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Kill Your Friends

Kill Your Friends

SATIRE/THRILLER: GB, 2015
Regie: Owen Harris
Darsteller: Nicholas Hoult, Thomas Conroy, James Corden, Georgia King

STORY:

London, 1996: Die Britpop-Welle ist auf ihrem Höhepunkt, man nannte es das Goldene Zeitalter der Musikindustrie. In den Chefsesseln der Musik-Labels lümmeln Menschen wie Steven Stelfox. Als A&R-Manager ist er der Auserwählte. Er bestimmt, welche Musik zum Soundtrack unseres Lebens wird. Der schlechte Witz dabei: Er hasst Musik. Den Job macht er nur wegen des Geldes. Und aus Spaß an Intrigenspielen. Doch auch Steven steht unter Druck. Als er bei einer Beförderung übergangen wird, greift er zu drastischen Maßnahmen ...

KRITIK:

Der Titel ist Irreführung und Spoiler zugleich. Irreführung, weil der junge Musik-Manager Steven Stelfox keine Freunde hat. Spoiler, weil das Wort "Kill" keineswegs nur metaphorisch gemeint ist.

KILL YOUR FRIENDS basiert auf dem gleichnamigen Roman von John Niven. Es ist eine bösartige, schwarzhumorige und - so hoffe ich zumindest - themenverfehlte Satire auf die Machenschaften der britischen Musikindustrie im vorletzten Jahrzehnt: Die Britpop-Welle mit Bands wie Blur, Oasis, Manic Street Preachers, The Verve, Ash oder Supergrass war von der britischen Insel über den Kontinent geschwappt und spülte Millionen in die Kasse der Major-Labels, um den Musik-Managern die Koks-, Nutten und Champagnerrechnung zu bezahlen. Der ruinöse illegale Download war noch kein Thema, und gesignt wurde damals alles, was eine Gitarre halten konnte.

Im Mittelpunkt von KILL YOUR FRIENDS steht der arrogante Talente-Scout Steven Stetfox, der als Ich-Erzähler durch den Film führt. Stelfox ist ein kaltblütiger, soziopathischer Zyniker, gegen den selbst DEADPOOL noch wie ein warmherziger Humanist wirkt. Das mag sich vielleicht amüsant lesen, wird aber im Film zu einem Problem. Es ist praktisch unmöglich, mit diesem Arschloch-Charakter zu sympathisieren. Gleichzeitig zwingt er dem Zuseher seine Perspektive auf, versucht ihn zum Komplizen zu machen, zum Partner in Crime.

Meine möglicherweise naive Vorstellung, an der ich bis heute gerne festhalte, war ja stets, dass Firmen, die mich mit so etwas Essentiellem und Emotionsbeladenem wie Musik versorgen, von grundsätzlich guten oder sagen wir zumindest wellenlängen-kompatiblen Menschen geführt werden müssen.

Klar ist die Musikindustrie kein Wohltätigkeitsverein, natürlich ist sie kapitalistisch bis ins Mark, selbstverständlich geht es vor allem ums Geld verdienen. Aber das Geschäft mit Musik ist ein grundsätzlich sympathischeres, als - sagen wir: der Waffenhandel oder die Investmentbanking-Branche.

In KILL YOUR FRIENDS mutiert die Musikbranche zum Sammelbecken von egomanischen, arroganten, großkotzigen Karrieristen, die für den Erfolg über Leichen gehen. Sagen wir mal so: Auch wenn meine "Laufbahn" als Musik-Schreiber eine sehr kurze war - diesem Menschenschlag bin ich damals nicht begegnet. Egal.

Ich hätte mir mit diesem Film wesentlich leichter getan, wenn er sich auf seine Stärke besonnen hätte: Auf die präzise Milieu-Beobachtung. Nicht auszudenken, was für ein toller Film KILL YOUR FRIENDS mit einem anderen Schwerpunkt hätte werden können, im besten Fall eine wahnsinnige Kreuzung aus HIGH FIDELITY und THE WOLF OF WALL STREET.

Aber dann muss Stelfox ja effektwirksam seinen Kollegen ermorden, damit der Film die Wende zur rabiaten Thriller-Satire nehmen kann. Nichts gegen rabiate, schwarzhumorige Thriller. Aber in diesem Fall hätte mir mehr Ernsthaftigkeit, Drama und Realismus besser gefallen als ein überdrehter AMERICAN PSYCHO IN LONDON.

Soll das jetzt auf einen Verriss hinauslaufen? Nein, eher nicht. Ein Film, in dem Thom Yorke auftaucht - zwar nur im Video zu "Karma Police", das auf durchaus virtuose Weise in die Handlung eingebaut wurde, kann nicht von Grund auf schlecht sein.

Und dann gibt es doch einige Momente, in denen das Konzept, den Zuseher auf die Seite eines Psychopathen zu ziehen, aufgeht. Wie Stelfox diese vegane, alkoholfreie, kreuzbrave Streberbuben-Indieband namens "The Lazies" beschimpft (wenn auch nur in einer Traumsequenz), ist schon ein großes Vergnügen. Und wenn er von seiner Angst und der Therapie dagegen ("Schnee, Marschierpulver, Nuttenstaub ...") spricht, offenbart er für kurze Zeit auch so etwas wie Verletzlichkeit. Psychopathen-Verletzlichkeit zwar, aber immerhin.

Nicholas Hoult, der das Ekelpaket Stelfox spielt, war der Boy in ABOUT A BOY. Mit Rollen in MAD MAX-FURY ROAD und A SINGLE MAN ist der mittlerweile 26-Jährige zu einem ziemlich guten Schauspieler herangewachsen. Der restliche Cast ist eher unauffällig, sieht man von einem durchaus erinnerungswürdigen Kurzauftritt von Moritz Bleibtreu als teutonischer Proletentechno-Neandertaler ab.

Kill Your Friends Bild 1
Kill Your Friends Bild 2
Kill Your Friends Bild 3
Kill Your Friends Bild 4
Kill Your Friends Bild 5
FAZIT:

KILL YOUR FRIENDS kann sich nicht recht zwischen Milieustudie, Kapitalismus-Satire und rabiater schwarzhumoriger Thriller-Groteske entscheiden. Als sarkastischer Abgesang auf das Goldene Zeitalter der Musikindustrie krankt der Film meiner Meinung nach am DEADPOOL-Syndrom: Unsympathischer Zynismus würgt viele der guten Ideen ab. Wer damit kein Problem hat, der sieht den besten britischen Film seit, nun ja, DRECKSAU. Sehr knappe

WERTUNG: 7 von 10 Demo-CDs im Mistkübel
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