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Die Haut

Die Haut

OT: La Pelle
DRAMA: I/F, 1981
Regie: Liliana Cavani
Darsteller: Marcello Mastroianni, Ken Marshall, Claudia Cardinale, Burt Lancaster

STORY:

Im Jahr 1943 übernehmen die Alliierten das von den Nazis aufgegebene Neapel. Der neue Kommandant General Clark versucht Ordnung zu schaffen in einer Stadt, deren Bevölkerung unter Armut und Hunger leidet. Doch die Amerikaner werden nicht gerade als Freunde willkommen geheißen - kein Wunder, so wie die sich danebenbenehmen ...

KRITIK:

Seit ihrem berühmt-berüchtigten Nazi-Sadomaso-Spektakel DER NACHTPORTIER (1974) genießt Liliana Cavani den Ruf einer verlässlichen Skandal-Regisseurin. Unter diesem Gesichtspunkt enttäuscht auch DIE HAUT (OT: La Pelle) von 1981 nicht.

In aufwändigen Kulissen und mit pompöser Starbesetzung arbeitet sich Cavani am 1949 erschienenen Roman des Journalisten und Kriegsberichterstatters Curzio Malaparte ab. Es sind die letzten Kriegstage in der süditalienischen Stadt Neapel: Die italienischen Widerstandskämpfer haben die Nazis verjagt. Die amerikanischen Befreier können die Stadt kampflos übernehmen. Dennoch herrscht Weltuntergangsstimmung am Fuße des Vesuvs: Hunger und Not machen den Menschen das Leben schwer; Frauen verkaufen buchstäblich ihre Haut, um irgendwie am Leben zu bleiben. Ein erstklassiges Betätigungsfeld für das organisierte Verbrechen - und auch für die Besatzer, die mit der Mafia gemeinsame Sache machen und ihre zynischen Spielchen mit der notleidenden Bevölkerung treiben.

Marcello Mastroianni spielt einen Wendehals mit faschistischer Vergangenheit, der sich den Amerikanern andient und einen selbstherrlichen General (Burt Lancaster), eine blode Fliegerin (Claudia Cardinale) und einen naiven Land-Buben die "Sehenswürdigkeiten" Neapels vorführt. Da gibt es allerhand zu sehen: Bordelle, Kinder- und Zwergenprostitution, blonde Schamhaar-Perücken und luxuriöse Villen, wo die Kriegsgewinnler bei Musik und Kerzenlicht fürstlich dinieren und erlesene Gaumenfreuden genießen. Bloß: Manchmal kommen gar ungustiöse Dinge auf den Tisch.

Ohne hier viel spoilern zu wollen: Der Film wird seinem Ruf als skandalträchtiges Werk durchaus gerecht - was vor allem an den recht bizarren Schockeffekten liegt, die die Regisseurin stets dann einbaut, wenn man am wenigsten damit rechnet. Ich sage nur: Die Szene mit dem Panzer ...

DIE HAUT ist ein eigenartiger Film: Die aufwändige Produktion bietet erstkassige Schauspieler auf und macht einen auf seriöses italienisches Kunstkino - nur um im nächsten Moment dem Publikum durchaus wuchtvoll in den Magen zu boxen. Aber wie schrieb der SPIEGEL einst so schön: Auch Brechmittel sind Kunst-Mittel.

Ein bissl irritiert hat mich jene (typisch?) südländische Geschwätzigkeit ohne Punkt und Beistrich, die zumindest auf meine wortkarge Wenigkeit bisweilen ermüdend wirkt. Andererseits: Wo viel gesprochen wird, fallen hin und wieder auch sehr schöne Zitate ab. Wie dieses hier: "Sag mal: Hast du überhaupt keine Angst?" - "Ach, was heißt Angst? Die einzige Sache auf der Welt, die mir immer wieder Angst macht, ist die menschliche Dummheit. Weil sie im Gegensatz zu allen anderen Dingen niemals aufhört. Wie blöd kann der Mensch nur sein?" Eine berechtigte Frage, fürwahr.

Der Tonfall pendelt zwischen Drama, Farce und bösartiger Satire - nicht ganz so grotesk übersteigert wie BERÜHRE NICHT DIE WEISSE FRAU (übrigens ebenfalls mit Marcello Mastroianni), nicht so ernsthaft und bedeutungsschwanger wie DIE BLECHTROMMEL, nicht so bizarr und psycho-sexuell wie SANTA SANGRE, und auch nicht ansatzweise so brutal und schockierend wie etwa DIE 120 TAGE VON SODOM. Aber die Quersumme der genannten Werke trifft's ganz gut ...

Wer also klassisches, bildgewaltiges, starbesetztes und skandalös angehauchtes europäisches Kino liebt, sollte hier zugreifen. Auch wenn die DVD-Auswertung mal wieder erschreckend lieblos ausgefallen ist. VHS-Qualität im Vollbild-Format. Als Bonus gibt's immerhin die um 20 Minuten längere italienische Originalfassung. Die kürzere deutsche Kinofassung weist nur Handlungsschnitte, aber keine Gewaltschnitte auf. Warum die Langfassung von der FSK ab 16 und die Kurzfassung ab 18 eingestuft wurde, wissen allein die allmächtigen Götter der Zensur.

Die Haut Bild 1
Die Haut Bild 2
Die Haut Bild 3
Die Haut Bild 4
Die Haut Bild 5
Die Haut Bild 6
Die Haut Bild 7
FAZIT:

Interessante Kriegs-Tragikomödie mit Starbesetzung, dargereicht von NACHTPORTIER-Regisseurin Liliana Cavani, die hier mit Erfolg ihren Ruf als verlässlichste Skandalnudel des europäischen Kunstkinos verteidigt.

WERTUNG: 7 von 10 blonden Schamhaar-Perücken
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