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Das Fenster zum Hof

Das Fenster zum Hof

OT: Rear Window
THRILLER/LOVESTORY: USA, 1954
Regie: Alfred Hitchcock
Darsteller: James Stewart, Grace Kelly, Wendell Corey, Thelma Ritter, Raymond Burr

STORY:

Der Fotojournalist Jeff (James Stewart) kann aufgrund eines Beinbruchs für Wochen nicht seine Wohnung verlassen. Regelmäßigen Besuch bekommt er nur von seiner Verlobten Lisa (Grace Kelly) und von seiner Masseuse Stella (Thelma Ritter). Aus Langeweile beobachtet er neugierig das Treiben der anderen Bewohner seines Blocks in Greenwich Village durch sein Fenster zum Hof. Eines Tages meint er hierbei Hinweise auf einen Mord zu beobachten...

KRITIK:

In meiner Kritik zu Hitchcocks DER UNSICHTBARE DRITTE hatte ich ja angemerkt, dass ich mich noch nicht endgültig entscheiden könne, ob VERTIGO oder REAR WINDOW mein Lieblingsfilm des Master of Suspense wäre. Doch nach einer erneuten Sichtung von DAS FENSTER ZUM HOF (1954) ist es nun endgültig für mich an der Zeit Farbe zu bekennen: Über filmische Qualitäten lässt sich in diesem Fall eh nicht streiten, da wir es in beiden Fällen mit zwei absolut makellosen und wegweisenden Meisterwerken zu tun haben. Doch letzten Endes bekommt DAS FENSTER ZUM HOF dann doch noch einen Sympathiebonus von mir!

Während VERTIGO (1958) schon alleine aufgrund der zahlreichen wunderschönen Aufnahmen in und um San Francisco besticht, konzentriert sich REAR WINDOW vollkommen auf Jeffs Wohnung und darauf, was er von dort aus in seinem Hinterhof sieht. Doch dies ist nur scheinbar eine Reduktion, denn der Blick in die verschiedenen Wohnungen seiner Nachbarn erlaubt Jeff an einer Vielzahl kleinerer Geschichten teilzuhaben. Hierbei ist der von ihm vermutete Mord im Prinzip nur eine von vielen Beziehungsgeschichten, die er über ein paar Tage hinweg verfolgt. Und im Kern ist DAS FENSTER ZUM HOF eigentlich auch gar kein richtiger Thriller, sondern ein Liebesfilm über Jeffs Bindungsängste.

Die eigentliche Haupthandlung, die Hitchcock jedoch geschickt als eine Nebenhandlung tarnt, dreht sich schlicht darum, dass Jeff (James Stewart) zögert seine Verlobte Lisa (Grace Kelly) zu heiraten, da er Angst hat durch diese Heirat seine Freiheit und auch seine Identität als Abenteurer zu verlieren. So versucht er sich von Lisas zahlreichen Versuchen sein Herz zu gewinnen abzulenken, in dem er möglichst wenig auf diese achtet und statt dessen lieber aus dem Fenster blickt. Doch ironischerweise konfrontiert ihn absolut alles, was er dort beobachtet mit den Themen Beziehung, Ehe und Einsamkeit. Selbst die eigentliche Thrillerhandlung dreht sich um eine unglücklichen Ehe und führt somit sowohl zum Hauptthema des Films, als auch zur eigentlichen Haupthandlung zurück.

Doch mit dem für seine Entstehungszeit sicherlich recht typischen (Hollywood)Thema einer Beziehungsgeschichte ist die Themenvielfalt von REAR WINDOW noch bei weitem nicht erschöpft. Ein für seine Zeit äußerst subversives Thema, um das sich dieser Film ebenfalls dreht, ist das des Voyeurismus. Und hierbei handelt es sich nur scheinbar um den offensichtlichen Voyeurismus von Jeff. Denn das, was Jeff beobachtet, beobachtet auch der Zuschauer, und zwar genau aus der Perspektive von Jeff. Somit macht Hitchcock sein Publikum zu Komplizen und zwingt uns den verbotenen Blick in fremde Zimmer auf.

Aber auch dies ist nur scheinbar so, denn in Wirklichkeit bildet diese Geschichte nur den Blick des Kinopublikums in fremde Lebenswelten nach. Somit ist DAS FENSTER ZUM HOF der neben dem kurz darauf entstandenen PEEPING TOM der wohl wichtigste Film über das Kino an sich. Jeffs Voyeurismus ist unser Voyeurismus und genauso, wie er aus der Dunkelheit seines Apartments unerkannt in fremde, private Lebenswelten eindringt, so besteht auch ein Großteil des Kinovergnügens darin aus dem Schutze der Dunkelheit des Publikumssaals in fremde Welten einzudringen.

Auch das hiermit verbundene Thema der (A)Moral dieser Handlung wird von REAR WINDOW aufgegriffen. Denn ganz ähnlich, wie immer wieder diskutiert wird, was man sich eigentlich alles im Kino ansehen darf, so verwischt auch in diesem Film (zumindest zeitweilig) die Grenze zwischen Gut und Böse, und am Ende wird auch ganz direkt die Frage gestellt, ob der Spanner Jeff nicht der eigentliche Bösewicht ist. Somit ist DAS FENSTER ZUM HOF trotz all seiner eindeutigen Zeitgebundenheit ein auch noch heute erstaunlich moderner Film, der es erfolgreich geschafft hat, eine Reihe an ebenso interessanten, wie kontroversen Themen in einen ansonsten reinrassigen Hollywoodfilm einzuschmuggeln.

Bei all seinem verborgenen Tiefgang und seiner immensen Komplexität ist DAS FENSTER ZUM HOF aber auch ganz einfach ein durch und durch sympathischer Film. Es macht einfach (immer wieder) Spaß zusammen mit Jeff an lauen Sommerabenden in den Hinterhof zu schauen, insbesondere, wenn dabei oft noch leichte Jazzmusik - gespielt von einem der Nachbarn - erklingt. Auch die für Hitchcock so typische einzigartige Mischung aus Spannung und Humor ist in diesem Film absolut perfekt. Überhaupt ist dies ein Musterbeispiel für absolut perfektes Filmhandwerk. So genügt z.B. eine einzige Kamerafahrt durch Jeffs Zimmer zu Beginn, um die gesamte Vorgeschichte zu seiner jetzigen Situation zu umreißen.

REAR WINDOW ist ganz allgemein ein Musterbeispiel dafür, wie ein Filmemacher alleine durch Bilder nicht nur eine Geschichte, sondern auch die bei den Beobachtungen des Hauptdarstellers sich ergebenden Gedankengänge darzustellen vermag. Somit ist dies gleich in mehrfacher Hinsicht ein wahrer Metafilm. Der Zuschauer beobachtet Jeff beim Beobachten und sieht durch seine Augen, was dieser sieht und denkt. Somit führt uns DAS FENSTER ZUM HOF auf der einen Seite unsere eigene Rolle als Kinogänger klar vor Augen und zugleich auch wieder ungewohnt tief in den Kopf des (für uns selbst stehenden) Hauptdarstellers hinein. Somit gelingt Hitchcock bei aller äußeren Einfachheit ein Film, der nicht nur verschiedene Genres, sondern auch verschiedene Betrachtungs- und Realitätsebenen bis zur absoluten Unentwirrbarkeit verwebt.

Das Fenster zum Hof Bild 1
Das Fenster zum Hof Bild 2
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Das Fenster zum Hof Bild 7
FAZIT:

Hitchcocks Film DAS FENSTER ZUM HOF ist sowohl ein Thriller, als auch eine Romanze, ist sowohl ein klassischer Hollywoodfilm in absoluter technischer Perfektion, als auch ein äußerst moderner und sogar subversiver Film über Themen wie Voyeurismus und die besondere Faszination des Kinos an sich. Aber insbesondere ist REAR WINDOW ein Film, den anzusehen ganz einfach unheimlich viel Freude bereitet, und zwar immer wieder!

WERTUNG: 10 von 10 heimliche Blicke in fremde Lebenswelten
TEXT © Gregor Torinus
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Dein Kommentar >>
Erich H. | 07.06.2012 12:29
Wunderbare Besprechung.
Ein wahrer Klassiker.
Gregor | 07.06.2012 12:51
Ich danke Dir.
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