde - die Szene mit den Meerschweinchen - Oida, naa), ein zeitgeschichtliches Portrait, leider ganz und gar zeitlos: "Dieser Einzelfall zeigt die traditionelle Bagatellisierung neofaschistischer Kräfte und Aktionen. Kein speziell österreichisches Phänomen." (Peter Patzak)

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FAZIT:

Im Jahr 1979 drehte der kürzlich verstorbene Regisseur Peter Patzak diese beklemmende Studie eines Wiener Kleinbürgers, der zum gewaltbereiten Faschisten mutiert. Ein essentielles Werk der österreichischen Filmgeschichte, das auch einen gewissen Martin Scorsese beeindruckt hat. Unangenehm zeitlos. Man könnte sich Karl Kassbach auch Anno 2021 vorstellen. Wohl auf einer "Querdenker"-Demo, Seite an Seite mit Kickl und Küssel.

Zu sehen auf Amazon Prime. Leider in Nicht-einmal-VHS-Qualität. Schade.

WERTUNG: 8 von 10 Plattenspieler
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