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GOOD MOVIES FOR BAD PEOPLE
Sweet Movie

Sweet Movie

SEX/DRAMA: CAN/D/F, 1974
Regie: Dusan Makavejev
Darsteller: Carole Laure, Anna Prucnal, John Vernon, Otto Mühl

STORY:

Eine jungfräuliche Schönheitskönigin heiratet einen Milliardär und wird nach einer enttäuschenden Hochzeitsnacht in einem Koffer (!) nach Paris verfrachtet, wo sie sich in einen spanischen Schlager-Sänger verliebt, der sie schließlich in einer österreichischen Kommune sitzen lässt. Und eine russische Frau kreuzt mit ihrem Boot durch die Kanäle von Amsterdam, stets einen revolutionären Spruch auf den Lippen und einen potenten Liebhaber im Arm. Die Wege kreuzen sich, die Schicksale auch...

KRITIK:

Gleich mal vorweg: Süß im Sinne von lieblich oder harmlos ist rein gar nichts in SWEET MOVIE, einem leider weitgehend in Vergessenheit geratenen Frühwerk des jugoslawisch-stämmigen Regisseurs Dusan Makavejev. Aber das hat wohl auch niemand ernsthaft erwartet.

Zu Beginn, als ein gewisser Dr. Middlefinger die Kandidatinnen einer Misswahl auf einem Gynäkologenstuhl Platz nehmen lässt, um live vor den Fernsehkameras ihre Jungfräulichkeit zu überprüfen, wähnt man sich noch in einer dieser pubertären Seventies-Sexkomödien. Doch der Eindruck täuscht.

Dass Dusan Makavejev, einer der wichtigsten Figuren der jugoslawischen Filmgeschichte, dieses Kleinod von einem subversiven Kunstfilm nicht in seiner Heimat drehen konnte, verwundert nicht:

Ein bissl gar zu respektlos geht er mit den Säulenheiligen der kommunistischen Ideologie um, etwa als ein ebenso ungebildeter wie unsympathischer Klischee-Kapitalist, gespielt von John Vernon, seinen Tabak aus einer Pfeife mit dem Konterfei von Karl Marx raucht - natürlich ohne zu wissen, wer denn der alte Mann mit dem weißen Bart überhaupt ist.

Aber die recht ätzenden politischen Seitenhiebe sind nicht der Grund, warum SWEET MOVIE der Ruf einer "unfassbare Farce voller gebrochener Tabus" (Zitat mitternachtskino.de) anhaftet und in Dutzenden Ländern verboten wurde. Sondern eher die zahlreichen Sexszenen, in denen Makavejev, ganz Kind der wilden Siebziger, die Tabus im Dutzendpack bricht.

Dafür, dass dieses höchst lobenswerte Unterfangen nicht zum reinen Selbstzweck verkommt, sorgen eine prächtige Ausstattung und eine erstklassige Kameraführung, die den Film definitiv als Kunstwerk ausweisen.

Ein bissl grenzwertig wird es allerdings, als eine halbnackte Frau nach allen Regeln der Kunst versucht, zwei bestenfalls achtjährige Buben zu verführen - mit Erfolg...

Oder als es die Protagonistin nach Österreich verschlägt, genauer: ins Burgenland, genauer: in die Mühl-Kommune. Wenn Otto Mühl, einer der umstrittensten Figuren der österreichischen Kunstgeschichte, mit seinen Kommunarden am berühmt-berüchtigten Friedrichshof die Sau rauslassen darf, hat der Film seinen orgiastischen Höhepunkt erreicht:

Weil Kunst bekanntlich von Können kommt, wird da gefressen, gekotzt, gebrunzt und geschissen, dass es eine Freude ist. Und, wie passend, dazu die "Ode an die Freude" lauthals abgesungen. Lustig: Das Gegrunze und Gebrabbel, das die Kommunarden im breitesten burgenländischen Zungenschlag von sich geben, wurde als "Speaking Foreign Language, Garbled", also "unverständlich" untertitelt.

Und wer nach den Kommunen-Szenen noch dabei ist, weiß auch, welcher Film die Red Hot Chili Peppers zu ihrem "Blood Sugar Sex Magic"-Album inspiriert hat: Am Ende vermengen sich Zucker, Sex und Blut zu einem magischen Film-Kunstwerk.

Sweet Movie Bild 1Blood
Sweet Movie Bild 2Sugar
Sweet Movie Bild 3Babe
Sweet Movie Bild 4Sex
Sweet Movie Bild 5Magic
Sweet Movie Bild 6Forget Austin Powers: Here comes the real Goldmember
FAZIT:

Fassen wir also zusammen: Expliziter Sex, aktionistische Scheiss-Aktionen im wörtlichen Sinne, politische Parolen, aufgehübschte Bilder.
Was will uns der Künstler damit sagen? "Not everything can be explained", heißt es einmal im Film. Das lasse ich jetzt einfach so stehen.
Dusan Makavejevs SWEET MOVIE ist eine ebenso ästhetische wie provokative filmische Grenzüberschreitung, ein gezielter Tritt in die Weichteile der bourgeoisen Selbstgefälligkeit, wie sie nur in den wilden Siebzigern entstehen konnte.
Erhältlich in der Fremdsprachen-Videothek Alphaville.

WERTUNG: 8 von 10 Schokolade-Bädern
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