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The Washing Machine

The Washing Machine

OT: Vortice mortale
GIALLO: ITALIEN, 1993
Regie: Ruggero Deodato
Darsteller: Ilaria Borrelli , Philippe Caroit, Katarzyna Figura, Barbara Ricci, Yorgo Voyagis

STORY:

Die drei Schwestern Vida (Katarzyna Figura), Ludmilla (Barbara Ricci) und Maria, auch Sissy genannt (Ilaria Borrelli), leben gemeinsam in einer WG. Eines Abends kommt es zwischen Vida und ihrem Freund und Zuhälter (!) Yuri Petkov (Yorgo Voyagis) zu einem Streit, der mit Yuris Rausschmiss endet. Als Ludmilla in der selben Nacht Yuri zerstückelt in der Waschmaschine findet, alarmiert sie die Polizei. Als am nächsten Tag Inspektor Alexander Stacev (Philippe Caroit) am Tatort eintrifft, fehlt von der Leiche jedoch jede Spur. Obwohl Stacey daran zweifelt, dass hier tatsächlich ein Mordfall vorliegt, nimmt er sich der Sache an. Seine Untersuchungen scheinen jedoch sehr lange zu nichts zu führen. Dafür verstricken ihn die drei Schwestern in ein immer verwirrenderes Netz aus Sex und Lügen.

KRITIK:

Holla die Waldfee, was für ein Film! Bei diesem durchgeknallten Flick weiß nicht nur Inspektor Stacey, sondern auch der Zuschauer die meiste Zeit über nicht, was er von der ganzen Sache halten soll. Was z.B. oben lapidar als Streit zwischen Vida und Yuri beschrieben wurde, sieht im Detail so aus:

Die beiden kommen abends in der WG an. Vida ist stocksauer, weil Yuri ihr ein Armband geschenkt hat, in das nicht ihr Name, sondern "Sissy" eingraviert ist. Vida zieht ihren Mantel aus und darunter erscheint ein knallrotes Oberteil, aus dem ihre Brüste Marke Russ Meyer hervorquellen. Yuri versucht sie damit zu beschwichtigen, dass es der Goldschmied (!) war, der die Sache verbockt hat. Da Vida ihm das natürlich nicht abnimmt, nimmt Yuri sie zur Versöhnung schnell mal vor dem geöffneten Kühlschrank.

Schwesterchen Ludmilla sitzt dabei oben auf der Treppe und beobachtet das rege Treiben. Als Vida zu ihr hochschaut, zieht sie sich nicht unauffällig zurück, sondern spreizt provokativ die Beine und zeigt, dass sie unter ihren Rock ein weißes Spitzenhöschen trägt. Vida scheint das noch zusätzlich anzutörnen und auch Ludmilla ist von dem ihr gebotenen Schauspiel so entzückt, dass sie dazu auf einer Triangel den Takt schlägt!

Vida kommt so in Rage, dass sie mit ihrem hochhackigem Schuh im Kühlschrank den Teller mit dem Katzenfutter umwirft. Die Katze freut sich, schlängelt sich zwischen den zuckenden Beinen hindurch und schleckt das Futter auf. Als Vida nachschaut, was da unten los ist, fällt ihr Blick erneut auf die fehlerhafte Gravur. Wutentbrannt kickt sie erst die Katze, und dann Yuri weg. Kurz darauf stehen alle drei Schwestern mit vorwurfsvollem Blick vor Yuri und Vida sagt ihm dass er verschwinden soll. Yuri entgegnet, dass er dann aber auch nicht wieder käme. Ludmilla schlägt entzückt einen Tusch auf der Triangel. Ende der ersten Szene.

Tja, was soll Mann von diesen Schwestern bloß halten? Inspektor Stacey jedenfalls bleibt angesichts des ihn umgebenden Wahnsinns lange Zeit erstaunlich cool. Zwar wächst sein Ärger angesichts der immer neuen Versionen der Wahrheit, die ihn jede der drei Schwestern auftischen. Doch das hält ihn auf der anderen Seite auch nicht davon ab, auf deren Verführungsversuche immer wieder einzugehen. Und in dem Stil geht der Film lange Zeit immer weiter. Und gerade, als auch der Zuschauer allmählich die Hoffnung verliert, jemals zu erfahren, ob das Ganze überhaupt irgendeinen Sinn macht, zieht Zaubermeister Ruggero Deodato feist grinsend das weiße Kaninchen aus seinem Zylinder hervor.

THE WASHING MACHINE war Ruggero Deodatos bis heute letzter Film für die große Leinwand, bevor er sich endgültig in Berlusconis Schreckensreich zurückgezogen hat. Und man hat das Gefühl, dass er hier noch einmal so richtig auf die Kacke hauen wollte, um sich dann umso entspannter für das italienische Fernsehen zu prostituieren. Aber hier trumpft er noch mal so richtig auf und zieht ein As nach dem anderen aus seinem Ärmel.

Da ist zunächst einmal das wunderschöne Setting in Budapest. Der morbide Charme des "Paris des Ostens" kann problemlos mit dem von Venedig in Gialloklassikern wie Aldo Lados THE CHILD konkurieren. Eingefangen wird das Ganze durch die ausgezeichnete Kameraarbeit von Sergio D'Offizi. Der hatte nicht nur bereits bei den Exploitation-Krachern CANNIBAL HOLOCAUST und THE HOUSE BY THE EDGE OF THE PARK mit Ruggero Deodato zusammengearbeitet, sondern führte auch bei Lucio Fulcis ambitioniertem Giallo DON`T TORTURE A DUCKLING die Kamera. Musikalisch untermalt wird das Ganze von einem wunderbar atmosphärischen Score von Claudio Simonetti.

Inhaltlich knüpft THE WASHING MACHINE mit den von den drei Schwestern vorgebrachten unterschiedlichen Varianten der Wahrheit und der Suche des Inspektors nach der davon gültigen Version an Akira Kuraosawas Klassiker RASHOMON (1950) an. Doch im Gegensatz zu Kurosawa baut Ruggero Deodato dieses immer verwirrendere Netz sich widersprechender Beobachtungen nur auf, um es am Ende mit einem gewaltigen Hammerschlag zu zerstören. In diesem Punkt erinnert THE WASHING MACHINE an den erst vor kurzem erschienenen UNTER KONTROLLE (2008) von Jennifer Lynch. Und wer es nicht mag sich von einem Film so richtig überraschen zu lassen, sollte von beiden Filmen besser die Finger weg lassen.

Und wo ich gerade bei Jennifer Lynch bin. Die Arme leidet ja unter dem Problem aller Kinder genialer Eltern. Denn obwohl sie selber richtig gut ist, wird sie von den Kritikern permanent nur runter geputzt, weil Papa David eben noch weit besser ist. Das der einer der ganz Großen ist, weiß natürlich auch Ruggero Deodato. Und so finden sich in THE WASHING MACHINE surreale Obskuritäten und sexuelle Perversionen, die direkt dessen Klassikern BLUE VELVET (1986) oder TWIN PEAKS (1992) entsprungen sein könnten.

Aber da dem guten Ruggero auch dieser Mix anscheinend noch nicht wüst genug war, bringt er mit XXL-Vida auch noch eine heftige Portion Trash mit ins Spiel. Diese dauergrinsende Gymnastiklehrerin und Teilzeitprostituierte wirkt in THE WASHING MACHINE eigentlich die meiste Zeit über wie ein Fremdkörper, der wesentlich besser in Giallo-Trash-Granaten wie Lamberto Bavas DELIRIUM: PHOTO OF GIOIA aufgehoben wäre.

So ist auf jeden Fall für reichlich Sleaze gesorgt, während der Film über den größten Teil seiner Laufzeit nicht so richtig vom Fleck kommt. Denn zwischen der flotten Exposition und dem überraschenden Finale passiert letzten Endes wenig mehr, als dass der gute Inspektor von einer scharfen Schwester nach der anderen zu sexuellen Spielchen verführt wird. Das hat zwar durchaus auch seinen Unterhaltungswert, führt aber leider gleichzeitig dazu, dass THE WASHING MACHINE über weite Strecken weitestgehend spannungsfrei ausfällt. Und so ist Ruggero Deodatos cineastische Abschiedsparty letzten Endes leider doch nur ein kleiner, aber feiner Geheimtipp, aber kein vergessenes Meisterwerk.

Aber auf jeden Fall ist der Film so gut, dass man als echter Giallo-Aficionado schon ein wenig sentimental werden kann, wenn man bedenkt, dass die noch lebenden alten Haudegen des Genres nun schon seit Jahrzehnten ihr Talent für billige Fernsehproduktionen vergeuden. Ruggero Deodato gibt jedoch freiwillig zu, dass zumindest in seinem Fall ein Teil der Schuld bei ihm selbst liegt.

In einem Interview zu den Qualitäten seines verstorben Freundes Luci Fulci befragt, antwortet Deodato freimütig, dass Fulci vollkommen für die Kunst gelebt habe. Er selber sei jedoch kein 100%iger Künstler, sondern lege auch viel Wert auf ein komfortables Leben. Hätte er deshalb die Wahl zwischen einem Filmprojekt, das nicht sicher sei, und einem Fernsehfilm, der sicher sei, würde er sich immer für den Fernsehfilm entscheiden ...

Immerhin weiß ein Teil der jungen Generation der Horrorregiseure, was sie den alten Knackern aus Bella Italia verdanken. Und so gab es 2007 dann doch noch ein kleines Wiedersehen mit Ruggero Deodato im Kino. Da hatte der Schöpfer von CANNIBAL HOLOCAUST nämlich einen kleinen, aber stilechten Gastauftritt als Gourmet-Kannibale Hannibal-Lecter-Style in HOSTEL 2 von Eli Roth.

The Washing Machine Bild 1
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The Washing Machine Bild 3
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FAZIT:

THE WASHING MACHINE ist ein später Giallo mit dem Style der alten Tage. Da dies Ruggero Deodato für seine cineastische Abschiedsparty jedoch noch nicht genug war, wildert er zusätzlich ausgiebig in den obskuren Wäldern von TWIN PEAKS und garniert das Ganze mit einer fetten Portion Trash und Sleaze. Das Ergebnis ist ein erotischer und surrealer Cocktail mit Kultcharakter. Hätte Deodato in diesen wüsten Mix auch noch ein wenig mehr, als nur homöopathische Dosen an Spannung hineingepackt, hätte es sogar für ein kleines Meisterwerk gelangt.

WERTUNG: 7 von 10 S&M-Spielzeuge im Kleiderschrank
TEXT © Gregor Torinus
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