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The Bird with the Crystal Plumage

The Bird with the Crystal Plumage

OT: L´uccello dalle piume di cristallo / Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe
GIALLO: ITALIEN, 1970
Regie: Dario Argento
Darsteller: Tony Mustante, Suzy Kendall, Enrico Maria Salerno, Eva Renzi

STORY:

Während eines Italienaufenthalts beobachtet der amerikanische Schriftsteller Sam Delmas auf dem nächtlichen Nachhauseweg wie eine Frau und eine schwarz gekleidete Gestalt in einer Kunstgalerie miteinander kämpfen. Die Gestalt in Schwarz kann entkommen und die Frau landet verletzt im Krankenhaus. Damit scheint sie die Erste zu sein, die eine Begegnung mit dem unheimlichen Serienmörder, der gerade die Stadt terrorisiert, überlebt hat. Sam heftet sich auf die Spur des Killers und bringt sich und seine Freundin Giulia in tödliche Gefahr, denn auch die Gestalt in Schwarz ist auf den neugierigen Amerikaner aufmerksam geworden…-

KRITIK:

Ungeachtet der traurigen Tatsache, dass er seit nun mehr fast einer Dekade in einer tiefen Formkrise steckt (aus welcher -so zumindest die Vorzeichen- er wohl auch nicht mit seinem neuesten Film GIALLO herausfinden wird), ist der Wert eines Dario Argento für das Horror- und vor allem das Giallo-Genre gar nicht hoch genug einzuschätzen. Schließlich hat der kauzige Italiener mehr Meisterwerke in seiner Filmographie als Paris Hilton Schuhe im Schrank.

Im Jahr 1970 trat der Mann, der einst am Drehbuch von SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD mitgeschrieben hat, mit THE BIRD WITH THE CRYSTAL PLUMAGE den Weg zur Spitze an. Sein Debütfilm. Beinahe selbstverständlich ein Giallo. Und gleichzeitig Auftakt zu seiner berühmten sich auf die Original- und englischen Titel beziehenden "Tier-Trilogie". Dem BIRD WITH THE CRYSTAL PLUMAGE sollten nämlich noch die CAT O´NINE TAILS und die mächtigen FOUR FLIES ON GREY VELVET folgen.

Die deutschen Titelschmiede tanzten aber gleich zu Beginn der Reihe aus derselbigen, indem sie aus dem "Vogel mit dem Kristallgefieder" kurzerhand DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE machten. Sinn der Übung war der Brückenschlag zu den seinerzeit schwer angesagten Edgar Wallace-, bzw. Bryan Edgar Wallace-Streifen, die in ihren Titeln gerne mal ein GEHEIMNIS gekrämert haben.

Abgesehen davon, dass der Begriff der "Tiertrilogie" die Uneingeweihten im deutschsprachigen Raum fortan rätselt lässt, welches Tier sich hinter einem Handschuh verbirgt, trifft der deutsche Titel den Nagel aber auf den Kopf. Gerade die schwarzen Handschuhe (eines Killers) sind ja fast so etwas wie das Sinnbild des Giallo; und DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE darf sich sowieso zu den Klassikern des Genres zählen.

Die Romanvorlage (The Screaming Mimi) hat allerdings nicht der Spross von Edgar Wallace geliefert, sondern Frederic Brown. Bryan Edgar Wallace, unter dessen Namen Argentos Debüt kräftig vermarktet worden ist, hat mit THE BIRD WITH THE CRYSTAL PLUMAGE tatsächlich soviel zu tun wie Kuchen backen mit Arschbacken.

Allerdings hat Argento Browns Geschichte ohnehin in erster Linie dazu benutzt, um seine ureigene Filmsprache zu entwickeln. Auch wenn die Morde noch nicht so drastisch wie fünf Jahre später in DEEP RED zelebriert werden; schon das Debüt ist unverkennbar Argento.

Er nimmt den schwarzen Hut und Handschuhe tragenden Killer aus Mario Bavas Pionierstück BLUTIGE SEIDE und modelliert ihn zu einem von inneren Dämonen getriebenen, traumatisierten, obsessiven Todesengel aus. Der zu Wiegenliedern seine Messer ordnet oder ein makabres Gemälde betrachtet, bevor er zu einem neuen Mord auszieht…

Doch der Film, der in Struktur und Tempo Argentos späterem Überwerk DEEP RED nicht unähnlich ist, rückt die Ermittlungen des in die Detektivrolle übergewechselten Augenzeugen in den Mittelpunkt des Geschehens und nicht die Morde selbst. Oberflächlich betrachtet mutet dies als der langatmigere Weg an, doch der Schein trügt. Obgleich die Taten des Killers eher am Rande passieren, ist er wegen der düsteren Grundstimmung des Films und vor allem in der atonalen, gespenstischen Musik von Ennio Morricone praktisch allgegenwärtig.

Etwa bei einer Hetzjagd zu Fuß über einen nächtlichen Busparkplatz, bei der besonders MARK OF THE DEVIL-Inquisitor Reggie Nalder als ein (nicht der!) Killer hervorsticht - und dass nicht allein wegen seiner knallroten Jacke.

Insbesondere diese Sequenzen als auch die Morde und das völlig psychotische Finale repräsentieren dann auch Argentos bevorzugte Spielwiese in diesem Film. Und das sind die Szenen, die im Dunkeln spielen. Die verkommen hier nicht wie bei weniger begabten Inszenatoren zum blinden Herumstolpern von Schemen auf einer schwarzen Leinwand; nein, dank Argentos Genie, dem Oscar®-prämierten Cinematographen Vittorio Storaro sowie einer Beleuchtung, die perfekt Details wie Türrechtecke oder Gesichter herausarbeitet, sind das in THE BIRD WITH THE CRYSTAL PLUMAGE wahrlich große Momente.

Doch selbst die ruhigeren der insgesamt 96 Minuten sind nicht langweilig. Dafür sorgen skurrile Figuren wie der schwule Kunsthändler Werner Peters und vor allem der große Mario Adorf als…äh…exzentrischer Maler mit einer…äh…kulinarischen Vorliebe für Katzen. Außerdem mit dabei der etwas arrogante seinerzeit Hollywood erprobte Star Tony Mustante, der aber einen absolut souveränen Helden gibt. Die weiblichen Stars sind Suzy Kendall, deren Karriere Marksteine im Giallo (u.a. TORSO, SPASMO), aber auch in der Nunsploitation (DER NONNENSPIEGEL) hinterlassen hat und die Mutter der deutschen Schauspielerin Anouschka Renzi, Eva Renzi.

Zum Schluss noch der Hinweis: Die Review entstand anhand der US-DVD von Blue Underground, die den nicht nur lieblos präsentierten, sondern auch noch massiv geschnittenen deutschen Veröffentlichungen unbedingt vorzuziehen ist.

The Bird with the Crystal Plumage Bild 1
The Bird with the Crystal Plumage Bild 2
The Bird with the Crystal Plumage Bild 3
The Bird with the Crystal Plumage Bild 4
The Bird with the Crystal Plumage Bild 5
The Bird with the Crystal Plumage Bild 6
The Bird with the Crystal Plumage Bild 7
FAZIT:

THE BIRD WITH THE CRYSTAL PLUMAGE ist Argentos Debütwerk und gleichzeitig Auftakt zu seiner (weiterhin aus CAT O´NINE TAILS und FOUR FLIES ON GREY VELVET) bestehenden Tiertrilogie, welche den Weg zum Überwerk DEEP RED geebnet hat. Aber bereits THE BIRD WITH THE CRYSTAL PLUMAGE ist ein Klassiker im Metier der schwarzen Handschuhe und Rasiermesser; dank Argentos schon hier aufblitzender Genialität, einem grandiosen Morricone-Score und dem brillanten Spiel mit der Dunkelheit in den Spannungsszenen.

WERTUNG: 8 von 10 selbst schließenden Glastüren
TEXT © Christian Ade
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Marcel | 23.06.2010 15:12
Argentos Debutfilm war darüber hinaus auch ein großer kommerzieller Erfolg und sorgte für einen deutlichen Anstieg von Giallo-Produktionen der italienischen Studios. BLUTIGE SEIDE etablierte den Giallo als eine Spielart des italienischen Kinos, aber erst BIRD WITH THE CRYSTAL PLUMAGE machte daraus eine Goldgrube.

Die deutsche DVD ist nicht nur lieblos und geschnitten, sondern präsentiert sich auch im falschen Bildformat. Kurioserweise fehlen dabei nicht nur rechts und links vom Bild Informationen (das passiert schon mal, wenn der 16:9 Bildschirm nur mit viel Alkohol breit genug für Techniscope wird *g*), sondern auch oben und unten. Was sie sich dabei gedacht haben, bleibt ein Mysterium.
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