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GOOD MOVIES FOR BAD PEOPLE
Unconscious

Unconscious

OT: Inconscientes
KOMÖDIE: E, 2004
Regie: Joaquín Oristrell
Darsteller: Leonor Watling, Luis Tosar, Alex Brendemühl, Mercedes Sampietro

STORY:

Barcelona 1913. Freuds Gedanken halten Einzug in die Welt. Auch die moderne, hochschwangere Alma (Leonor Watling) ist von ihm fasziniert. Als sie eines Tages nachhause kommt, ist ihr Gatte Leon, seines Zeichens Irrenarzt, verschwunden. Nur die seltsame Anweisung, sein wissenschaftliches Werk zu vernichten, steht auf seiner Tafel geschrieben. Alma bittet ihren konservativ-steifen Schwager und Leons Konkurrent Salvador (Luis Tosar), ebenfalls Irrenarzt, um Hilfe. Die beiden stoßen in der Folge auf ein Netz aus Verschwörungen, Geheimnissen und Ungesagtem.

KRITIK:

Ach, diese herrliche Dekadenz am Ende des neunzehnten und Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts! Der Mensch erfährt nach und nach, dass er kein göttliches Wesen ist, sondern alleine in eine unwirtliche Welt geworfen wurde. Nach den großen Demütigungen durch das kopernikanische Weltbild, das uns aus dem Zentrum des Universums verbannt, und Darwins Theorien, wonach wir alle vom Affen abstammen, folgt Sigmund Freud, der meint Eros und Thanatos beherrschten uns.

Welten prallen aufeinander, denn alte Anschauungen sterben nur langsam aus. Mitunter kann das Jahrhunderte dauern, denn der Mensch gibt sein Weltbild nicht einfach so auf, er klammert sich verzweifelt am Althergebrachten fest. In dieser Zeit zu leben ist wahrlich kein Zuckerschlecken, aber von dieser Zeit zu erzählen ist mitreißend, weil wir (also zumindest ich) so gerne hören und sehen wie unser heutiges Denken entstanden ist.

Mitten in diesem Spannungsfeld spielt diese köstliche spanische Komödie, die obwohl nicht allzu schwer, doch wesentlich mehr Biss und Tiefgang und vor allem Sex hat, als es ein vergleichbar großer Film aus den vereinigten Staaten hätte. Die Filmwelt richtet den Blick zur Zeit gerne in den Osten, wo Korea, China und Japan großartiges leisten und beweisen wie gute Filme auszusehen haben.

Aber ich möchte an dieser Stelle das spanische Kino als mindestens ebenbürtig bezeichnen. Was sich dort in den letzten Jahren getan hat ist einfach unglaublich. Almodovar und Amenábar brauchen wohl nicht extra erwähnt zu werden, aber da gibt es auch noch einen Alex de la Iglesia, einen Julio Medem und noch einen ganzen Haufen anderer begabter Regisseure, die Filme auf einem technischen Niveau drehen, dass locker mit Hollywood mithalten kann, sich aber trotzdem nach Autorenkino anfühlen.

Regisseur Oristrell schickt seine Protagonisten auf eine abenteuerlich-humorvolle Reise durch ihr eigenes Unterbewusstsein, durch die Geschichte ihrer eigenen Familie, durch eine Welt, die zwischen Wissenschaft und Glaube, zwischen Tradition und Moderne schwankt. Da vergisst ein Doktor Alzheimer am Podium schon mal seine Rede, der vor Liebe überkochende Salvador bewertet Emotionen als Funktionsstörung des Gehirnes, Alma glaubt so fest an durch Hysterie hervorgerufene Lähmungen, dass sie dauernd umkippt und das auch noch verteidigt.

Überdies ist es sehr vergnüglich, zu beobachten wie eine überkandidelt-konservative Gesellschaft uns Einblicke hinter ihrer Fassade gewährt, wo sich feucht-vergnügt Nymphomanie, Hysterie, Penisneid, Ödipus und Wahnsinn tummeln, jedenfalls immer so lange bis die Hypsnose durch einen Fingerschnipp beendet wird.

Jeder kriegt sein Fett ab, der König, Gaudi und sogar Sigmund Freud kommt zu seinem obligaten Auftritt im Finale des Films, wo es um nichts weniger als das Überleben seiner Thesen geht. Dass am Ende die Liebe siegt und die Freiheit gewinnt ist eh klar, aber selten war das so stilvoll und niveauvoll-witzig verpackt. Und wenn man ganz genau hinsieht, weiß man auch, dass das gute Ende in Wahrheit gar keines ist. Der Weltkrieg, die Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts, steht vor der Tür. Die Freiheit muss warten...

Unconscious Bild 1
Unconscious Bild 2
Unconscious Bild 3
Unconscious Bild 4
Unconscious Bild 5
Unconscious Bild 6
FAZIT:

Optisch hervorragende, leichtfüßig-vergnügliche Komödie, die sich wie ein Krimi durch die verschiedenen Schichten des Bewusstseins einer ganzen Gesellschaft vorankombiniert und dabei nicht mit Zitaten aus Kultur und Wissenschaft spart. Für Freunde gepflegter Komödienunterhaltung.

WERTUNG: 7 von 10 Vintage-Pornos
TEXT © Ralph Zlabinger
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Dein Kommentar >>
Harald | 28.06.2008 07:32
naja, ich bin ja eher ein freund ungepflegter komödienunterhaltung ;-) aber die spanier haben einen ganz eigentümlichen humor, den ich sehr mag. mal sehen.
übrigens: amenábars 'open your eyes' (ot: abre los ochos) ist der pure wahnsinn. sollte sich mal jemand vornehmen/rezensieren...
Ralph | 28.06.2008 10:14
Deshalb jab ich dem Film auch "nur" 7,5 gegeben, weil er ja ruhig ein bisschen "ungepflegter" hätte sein können. Andrerseits passiert es mir oft, dass ich mir Filme ganz alleine anschaue und sie als völlig "normal" empfinde, dann begeistert versuche sie meinen Freunden zu zeigen, die dann alle meinen, der Film sei völlig pervers, derb, verrückt und/oder unkonsumierbar;-)
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