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Zwischen Himmel und Erde

Zwischen Himmel und Erde

DOKUMENTARFILM: CH, 2010
Regie: Christian Labhart
Darsteller: var.

STORY:

Dokumentarfilm über eine Gruppe von Menschen, die alle mehr oder weniger im Laufe ihres Lebens mit der Anthroposophie in Berührung gekommen sind.

KRITIK:

Filmtipps goes Esoterik, schon wieder, und weil wir als links-linke Gutmenschen und Vertreter des Ansatzes intersubjektiver Überprüfbarkeit von (schein)wissenschaftlichen Aussagen, daher des eher skeptisch-exoterischen Mainstreams unseren Bildungsauftrag ernst nehmen, sind wir natürlich auf dem Ohr für sich vor Hinterfragung immunisierenden Dogmen selbst natürlich "eh so(!) derrisch".

Es bietet sich natürlich an, eine Gruppe von Menschen, die felsenfest an Wiedergeburt glauben und die Schulmedizin verteufeln (obwohl sie bei schweren Krankheiten, dann interessanterweise doch auf genau diese zurückgreifen, was ihnen als Widerspruch gar nicht auffällt), als weltfremd und lächerlich abzustempeln, aber andererseits trinken wir dann doch am liebsten deren biodynamische Milch (die biologische Landwirtschaft wurde sozusagen von Steiners biodynamischer Landwirtschaft abgeleitet), beschmieren unsere Epidermis mit Weleda-Produkten und geben unsere Kinder in Waldorfschulen, von den einen zwar als "Heile-Welt-Ghettos" verschrien, von vielen anderen dann doch anerkannt in dem Glauben, dass unser herkömmliches Schulsystem nicht auf die Bedürfnisse der Kinder eingeht und nicht zu deren Charakterentwicklung beiträgt.

Vorausgesetzt natürlich, man kann sich das alles leisten. Wer dies aber nicht kann, für den gibt es da einen Verein namens "Freunde der Anthroposophen", wo unter anderem die Familie Porsche engagiert ist, die Leuten, welche da reinwollen, bereitwillig unter die Arme greifen.

Der Verfasser dieser Zeilen kann übrigens aus erster Hand berichten, weil er selbst über lange Jahre in einer anthroposophischen Einrichtung gearbeitet hat, wo er sicher nicht den Glauben angenommen, die daraus abgeleiteten Konsequenzen für das praktische Leben aber durchaus als sehr weise empfunden hat. Falls ich es richtig verstanden habe, ist die von Rudolf Steiner entwickelte Weltanschauung ist eine eklektische oder synkretische Verschmelzung von verschiedensten abstrakten Ideen, mit dem Ziel, diese aber auch im täglichen Leben anzuwenden. Anthroposophen beschäftigen sich mit Allem, vom Jahresrhythmus der Natur, über Gott bis hin zum Nägelschneiden. Das Menschenbild ist ein positives, es wird versucht das Gute im Menschen zu finden und zu stärken, jeder Mensch wird angenommen und akzeptiert.

Darüber hinaus gehen Anthroposophen von der Einheitlichkeit des Universums aus, man könnte von einer Form des Pantheismus sprechen, es gibt keine Grenzen zwischen der Innen- und der Außenwelt, alles was man tut, wirkt sich genauso auf alles aus. Wissenschaftlich ist das natürlich (ich sage zumindest mal zur Zeit, weil ich weiß, dass populärwissenschaftliche Wissenschaftsmagazine genau diese Verschränkung aller Materie gerne aus neuesten Erkenntnissen der Quantentheorie ableiten) überhaupt nicht haltbar, aber der daraus abgeleitete Versuch, sanft und nachhaltig zu wirken schaden zumindest niemandem.

Der Anthroposophie wird oft nachgesagt, sie sei eine Sekte, und ist übrigens in Frankreich genau deswegen verboten, jedoch muss man fairerweise sagen, dass man jederzeit kommen und gehen kann ohne aufgehalten oder drangsalisiert zu werden. Auch merkt man bei der Ansicht dieses Filmes, dass die Anthroposophen keineswegs eine homogene Gruppe sind, übrigens genauso wenig wie alle anderen von außen gerne als homogen betrachteten Gruppen wie zum Beispiel Muslime oder die Tea Party Bewegung in den USA, zwei weitere Gruppen, deren Mitglieder man gerne in einen einheitlichen Topf wirft.

Hier kommen über ewiggestrige Hardcore-Dogmaten, Mitläufer, Rebellen, Ehemalige und Revoluzzer, welche die Anthroposophie bis ins moderne Hollywoodkino, zur Ravemusik und in den Swingerclub mitnehmen, allesamt zur Sprache. Die Anthroposophie ist also ein komplexes, faszinierendes aber doch elitäres Phänomen, und das schafft der Film zu vermitteln, auch wenn er ein bisschen zu offensichtlich versucht nirgends anzuecken.

Es ist löblich, dass die rassistischen Tendenzen in Rudolf Steiners Werk angesprochen werden, so gar beeindruckend, dass einer der höchsten Köpfe der Gruppierung, der im Film davor als interessanter und intellektueller Kopf dargestellt, an einer Stelle damit bloßgestellt wird, indem er genau bei diesen (jetzt hätte ich fast dieses "dunkle Kapitel" geschrieben) eher zu hinterfragenden Aspekt vollkommende Unsensibilität und mangelnde Aufgeschlossenheit demonstrierte, sagt der Kerl doch tatsächlich "Neger" und glaubt daraufhin schnell selbst seinen bemerkten Faux-Pas mit der Selbstverbesserung zum Terminus "Farbiger" zu verbergen, und damit im Grunde alles Intelligente was er davor gesagt haben mag, mit einem Schlag neutralisiert.

Und dann fällt es plötzlich auf, bei aller Liebe, bei allen rosa Brillen, dieses geistige Zentrum, Dornach in der Schweiz, eine Insel der Seeligen, irgendwo zwischen Shutter Island und The Wicker Man, das Goetheanum, die Trutzburg der Anthroposphen ist nichts weiter als eine Missgeburt aus Technik und Organik, das geistige Leben an diesem Ort dort hat mit gelebter Anthroposophie so viel zu tun wie der Vatikan mit wirklich engagierten Christen, die Menschen nicht missionieren sondern wirklich helfen wollen, gute Besserung an Pfarrer Friedl an dieser Stelle.

Besagter Ort ist ein toter Punkt, im Film von einer der Interviewten selbst so beschrieben, dass "man das Gefühl habe dort in Dornach ist Nichts, erst an der Peripherie des Geländes beginnt die Anthroposophie zu wirken". Wie überall wird auch hier eine vielleicht gute Idee vom Zentrum aus korrumpiert. Aber das ist nur zwischen den Zeilen zu lesen, vielleicht auch nur wenn man ein bisschen Vorwissen mitbringt, wenn man weiß, dass sich viele Leute fragen, was man dort eigentlich so macht außer Luft zu verbrauchen. So friedlich und sanft die Anthroposophie sein mag, dieser Ort regt einfach die Fantasie in genau die andere Richtung an. Ich hab schon ein halbes Thrillerdrehbuch im Kopf. Schema: Kommissar ermittelt in bestimmtem Milieu und deckt dabei die inneren Widersprüche soweit auf, dass das ganze System zusammenbricht. Spannend, aber wahrscheinlich geht da meine Fantasie mit mir gerade durch.

Zwischen Himmel und Erde Bild 1
Zwischen Himmel und Erde Bild 2
Zwischen Himmel und Erde Bild 3
Zwischen Himmel und Erde Bild 4
Zwischen Himmel und Erde Bild 5
FAZIT:

Zwischen Himmel und Erde ist ein faszinierender Dokumentarfilm über die geheimnisvolle Welt der Anthroposophen, der sich aber eher mit einzelnen mit der Anthroposophie verbundenen Menschen beschäftigt als dem Phänomen an sich nicht näher zu kommen. Damit verschenkt der Film viel Potential und die Möglichkeit einen fairen und kritischen Kommentar abzugeben, es sei denn das Ziel des Filmemachers bestand darin, die Heterogenität dieser Gruppe herausstreichen. Man weiß es nicht.

Daher insgesamt sehenswert, aber nicht als Einstieg in die Anthroposophie geeignet, diese DVD-Veröffentlichung von Mindjazz Pictures, die mit einem informativen Booklet und reichlichen Extras daherkommt.

WERTUNG: 7 von 10 Drehungen bei der Eurythmie
TEXT © Ralph Zlabinger
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Dein Kommentar >>
Andreas | 25.10.2010 12:36
für Ralphs Schreibstil ungewöhnlich lange Sätze, deren Inhalt aber wie immer wunderbar sind.
Ralph | 25.10.2010 14:33
Ach Andreas, danke. Ich mir ernsthaft ja Sorgen gemacht, dass diese Kritik wirklich niemand lesen wird, was mich aber nicht gewundert hätte, bedenkt man das Thema. Zur Zeit hab ich ein bisschen Pech mit den publikumswirksameren Stoffen, der gute Harald schnappt mir jeden Kinofilm vor der Nase weg, ich muss wieder ein bisschen schneller werden. ;-)

Aber zumindest kann ich versprechen, dass in der nächsten Kritik die Sätze wieder kürzer werden...
Andreas | 25.10.2010 15:18
Wen interessieren schon die aktuellen Kino-Gähn-Giganten. Ich freu mich lieber auf deine Empfehlungen im Koreanischen Kino bzw. in der Animationsschiene (du hast immer das Gespür noch Filme zu finden, die ich noch nicht kenne)
Harald | 25.10.2010 15:19
Lieber Ralph, ich wäre höchst dankbar, wenn du Wall Street übernimmst ... ist ja auch ein bissl dein Metier ;-)
Ralph | 25.10.2010 15:43
Mach ich morgen abend. Morgen Nacht kommt die Kritik. :-)
Harald | 25.10.2010 16:56
danke, sehr pflichtbewußt :)
Hab übrigens heute den Leopard bestellt.
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